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Gelesen: Die Kreuzfahrer von Wladimir Kaminer

Das Beste an Kreuzfahrten sind wahrscheinlich die Bücher, die darüber geschrieben werden. Vor einiger Zeit kam hier beispielsweise mal Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich von David Foster Wallace aus dem Regal. Jetzt legt Wladimir Kaminer nach. Der werte Herr hat sich ja kürzlich spontan mit einem Live-Auftritt herangeschlichen. Das hat überzeugt. Zack, Buch mitgenommen. Die Kreuzfahrer heißt es, sehr passend.

Und gut so. Denn entspannt über die Absurditäten des Alltags zu erzählen, kann Señor Kaminer ganz wundervoll. Mit vielen, vielen anderen Menschen und seiner Frau ist er auf diversen Kreuzfahrtrouten unterwegs gewesen, hat den Unfug, den er selbst sowie die anderen dabei getrieben haben, durchaus wahrgenommen und findet unterhaltsame Anekdoten selbst da, wo wohl eigentlich eher gar keine sind.

Das unterhält ganz prächtig. Und wenn man irgendwann süffisant vor sich hingrinst und doch fragt, warum sich jemand diese Art des Reisens freiwillig antut, liefert er natürlich auch darauf die Antwort:

Ich schwieg. Ich wollte meiner Mutter gegenüber nicht zugeben, dass die beste Möglichkeit, dem Alltag und dem Ordnungsamt zu entfliehen, die Kreuzfahrt war.

Zusätzlich verrät er natürlich, was dieses Ordnungsamt so alles für motivierende Aktivitäten leistet. Er verrät, ob nun die Russen oder die Finnen mehr und schrägeren Alkohol vertragen und wie das mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Karibik eigentlich laufen sollte.

Großartig. Und ganz sicher erheblich unterhaltsamer, als sich dieser Art des Reisens selbst hinzugeben.

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Gelesen: Das Register von Marcel Mellor

Kommen wir zum ersten Buch vom diesjährigen Indiebookday und stellen uns mal etwas vor. Nämlich, dass es eine Technologie gibt, mittels derer man sich Nachrichten in die eigene Vergangenheit schicken kann. Also jetzt nicht die Lottozahlen der nächsten Woche oder für Sportwetten Verwertbares, sondern irgendwas Gehaltvolles.

Das wäre ein wenig wie Zeitreisen ohne durch die Zeit zu reisen. Tolle Idee.

Marcel Mellor: Das Register

Und das Register von Marcel Mellor benutzt genau das als eine der Prämissen für die Geschichte. Die andere Annahme ist, dass alles Unrecht von einer autorisierten Organisation wieder rückgängig gemacht werden kann, wir also in einer total tollen Welt ohne ernsthafte Probleme leben.

Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Denn der Protagonist David wird Zeuge von einem geplanten Mord. Das irritiert ihn, denn zum einen wäre das nun wahrlich keine nette Tat und zum anderen eine wahrlich unmögliche. Denn: siehe oben.

Aber es reicht, um ihn in eine Welt des Untergrunds zu ziehen, aus der wir dann auf Verschwörungen, auf Korruption, auf Idealisten und auf Geschichten mit doppeltem Boden gucken können. Das ist futuristisch und gleichzeitig brandaktuell, es ist technologisch kühl und gleichzeitig emotional, es ist rasant spannend und gleichzeitig locker erzählt.

Oder anders gesagt: Wenn schon Science Fiction, dann so wie hier, mit einem gut durchdachten Setting und ohne kitschige Zukunftsromantik.

Gefällt. Sehr sogar. Auch wenn (Achtung: Kritik!) das Ende etwas sehr mit dem Holzhammer auf eine kommende Fortsetzung hinweist. Aber sei es drum.

Eine Empfehlung.

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Ostermarathon 2020

Besondere Zeiten erfordern besondere Läufe. Das ist ein altes Naturgesetz. Und das gilt natürlich auch zu Zeiten, in denen der Coronavirus so einiges aus den gewohnt routinierten Bahnen wirft. Denn all die gewohnten Laufveranstaltungen finden momentan nicht statt. Da neben dem Herbst das Frühjahr zu den saisonalen Schwerpunkten für diese gehört, sind so einige Termine und Möglichkeiten zum gemeinsamen Beineschwingen Corona-bedingt schlicht nicht verfügbar.

Daran geht die Welt nicht zugrunde. Soviel ist den meisten von uns klar. Hoffentlich. Und doch ist es dem allgemeinen Wohlbefinden durchaus zuträglich, wenn wir nicht kollektiv vom Zustand des ausgeglichenen Rhythmus aus Schreibtischsitzen und Laufen-bis-zur-Belastungsgrenze übergehen in eine Kombination aus phlegmatisch-auf-der-Couch-abhängen und apathisch-in-die-Webcam-der-Videokonferenz-Gucken. Wenn ich das korrekt überblicke, ist es in allen Gegenden unseres Landes weiterhin zulässig und durchaus erwünscht, wenn wir unser physisches und mentales Gleichgewicht durch Bewegung in der freien Natur in Balance halten.

