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wort zum sonntag

Wort zum Sonntag: Wokeness

Am Anfang hieß unser neuer Spielplatz, auf dem wir uns alle in den Armen lagen noch Social Media. Wir übten uns in bis zu 140 Zeichen langen Tweets der Kunst der Aphorismen, wir reduzierten Elaborate auf ihre Kernaussagen herunter und hatten trotzdem noch Platz für Emojis, wir spielten auf kulturhistorische Erlebnisse an und kritisierten dabei Neuerscheinungen im Plattenregal, ohne diese auch nur beim Namen nennen zu müssen.

Und dann kam die Moral.

Seitdem sind wir woke und spielen das hier:

Die geballte anonyme Mehrheit, angeführt von Influencern und der Twitterati-Klasse, hat das erste und letzte Wort und verschiebt laufend den Rahmen dessen, was in ihre binäre Weltsicht passt. […] In diesem verhärteten Umfeld, das keine Zwischentöne und keine Ironie kennt, regiert die Willkür.

(Simon M. Ingold in der NZZ)

Wie wundervoll elegant auf den Punkt gebracht.

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aus dem regal

Gelesen: Der Club von Takis Würger

Zum Anfang gibt‘s glatt mal wieder ein Bekenntnis: Im Stapel ungelesener Bücher des hiesigen Regals fangen einige Exemplare bereits an, zu vergilben. Man kommt ja zu nix. Wir kennen das sicher alle.

Immerhin habe ich jetzt mal wieder etwas herausgezogen: Der Club von Takis Würger ist dabei freundlicherweise sowohl ein angenehm schlankes Buch, als auch eines, welches an den Buchseiten blau eingefärbt ist. Das vergilbt nicht so leicht. Wie entgegenkommend.

Das gilt auch für seinen Erzählstil. Ebenfalls sehr entgegenkommend. Was nicht an der Geschichte liegt. Die ist nämlich eher düster. Sie geht damit los, dass ein Junge zum Waisen wird, als Verwandte bleibt ihm eine Tante, die im fernen englischen Cambridge steckt. Nach seinem Internat holt sie ihn dort hin, damit er im titelgebenden Männerclub düstere Machenschaften aufdeckt. Mitsamt seinen Boxkünsten schafft er es in den Club hinein. Und natürlich ziehen ihn die Verlockungen darin in ihren Bann.

Es folgt ein Hin und Her, ein Yin und Yang, ein Pendeln zwischen Boxen und zwischenmenschlichen Feinheiten, testosteronschwangere Auswüchse wechseln sich mit sensiblen Gefühlen von Frischerwachsenen ab. Das alles ist spannend, mitreißend und umwerfend sensibel erzählt.

Man kann es am Ende recht klar sagen: Boxen ist Mist, das Verhalten so mancher in elitären Clubs ist Mist. Dieses Buch ist es zum Glück nicht. Feine Lektüre. Sollte man vor dem Lesen nicht erst im Regal vergilben lassen.

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laufen termine

Am 2.2. ab 11:11 Uhr ist Malerdorflauf

Es hilft ja alles nichts: Gelegenheiten sind dafür da, ergriffen zu werden. Und wenn jemand im Jahr 2020 am 2.2. ab 11:11 Uhr einen Lauf veranstaltet, dann ist unsereins natürlich dabei.

Der Spaß steigt in Grötzingen, das ist hier in den Südstaaten gleich um die Ecke. Sehr praktisch. Das habe ich glatt ausgenutzt und bin heute zu einer Proberunde genau dorthin (gelaufen, eh klar) und habe nicht nur die Strecke, sondern auch den Veranstalter persönlich kennengelernt. Beides super, kann man nicht anders sagen.

Darum hier gern noch mal ganz deutlich: Kommt zuhauf! Am 2.2. um 11:11 Uhr geht es los. Bis 13:33 Uhr hat man dann Zeit, um ein paar Runden zu absolvieren. Diese sind jeweils knapp zweieinhalb Kilometer lang. Und wer möchte, kann das gern mit einer Spende für den guten Zweck der Veranstaltung verbinden.

Eine explizite Pflicht zur Anmeldung gibt es nicht, die eigene Zeit misst jede(r) selbst. Weitere Infos gibt’s auf der Homepage des Laufs.

Nur zu.

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aus dem regal

Gelesen: Schalttagskind von Oliver Driesen

Es gibt Autoren, die gehen im allgemeinen Lärm um neue Bücher manchmal ein wenig unter. Oliver Driesen ist so einer. Mit Wattenstadt hatten wir hier schon sein Debüt in den Fingern. Es hat begeistert.

