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Die neue Gelassenheit

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat der kleine Mann angefangen, so etwas ähnliches wie feste Nahrung zu sich zu nehmen. Die kam zwar Anfangs immer aus dem Glas. Aber als moderner Mann von heute passt man ja auf, dass diese absolut sortenrein gefüllt sind und der pure Geschmack der reinen Natur unverfälscht zu den Rezeptoren des Sohnes vordringen kann.

Ein Höhepunkt war mehrere Wochen lang der Genuss des ersten wirklichen Nachtisches: Apfel pur. Voller Geschmack. Nach dem ersten Löffelchen davon hatte ich aber erst einmal fragende Augen vor mir sitzen. Getreu dem Motto Kein Apfelgesicht, keine Erfrischung! habe ich die Augen zusammengekniffen, den Mund verzogen und die Nase gerümpft, um dem Sohn klar zu machen, dass so eine gewisse Grundsäure etwas sehr unterhaltsames und angenehmes ist. Das hat er auch uneingeschränkt und mit Freude akzeptiert. Von da an hatten wir ein regelmäßiges Ritual des Apfelgesichts zum Nachtisch.

Heute, wenn wir in vorweihnachtlicher Stimmungslage gemeinsam Mandarinen verspeisen, dann denke ich durchaus, dass diese auch ein gewisses Potenzial für Apfelgesichter haben. Also kneife ich meine Augen zusammen, verziehe meinen Mund, rümpfe meine Nase und gucke anschließend mit diesem verschrobelten Gesicht den Sohn erwartungsvoll an. Er guckt auch, lehnt sich entspannt in seinem Stuhl zurück, legt einen Arm auf die Lehne und serviert ein verschmitzt unterhaltenes Lächeln als säße er nicht in der Küche am Tisch sondern in der Loge vom Theater, um sich prächtig unterhalten zu lassen.

Immerhin duldet er mich noch mit am Tisch. Ich gebe mir Mühe, ihn auch weiterhin bei Laune zu halten.

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Berufswunsch (2)

ein Auto Völlig unbeeindruckt von aktuellen Meldungen zu Absatzvolatilitäten einiger Autohersteller intensiviert der kleine Mann gerade seine Leidenschaft für vierrädrige Gefährte. Schon in seinen frühen Tagen hat er sich gern durch die Gegend chauffieren lassen. Damals war er allerdings noch eher passiv dabei und hat zur Förderung seiner eigenen Konzentrationsfähigkeit immer die Augen geschlossen, um andächtig den ihm so wohlig nahen Geräuschen zu lauschen.

Das ist heute anders. Sitzt er im Auto, so brummt sein Mund wie ein eigener Motor, drehen seine Hände eifrig am Luftlenkrad und zappeln seine Füße als könnte er sich nicht entscheiden, welche Pedale er am ehesten noch nicht erreichen kann. Sitzt er mal nicht im Auto, so wird jeder Gegenstand zum Auto deklariert, der entweder entfernte Ähnlichkeit mit einem Quader (also Sportwagen) oder mit einem Siegerpodest (Limousine!) hat. Da wird geschoben, abgebogen, bebrummt, gerammt.

Erdhörnchen Und bei allem sind die Augen weit offen, um Ausschau nach etwaigen Bewunderinnen seiner Fahrkünste zu halten. Was er bezüglich diesen aber insgeheim für Pläne schmiedet, hat er mir bisher nicht verraten. Ich ahne jedoch wenig gutes. Denn die junge Dame, mit der er derzeit sein Bett teilt, wirft er jeden Morgen schwungvoll heraus. Auch wenn es sich nur um ein Plüsch-Häschen handelt: für die Nacht war sie OK, aber ungeschminkt und vor dem Frühstück möchte er nichts mit ihr zu schaffen haben.

Wenn das so weiter geht, wird aus dem kleinen Mann einmal ein Autonarr mit ständig wechselnden Frauengeschichten.

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Der kleine Charmeur

Bekanntermaßen ist das Leben nicht immer einfach. Manchmal liegt schlicht hier und da ein Stein im Weg. Besonders trickreich wird es bei solchen Gelegenheiten immer dann, wenn andere Personen mit im Spiel sind. Leicht entstehen dabei Situationen, die nur mit viel Fingerspitzengefühl angefasst werden dürfen. Ein gesundes Maß an Lebenserfahrung kann helfen, dieses zu entwickeln.

