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aus dem regal

Gelesen: Neujahr von Juli Zeh

Das ist echt praktisch: Bei Juli Zeh kommt man sowohl dann auf seine Kosten, wenn man die großen, dicken Schinken mag, als auch, wenn man es lieber kurz, prägnant und knackig bevorzugt.

Neujahr gehört zur zweiten Sorte. Es geht um einen Mann mit junger Familie, der ein wenig in seiner Midlife-Krise zu stecken scheint. Seine depressiven Schübe drängen in dem Moment eines Urlaubs auf Lanzarote an die Oberfläche. Um es sich und seiner anwachsenden Trägheit so richtig zu zeigen, setzt er sich auf ein Fahrrad und macht gleich früh am Morgen eine sportliche Tour den Berg hinauf.

Oben ist dann alles anders als gedacht. Mit der Erschöpfung hat er noch gerechnet. Mit dem Wecken alter Erinnerungen an die eigene Kindheit jedoch nicht. Längst vergangen waren diese. Spielten hier am Ort. Waren so unangenehm, dass er sie verdrängte. Um die Eltern drehen sie sich. Um die Scheidung, die dann kam. Um das innige Verhältnis zu seiner jüngeren Schwester.

Der wider Erwarten bekannte Ort oben auf dem Berg bringt das alles wieder hoch. Wirbelt sein Leben einmal gehörig durcheinander.

Aber sind es nicht solche Momente der totalen Verwirrung, Verwirbelung, Irritation und des Infrage-Stellens, die letztlich zu mehr Klarheit führen? Momente, die es ab und an mal braucht?

Vielleicht ist dem so. Auch wenn man nicht immer erst nach Lanzarote und dort mit dem Rad auf einen Berg fahren muss. Man kann’s auch hier bei Juli Zeh lesen, kurz, knackig, unterhaltsam trotz des Leids anderer.

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auf die ohren

Gehört: Manhattan 2058

Wenn die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, ist es manchmal gar nicht so verkehrt, sich für einen Moment in die Fantasie der guten alten Zeit zurückzuziehen. Oder etwas in der Art. Ein verlässlicher Weg ist es, sich etwas Zoff von Gut-gegen-Böse auf die Ohren zu legen.

Mit Manhattan 2058 von Dan Adams klappt das ganz gut. Das Stück spielt erwartungsgemäß in der gar nicht so fernen Zukunft. Und es handelt von einem kurz bevorstehenden Bürgerkrieg. Das Beruhigende an der Geschichte: Die USA sind noch der Nabel der Welt bzw. halten sich für eben diesen. Im Gegensatz zum alten Kriegsklassiker geht es jetzt allerdings nicht um Nord gegen Süd, sondern um Ost gegen West.Ansonsten passten die Muster und Gewohnheiten aus den guten alten Zeiten auch 35 Jahre in der Zukunft noch.

Es geht im Kern darum, dass ein Cop seine Verlobte verliert, glaubt, dass eine Terrororganisation dafür verantwortlich ist und sich auf einen Rachefeldzug begiebt. Natürlich stimmt dabei vorne und hinten nicht viel von den ursprünglichen Annahmen. Stattdessen ist die große Politik von Korruption durchsetzt, ein Geheimdienst lebt das Idol der Verschwörungstheorie, im Westen der Staaten geht die Welt vor Trockenheit unter, irgendjemand hat mal wieder eine Mauer gebaut, im Untergrund wird erbittert gekämpft. Nebenbei spielen diverse Variationen von Verbrennermoktoren noch eine erstaunlich große Rolle. Ein wenig Zukunft gibt’s aber doch. So können Autos endlich fliegen, die etwas besseren Exemplare zumindest.

Das ist alles recht spannend und abwechslungsreich erzählt. Tobias Kluckert liest mit ganz hervorragendem Wechsel in Stimme und Tempo, wandert gekonnt zwischen verschiedenen Handlungssträngen hin und her.

Eine ordentliche Produktion, die wundervoll unterhält und vom Alltag ablenkt. Das einzig Irritierende ist die total künstliche Unterteilung in sechs Einzelteile. Diese ergeben jeweils für sich überhaupt keinen Sinn, man sollte sie am Stück hören. Das dauert dann etwas über 20 Stunden.

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aus dem regal

Gelesen: Ersticktes Matt von Nina C. Hasse

New York vor etwa 130 Jahren und man glaubt es kaum, aber: Es sterben Menschen, sie werden ermordet. Dabei eint sie etwas: eine Schachfigur in der Hand, ein Spielbrett mit der Stellung eines Schachrätsels, Ersticktes Matt genannt. Das legt eine solide Basis für Ermittlungen rund um einen Serienmörder, verpackt in einem Setting, das nicht vollkommen alltäglich ist.