Jetzt also Schalttagskind. Das ist der an einem 29. Februar geborene Billy Sloman. Mit vier Jahren ist dieser auf der Jungfernfahrt der Titanic mit dabei. Und sieht mit scharfem Blick den wohl berühmtesten Eisberg der Schifffahrtsgeschichte, rechtzeitig, so dass die Mannschaft den Kurs noch korrigieren und dem schwimmenden Ungetüm ausweichen kann.

Die Titanic sinkt also nicht. Der scharfe Blick von Billy bleibt jedoch. Ausgehend von einer Bekanntschaft, die er aufgrund seiner Entdeckung auf dem Boot macht, wird er später Kameramann und zwar ein verdammt guter. Dokumentationen erstellt er und es sind jene über die ganz Großen: den Ganoven John Dillinger als ersten Staatsfeind der USA, gejagt vom (heutigen) FBI, Pablo Picasso in einer innovativen Home-Story und Wojciech Jaruzelski als Verteidigungsminister Polens in Zeiten des aufkeimenden Widerstands, aus dem die Solidarność entstand. Und am Ende der Dramen gibt’s am 11. September 2001 zwar ein großes Drama, aber doch ein komplett anderes als wir es erlebt haben.

Was für ein Setting. Und die Geschichten dazwischen und drumherum sind wieder ganz wundervoll erzählt. Es ist zwar nicht so unterhaltsam komisch wie bei Wattenstadt, aber dafür kommt auch mal faustdicke Spannung auf und die erzählten Erfahrungen sind persönlicher. Und in vielen Details scheint die Leidenschaft des Autoren für die Seefahrt und Boote – Verzeihung: Schiffe! – so euphorisch durch, dass es eine Freude ist.

Ein feines Buch. Und nachdem Wattenstadt im Selbstverlag, dieses Buch hier jedoch bei einem, nun, interessanten Kleinverlag erschienen ist, darf es beim nächsten Mal dann bitte mare sein, oder? Es wäre nur angemessen.

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aus dem regal

Gelesen: Herkunft von Saša Stanišić

Warum den lesenden Teil des Jahres nicht mal mit dem Gewinner des Deutschen Buchpreises aus dem Vorjahr beginnen? Eben, gute Idee. Gedacht, getan. Herkunft von Saša Stanišić also.

Muss man dazu eigentlich noch viel sagen? Dass der Autor schreiben kann, haben wir hier schon mehrfach erleben dürfen. Es bestätigt sich auch hier. So einen Buchpreis gibt’s wohl nicht ganz umsonst.

Inhaltlich muss man sich an dieser Stelle darauf einlassen, dass ein noch recht munterer und erfreulich lebendiger Autor seine Autobiographie abliefert. Damit kündigt er aber wohl eher nicht seinen Ruhestand an. Vollkommen transparent berichtet er nämlich unter anderem davon, dass er bei seiner regionalen Eingliederung sich ganz formal dazu verpflichten musste, seiner Autorentätigkeit möglichst lange und ausschweifend nachzukommen. Da er das wohl auch ganz gern macht und sich das Ergebnis sehen bzw. lesen lässt, ist das endlich mal ein Gewinn, zu dem sogar unsere liebe Einwanderungsbürokratie ihren kleinen Beitrag leistet. Wie schön.

Andere Teile der Geschichte sind naturgemäß erheblich weniger erfreulich. Da gibt es die Abschiebung seiner Eltern, da gibt es die voranschreitende Altersdemenz seiner Großmutter, da gibt es den Alltag im Einwanderergetto von Heidelberg mit der lokalen Araltankstelle als kulturellem Treffpunkt und da gibt es Geschichten anderer, nicht nur eingewanderter, Menschen, die am Leben, an der Gesellschaft und am Miteinander zu zerbrechen drohen.

All das, all diese Dramen, gibt es jedoch verpackt in einer lockeren Art des Erzählens, wie sie nur wenigen unter uns gelingt. Hier wird nicht billig angeprangert, hier wird nicht plumpe Larmoyanz bedient. Hier gibt’s stattdessen einen unterhaltsamen Blick auf’s Geschehen, die Gedanken dazu kann und darf man sich dann gern selbst machen.

Und dass der Autor Spaß am Spielen beim Erzählen hat, sieht man spätestens daran, dass das Buch nicht einfach schlicht endet, sondern mehrere mögliche Varianten des Fertiglesens liefert. Je nachdem, wie man sein Lesegerät bedient, steht dadurch mehrmals »Ende« dran, wo nur manchmal auch wirklich schon eines ist.

Macht Spaß. Danke dafür. So fängt das Jahr doch schon mal gut an.