Wenn ich mir den kleinen Mann so ansehe, staune ich, wie viel er davon offenbar schon aufgenommen hat.

So kommt es regelmäßig vor, dass er auf Frauen in für ihn wichtigen Positionen trifft. Ob es die Helferinnen beim Arzt seines Vertrauens sind oder ob es die neue Praktikantin in der Kita seiner Wahl ist: es sind Frauen, die nicht nur jung und charmant sind, sondern auch entscheidend darauf Einfluss haben können, ob die jeweilige Lage bei ihnen vor Ort eine für den Sohn angenehme oder eher nicht so schöne ist. Um hier seine Interessen vertreten zu können, muss er argumentativ stark sein. Das weiß er. Und darum setzt er eine seiner stärksten Waffen ein: einen Augenaufschlag, um den ihn Don Giovanni beneiden würde. Gern paart er diesen mit einem Lächeln, das derart gewinnbringend ist, dass keine Zweifel an der Aufrichtigkeit seines Auftretens mehr aufkommen können. Auf diese Weise bringt er die von ihm verführten problemlos dazu, ihm zu zeigen, wie vollkommen nebensächlich eine Spritze mit tollen Impfstoffen eigentlich ist oder welchen Spaß Zähneputzen nach dem Mittagessen machen kann.

Bei so viel gestandener Männlichkeit passt es wohl nur zu gut, dass der Sohn im heimischen Bad bereits zielsicher den Rasierapparat des Herrn Papa aus dem Schrank holt und zumindest beim Einschalten des Geräts keinerlei Hürden entdeckt.

Offenbar ist das Leben doch ganz einfach. Vom Sohn ist viel zu lernen.

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Berufswunsch (1)

Bekanntermaßen sind Bücher die großen Freunde des kleinen Mannes. Seinen leicht eigensinnigen Buchgeschmack haben wir kürzlich auch schon gestreift.

What goes around comes around Und was soll ich sagen? Die absolute Nummer eins im Buchregal ist derzeit etwas nicht mehr ganz taufrisches: What goes around comes around – The Films of Jonathan Demme. Krabbeln, Regal, Zugreifen, Jonathan Demme: alles ist wie eine Einheit. Es sieht aus wie pure Leidenschaft für die Hintergründe und wirklich kritischen und analytischen Fragen zu Streifen wie Philadelphia oder dem Schweigen der Lämmer. Glaubt man dem Sohn, ist das Buch nicht nur spannend, sondern auch lecker, reißfest und wurfsicher. Er steht drauf.

Sieht ganz so aus, als ob er später Filmkritiker wird.

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Räuberhände

Erziehungsratgeber gibt’s ja viele. Manche taugen sogar etwas. Ab und an lohnt es sich trotzdem auch für gutmeinende Eltern, mal etwas in Romanform zu sich zu nehmen. Daraus kann man doch bestimmt auch etwas lernen.

Räuberhände Zum Beispiel über Jungenfreundschaften. Und darüber, dass man nicht auf seinen Fingern kaut, wenn man keine Räuberhände bekommen möchte. Und darüber, dass es wahren Jungenfreundschaften nichts anhat, wenn sich einer von beiden seine Räuberhände zurechtkaut. Und darüber, dass Jungenfreundschaften manchmal trotzdem ihre Zeit haben. Und dass diese Zeit auch endlich sein kann. Vorüber geht. Und alles weiter geht. Irgendwie.

Das ist durchaus eine Lektion, die Finn-Ole Heinrich als Autor erteilt. Dabei weit angenehmer verpackend als viele Ratgeber es zu schaffen versuchen. Der Stil ist nett. Der Plauderton recht angenehm. Das Drama dahinter ist es nicht immer.

Auszugsweise vorgelesene Passagen aus dem Buch fand der kleine Mann übrigens dermaßen spannend, dass er sich spontan umdrehte und zum Bücherregal krabbelte, um seiner Meinung nach geeignetere Lesevorschläge zu unterbreiten.

Zu denen gibt’s vielleicht später mal mehr. Ich gehe mir jetzt erst mal einen Ratgeber suchen, welcher hilft, seine Auswahl zu verdauen.