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Stein für Stein

Wir sind unterwegs und wandern.

Auf einmal bleibt der Sohn stehen. Bückt sich. Und hebt einen Stein auf, einen kleinen nur. Er hält ihn in der Hand, dreht ihn, betrachtet ihn, bewundert ihn. Und gibt ihn mir. „Da!“ – sagt er und reicht ihn hoch. „Danke!“ – sage ich und bewundere seinen erlesenen Fund.

Der Sohn guckt sich um. Und findet einen weiteren Stein. Drehen. Wenden. Ist runder als vorher. Andere Farbe hat er auch. „Da!“ – sagt der Sohn und reicht den Stein hoch. „Danke!“ – sage ich und betrachte gründlich seinen neu entdeckten Schatz.

Der Sohn guckt noch genauer hin. Und findet tatsächlich einen dritten Stein. „Da!“ – „Danke.“ Und einen vierten. Und einen fünften. „Da!“ und „Da!“

Auf einmal steht er ganz ruhig da. Wirft seinen Blick in die Ferne. Wirft seinen Blick wieder auf den Boden. Hebt eine ganze Hand voll Steine auf, reicht sie mir mit einem kurzen „Da!“ und dreht sich desinteressiert um zum Weitergehen. Ich sage noch brav „Danke.“ – und lasse die Steine eher respektlos hinter dem Rücken des kleinen Mannes wieder fallen. Er ist schon unterwegs. Sucht neue Steine.

So ein Spaziergang auf einem Schotterweg kann eine aufregende Reise sein.

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aus dem regal

Aus dem Regal

Novecento von Alessandro Baricco

Kleine Bücher sind etwas für den kleinen Mann. Das könnte man zumindest meinen, wenn man dieses Exemplar aus der Reihe Books to go vor sich hat. Knapp 90 Seiten in kleinem Format mit verhältnismäßig großer Schrift. Das ist greifbar.

Und lesbar:

Jelly Roll machte ein Gesicht, als hätten sie ihm die Weihnachtsgeschenke geklaut. Er blitzte Novecento aus zwei Wolfsaugen an und setzte sich wieder ans Klavier. Er legte einen Blues hin, der selbst einen deutschen Maschinisten zu Tränen gerührt hätte, es klang, als wäre die gesamte Baumwolle sämtlicher Schwarzer der Welt darin enthalten und als würde er sie mit diesen Tönen ernten.

Eine Frage liegt jetzt nahe: Was macht man mit einem to go-Buch, wenn es ausgelesen ist und man wieder bequem auf der Couch sitzt? Das gleiche wie mit einem to go-Heißgetränkpappbecher, also: wegwerfen?

Der Sohn meint, das sei eine ganz hervorragende Möglichkeit und er übt das mit dem Werfen schon einmal vorsorglich sehr gründlich.

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kita

Ist weg

In der Kita sitzen drei Jungs unaufgeregt im Sand, ein Mädel lehnt betont desinteressiert an einem nahen Pfeiler, eines entspannt auf den Armen des Erziehers. Die dritte Dame der Runde hat gerade auf dem Weg nach draußen die Sonnenbrille von ihrer Mama stibitzt und mit ernster Mine sich selbst aufgesetzt.

Diese Runde störst Du besser nicht. – dachte ich mir und habe mich erst einmal augenscheinlich egalisiert daneben gesetzt. Was ist schon etwas Sand auf der Anzugshose gegen den klaren Ausdrucks des feinsinnigen Verstehens der großen Schauspiele kleiner Leute? Eben.

Der Sohn schien dankbar. Aber wenn er überhaupt eine Regung zeigte, dann war es nur das leichte Zucken einer Augenbraue. Kaum sichtbar. Ein Zeichen nur zwischen Sohn und Papa. Wortlos reichte er mir einen Stoffelefanten. Wortlos gab ich diesen an seinen schweigsamen Spielkameraden weiter. Lässig nahm er ihn entgegen. Wortlos reichte der Sohn mir ein Bilderbuch. Das gleiche Spiel.

Dann nichts.

