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Verklärt

Früher, also ganz früher, da sollen ja selbst die alten Zeiten noch besser gewesen sein. So sagt es zumindest ein schlaues Sprichwort.

Und der moderne Mann von heute wird sich natürlich hüten, entweder etwas gegen die alten Zeiten oder die neuen Sprichworte zu sagen. Aber immerhin erkennt der feige Mann von heute, dass selbst an den Sprüchen, die so jung nun eigentlich auch wieder nicht sind, durchaus etwas dran ist. Und hier ist die Moral sogar recht schlicht: etwas nostalgische Verklärtheit hilft, die Welt nicht nur geordneter sondern auch ein Stück weit angenehmer und einfach charmanter zu sehen.

Das bestätigt sich auch im öffentlichen Leben mit dem kleinen Mann immer wieder auf das Neue.

Schon beim ersten öffentlichen Auftritt hat der Nachwuchs den Herrn Papa dadurch irritiert, dass wildfremde Frauen plötzlich mitten in ihrer Bewegung inne hielten, sich nach dem Vorbeiziehen gar wieder umdrehten und entweder schlicht freundlich lächelten oder sich gar zu einem schmachtenden Seufzer hinreißen ließen. Die Sehnsüchte an entweder noch kommende oder schon längst vergangene Zeiten standen quasi plastisch im Raum. Dass keine dieser Reaktionen jedoch ihm galt, hat der moderne Mann von heute mittlerweile zum Glück recht erfolgreich verarbeitet und kann ganz entspannt darauf zurück blicken.

Mit einer ähnlichen Lässigkeit steckt er auch Kommentare weg, die ihm freundlich und ungefragt nahe legen, die Zeit mit dem kleinen Mann gefälligst zu genießen, so lange er noch klein und niedlich ist.

Als ob irgendjemand ernsthaft glaubt, dass aus so einem kleinen Charmeur einmal jemand nur schwerlich ertragbares werden könnte, dachte der moderne Mann von heute bei sich.

Bis dem kleinen Mann und ihm vor kurzem im öffentlichen Nahverkehrsmittel ein Gespann aus Mutter und Tochter begegnete, von dem der jüngere Teil gerade in dem Alter war, welches kurz vor dem Auszug aus dem elterlichen Reich kommt. Mit einer kontrolliert anmutenden Mischung aus spätjugendlicher Begeisterungsfähigkeit und früherwachsener Abgeklärtheit hat sie einen Blick in den Kinderwagen geworfen und konnte ein latent freundliches Zucken der Mundwinkel nicht vollständig verhindern.

Ihre Mutter meinte nur recht trocken: „Tja, in dem Alter warst Du auch noch süß.“

Danach sind beide ausgestiegen.

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Oje, ich wachse!

Aller Anfang ist schwer. So beginnt das Buch Oje, ich wachse! mit folgender Fußnote gleich auf der ersten Seite:

In diesem Buch wird der Einfachheit halber das Wort »Mutter« benutzt. Eigentlich müßte es immer heißen: »Mutter/Vater/Hauptbetreuungsperson«.

Das ist hart. Selbst für den modernen Mann von heute. Letztendlich ist es aber wohl nur gerecht und tut dem Buch auch nicht wirklich weh.

Oje, ich wachse! Was das Buch macht, ist den Versuch zu starten, verschiedene mentale Entwicklungsschübe eines Babies in seinem ersten Lebensjahr aufzuzeigen und zu erklären. Diese Schübe, heißt es, kommen vorhersehbar bei jeweils einem bestimmten Alter des Kindes. Dieses Alter wird in Lebenswochen angegeben. Mit einer gewissen Toleranz. Was letztendlich dazu führt, dass man praktisch zu jeder Zeit einen mentalen Wachstumsschub dem Verhalten des eigenen Nachwuchses zuordnen kann.

Womit die hauptsächliche Schwäche des Buches deutlich wird: Es verläuft sich im Unkonkreten. Die Aussagen und Theorien werden stets mit kurzen Elternzitaten belegt. Samt Vornamen und Alter des jeweiligen Kindes. Das ist unterhaltsam aber wenig hilfreich. Vor allem, da andere, weiter führende Quellenangaben fehlen. Ein Literaturverzeichnis? Fehlanzeige.

Die Autoren bauen ausschließlich darauf, dass der Leser ihrer Kompetenz vertraut. Das wäre allerdings einfacher, wenn eben dieser Leser eine Chance dafür bekäme. Eben durch weiter führende Referenzen.

Denn einer der zentralen Aussage des Buches möchte man durchaus gern folgen: Nimm Dein Kind auf den Arm. Auch, wenn es Dich vielleicht gerade stressen mag.

Und das ist auf jeden Fall ein guter Rat. Hinzu kommt, dass die Autoren ihn aus einem Perspektivwechsel herleiten: sie betrachten die Situationen aus der Perspektive des Babies, nicht der Perspektive von uns Eltern. Somit ist nicht nur der Rat, den das Buch erteilt, ein sehr guter. Sondern auch die Frage ist es, die dem Rat voraus geht. Die Frage danach, um wen es eigentlich geht: das Kind.

Insofern: lesenswert, nicht nur für Mütter sondern auch Väter und andere Hauptbetreuungspersonen. Auch wenn der Inhalt durchaus fundierter dargestellt und belegt werden könnte.