Die Aktion

Das haben sich die Freunde des Münchner Marathons zu Herzen genommen und den Ostermarathon 2020 ins Leben gerufen. Dabei laufen einfach alle Teilnehmer die Strecke für sich allein. Zu Hause, vor der eigenen Haustür. Und hat dafür die vier Ostertage Zeit. Verrückte Idee? Nun, die Teilnehmerliste sagt:

Gemeldete Teilnehmer: 2400

Gut so. 2400 Menschen, die eben nicht nur auf der Couch abhängen und vor sich hin grummeln, sondern den Hintern hochbekommen und etwas für einen guten Zweck tun. Denn die Anmeldung ist mit einer kleinen Spende für das Rote Kreuz verbunden. Über den Laden kann man zwar unterschiedlicher Meinung sein, aber das passt hier schon so.

Erschwerte Bedingungen

Wir haben Frühling. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen, oder?

Außer vielleicht: Die wahre Plage am Heuschnupfen liegt nicht in tränenden Augen oder einer laufenden Nase. Das eigentliche Drama ergibt sich daraus, dass die kleinen Pollen es schaffen, dass man schon mit dem morgendlichen Aufstehen komplett erschöpft ist und alle Energie des Tages verbraucht hat. Dass die Beine so schwer werden, dass selbst der Marsch von der Couch zum Kühlschrank sich wie eine phänomenale Herausforderung anfühlt.

Wir haben Pest und Cholera überlebt, um uns jetzt von den Pollen niederstrecken zu lassen. So fühlt es sich an. Ich wollt’s wenigstens mal erwähnt haben.

Hilft ja alles nichts

Aber vom Jammern allein ist noch selten ein Marathon fertig gelaufen worden. Selbst wenn man ihn sich auf vier Etappen aufteilen kann, muss man diese auch tatsächlich laufen. Tja.

Support ist alles

Gelaufen wird allein, ganz klar. Da muss man schon seine eigenen Beine bemühen. Aber es hilft natürlich trotzdem, wenn man sich ein wenig helfen lässt. So hatte ich jetzt zum Beispiel ein ganz erlesenes Trainerteam zur Unterstützung.

Ja, ein Team. Beide sagen »Papa« zu mir. Und beide sind gnadenlos. So sorgt die Tochter seit geraumer Zeit für ein angemessenes Stabitraining und erinnert nur zu gern an die beiden zu Hause an der Decke hängenden Ringe. An denen man gar nicht wie ein nasser Sack herumbaumeln muss. Guck mal, sagt sie, man kann sogar einen Handstand darin machen, diesen dann mit einem Spagat verknüpfen, Klimmzüge sind eh klar und dienen doch nur als lockere Aufwärmübung. Und all das macht sie auch noch gern mit bezaubernder Leichtigkeit vor. Erwähnte ich schon mal, dass man eine masochistische Veranlagung braucht, um sich freiwillig von Frauen trainieren zu lassen? Ja, ich erwähnte es. Und das gilt weiterhin. Selbst im Familienkreis.

Der Sohn ergänzt das locker unterwegs auf der Strecke. So einige Male hat er mich in der letzten Zeit begleitet. Schule und Büro finden momentan ja bekanntermaßen zu Hause statt. Da kann man die eine oder andere Mittagspause prima für eine Trainingseinheit verwenden. Er radelt gern nebenher. Er zählt auch gern in klar festgelegten Segmenten entlang der Strecke meine Schritte, berechnet Differenzen zu anderen Trainingseinheiten on-the-fly, stellt fest, wenn die durchschnittliche Schrittlänge um mehr als 10% nach oben oder unten abweicht. Ebenso hat er ein Auge auf Geschwindigkeit und Atemfrequenz am Anfang und Ende der Strecke. »Papa, du sagst ja gar nichts mehr.« Tja, woran das nur liegen könnte.

Während der aktuellen Marathonetappen habe ich übrigens die (jeweils frisch gewaschenen, eh klar) Shirts der letzten beiden Knastmarathone im Wechsel getragen. Auch die helfen gern mit motivierenden Zwischeneinladen. Auf dem einen steht:

Wenn‘s gar nicht mehr geht, einfach weiterlaufen!

Das andere meint:

Genieße den Schmerz, du hast ihn verdient!

Na super.

Unter dem Strich

Das war eine prima Aktion. Danke an die Organisatoren. Danke an das Trainerteam. Danke an das prima Wetter (obwohl etwas Regen gegen diese Pollenplage geholfen hätte, aber lassen wir das).