Dieses Setting wird von Nina C. Hasse in ihrem Buch auf recht spannend erzählte Weise genutzt. Die 1890er Jahre bieten wenig technischen Spielraum, aber durchaus plausibel wirkende Neuerungen tauchen auf und kommen rege zum Einsatz. Erste Fotografien sind das vor allem. Die respektvolle Selbstverständlichkeit des Umgangs mit ihnen wünscht man der einen oder anderen Erfindung von heute ebenfalls. Erfreulich progressiv, wie die Geschichte hier wirkt.

Und dabei gibt’s schonungslos ehrliche Armut, Slums, Elend, Krankheiten, alles ausnutzene Gangsterbanden, Verknüpfungen zwischen all dem und Liebschaften, wo man nur hinschaut.

Für die letztliche Aufklärung des Falls spielt das Schachspiel übrigens eine kleinere Rolle, als man viele Seiten lang meint. Aber das macht gar nichts. Die Wendungen überzeugen, die falschen Fährten sind charmant gelegt, die Charaktere spielen ihre Rollen, wie sich das gehört.

Ersticktes Matt? Lebendig erzählt. Eine Empfehlung. Als solche kam das Buch hier übrigens auch ins Haus, an dieser Stelle somit ein Dank an Marcel für den Beitrag in seinem Blog.

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auf die ohren aus dem regal

Gehört: Essentialismus von Greg McKeown

Es ist wichtig, sehr sehr wichtig, dass man sich komfortabel darin einrichtet, zu vielen, vielen Sachen »Nein« zu sagen. Damit konzentriert man sich auf das Wesentliche, das Wichtige, das Essentielle. So sagt es Greg McKeown in Essentialismus, mit der Stimme von Dominic Kolb.

Soweit ist das ganz angenehm anzuhören und unterhaltsam konsumiert. Vielen Dank an den Sprecher.

Aber – und das ist ein großes ABER – es widerstrebt einem doch und erschüttert quasi die Grundfeste des eigenen Selbst. Denn mal unter uns: Ich bin hier sicher nicht der Einzige, der mit dem gesunden Selbstverständnis eines Dienstleisters groß geworden ist, anderen gern und häufig hilft, ihnen sozusagen zu Diensten steht, lieber »Ja« als »Nein« zu allem sagt, was so herangetragen wird.

Und mal so ganz ehrlich und da wir hier eh unter uns sind: Das ist auch ganz gut so. Das fühlt sich durchaus gesund an. Sicherlich ist’s auch mal stressig, wenn man sich partiell mit den eigenen Zusagen ein wenig übernimmt. Aber liegt nicht genau da der Reiz? Im Übernehmen? Im Überschreiten der eigenen Grenzen? Im Ausweiten – und nicht nur Ausloten – des Machbaren?

Ja, dem ist so. Zum Essentialismus kann man sich damit halt nicht bekennen. Aber das muss man ja auch nicht. Glück gibt’s auch ohne den.

Und wer diese Erkenntnis gern selbst eruieren möchte, kann sich gern dieses Hörbuch auf die Ohren legen. Es dauert circa sieben Stunden und die sind durchaus kurzweilig, auch wenn man sich der zugrunde liegenden Theorie nicht hingibt.

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alltag

Streichpraline zum Frühstück

Bochum. Ein Ortsname, den man so richtig schön dreckig aussprechen kann. Um sich dann zu fragen: Was kommt eigentlich aus Bochum?

Viel Begeisterndes fällt einem im Rausch der gesunden Alltagsignoranz erst einmal nicht ein. Dabei braucht’s gar nicht so viel, um zu erkennen, dass selbst der olle Ruhrpott ganz feine Dinge hervorbringen kann.

Streichpralinen zum Beispiel. Das sind feine Stückchen aus Schokolade mit einer saftig-cremigen Füllung, die nicht nur fein aussehen, sondern sich auch prima mit dem Messer teilen und auf dem Frühstücksbrötchen verteilen lassen.

Das ist ganz irre viel schöner, angenehmer, eleganter und den Morgen verbessernd, als all die sonst so üblichen Nuss-Nugat-Cremes da draußen. Ich kann’s echt nur empfehlen. Zur Quelle bitte bei der Confiserie Ruth vorbeischauen.

Bochum? Gerne wieder.