Ostermarathon – gerne wieder. Gerne ohne Corona.

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podcast

Auch in der Krise kann man Sachen machen

Die Büchergefahr liefert den Podcast des Hauses und in der aktuellen Folge des Kanals stellen wir fest: Es gibt sie noch, die neuen Dinge.

So ist zum Beispiel ein ganz neuer Verlag auf die Bühne getreten, Kirschbuch heißt er und macht ein paar Sachen ein wenig anders als viele andere. Neu, neu. Toll, toll.

Oder gucken wir in den Spiegel und stellen fest: selbst dort gibt’s was Neues. Ein Hörbuch ist es, eine Kurzgeschichte erzählt es, kann somit locker zwischendurch in der Länge einer typischen, hiesigen Podcastfolge unterhalten. Toll? Weiß ich nicht, ist aber auf jeden Fall noch recht neu.

Tja, wenn man auf den aktuellen Nachrichtenstrom und in die sozialen Netzwerke guckt, könnte man meinen, dass es nur noch ein einziges Thema gibt, welches uns alle umtreibt. Das ist ein Stück weit verständlich, denn dieser Virus bringt eine Menge durcheinander und beeinflusst unser alltägliches Leben mit respekteinflößender Präsenz.

Die meisten von uns können da aber wenig machen. Die meisten von uns sind nämlich überraschenderweise keine Virologen oder anderweitig thematisch nützlich begabt. Stattdessen können wir andere Dinge. Alle. Irgendwie. Und wenn wir die machen, passieren Sachen. Wie die beiden da oben.

Darüber reden wir im Podcast. Und auch sonst hoffentlich bald wieder etwas mehr. Also wirklich.

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Laufen in der Krise ist keine Laufkrise

Diese Sache mit dem Laufen ist eine vielschichtige Angelegenheit. Dabei fängt es alles so harmlos an: Man geht aus dem Haus, setzt einen Fuß vor den anderen, wechselt die Füße ab und wiederholt das Spiel für eine Weile. Zack, Laufen. Fertig. Abgehakt.

Dann kommt irgendwann jemand und fragt, warum man das denn macht. Und schon wird‘s kompliziert. Denn der Gründe gibt‘s gar viele. Und sie sind nur selten irgendwie konstant.

Zum einen laufen wir Läufer durchaus manchmal vor irgendwas davon. Sei es vor dem puren Alltag, sei es vor der aktuell drohenden Ausgangssperre, sei es vor der spätestens bei dieser drohenden Gefahr einer Depression, sei es vor zu argen Menschenmassen oder sei es vor der omnipräsenten Hysterie der Massenmedien, egal, zu welchem Thema.

Manchmal laufen wir aber auch aus purer Suche nach der totalen Entspannung. Wer musste sich nicht schon mal dieses Gerede vom tollen Flow anhören, dass wir Laufenden irgendwann quasi jedem auf die Ohren drücken? Eben. Aber da ist ja durchaus was dran. Ebenso wie am Reiz der temporären Einsamkeit. Einfach mal für zwei Stunden niemanden sprechen zu müssen, ist toll. Vor allem, wenn man weiß, dass es danach wieder geht, die anderen irgendwie da bleiben. Vielleicht gibt man sich auf der einsamen Runde im Wald etwas auf die Ohren. Das geht im Alltag ja auch nicht immer. Wer ist schließlich gern von Menschen mit Kopfhörern auf den Ohren umgeben? Das ist doch auch nicht schön. Sollen diese nicht zuhörenden Ignoranten bitte alberne Schuhe anziehen und mal in den Wald gehen. Wohl war. Machen wir ja auch. Und gönnen uns dabei die lange Liste der abonnierten Podcasts im Wechsel mit den musikalischen Überraschungen der SXSW-Torrents, die es sogar in diesem Jahr gibt.

Und manchmal laufen wir auch, um die Kinder ein wenig mit durchzulüften, die sich derzeit nicht mit ihren ganzen Freunden treffen können, nicht auf Spielplätzen abhängen und nicht im Sportverein austoben. Da nehmen wir sie also mit auf die mehr oder weniger einsame Laufrunde in den Wald, treiben sie vor uns her und lassen uns dann von ihnen antreiben. Wir sind am Ende alle voller Sauerstoff und doch aus der Puste. Wir haben für ein oder zwei Stunden mal keine Wände gesehen. Der Weg zum kleinen Glück, er ist manchmal so mühsam und einfach zugleich.

Und am Ende sagt einem die Laufuhr vielleicht sogar:

Prima, du hast dein Aktivitätsziel für heute erreicht.

Nun denn. Ziele erreichen ist ab und an natürlich auch recht nett. Selbst jetzt, in dieser Krise. Oder vielleicht sogar gerade jetzt in dieser Krise.