Auf einmal: »Das Auto ist weg.« Mein Herz bleibt fast stehen. Nach etwa drei Atemzügen fängt es sich aber wieder. Die Worte kamen aus meinem Rücken. Vom dritten der Kleinen, welcher jetzt an der anderen Seite des Pfahls mit dem Mädchen daran lehnte. »Das Auto ist weg!«

Ich steige aus und stehe auf. Schnappe mir den Sohn. Wanke nach draußen. Er sagt noch immer kein Wort. Sitzt aber fest auf meinem Arm, schnappt sich mit sicherem Griff die Sonnenbrille von meinem Kopf und setzt sie sich selbst auf.

Wir gehen ab.

Resümee: Anzug dreckig. Sonnenbrille weg. Sohn offensichtlich mental entrückt. Verstanden habe ich gar nichts. Aber morgen fahre ich direkt mit dem Auto beim Sandkasten vor. Das hilft bestimmt.

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aus dem regal

Aus dem Regal

Viva Polonia von Steffen Möller

Teil zwei unserer kleinen Serie über Bücher, die der Sohn zwar zum Lesen aus dem Regal holt, die er eigentlich aber gar nicht anfassen soll, ist gar kein Buch aus toten Bäumen, sondern eins aus kleinen elektronischen Dingen, die klingen. Ein Hörbuch also. Was für ein fulminanter Start. Aber immerhin gibt’s das Werk auch gedruckt.

Das Buch besteht nicht nur aus einer einzigen sondern aus ganz vielen Geschichten. Und diese passen auf ihre Art hervorragend zum kleinen Mann. Nicht, weil er bereits ein Polenkenner ist. Ist er nämlich nicht. War noch nie dort. Sondern weil die Geschichten ebenfalls klein sind. Und so Schritt für Schritt aus kleinen Männern kleine Polenkenner machen.

Wenn man dem Herrn Steffen zuhört, scheint das auch eine richtig feine Sache zu sein, das mit dem Polen und dem Kennenlernen. So sieht Begeisterung aus. Begeisterung für Herzlichkeit, Überlandbusfahrten, Weichselaphroditen und das Reparieren quietschender Türen mit Butter. Alles drin. Alles dran. Alles polnisch. Alles kolumnig gut erzählt.

Trotzdem, oder sogar genau deswegen, hat mich das Buch in dem Gefühl bestärkt, dass ein beachtlicher Teil der lebenden deutschsprachigen Literaturwelt sich im Metier der kurzen Texte wohl zu fühlen scheint. Es muss zwar nicht immer gleich Twitter-Lyrik sein, aber der klassische Roman wird vielleicht langsam genau das: ein Klassiker.

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berufswunsch

Berufswunsch (5)

Bekanntermaßen ist der Sohn ein Freund gesitteter Tischmanieren. Sitzt er am Tisch, fühlt er sich wohl. Das liegt natürlich hauptsächlich an seinen charmanten Tischnachbarn. Also meistens uns, den Eltern. Aber auch ein gepflegtes Mahl lehnt er nicht ab. Und wenn der Nachtisch vertilgt ist, lädt er gern zu einem Verdauungsspielchen ein. So viel Luxus muss gefeiert werden. Sagt der Sohn. Und hebt sein Glas.

Genau: sein Glas. Denn immer nur aus Kunststoffbechern mit Silikonaufsatz zu trinken, hält er mittlerweile für unwürdig. Ein Glas muss her, die anderen Anwesenden haben schließlich auch jeweils eins. Wie man aus so einem Glas korrekt trinkt, braucht dem Nachwuchs niemand zu erklären. Oft genug hat er es genauestens beobachtet. Und seine lang erprobte Technik mit dem Silikonaufsatztrinkbecher hat sich ebenfalls bewährt.

Also schnappt er sich sein Glas, setzt es grob an und hebt es schwungvoll in die Vertikale. Nach seinem Erfrischungsseufzer brüllt er laut „Echo!“ ins Glas und sollte wirklich so etwas wie ein Widerhall zu hören sein, setzt er sein Glas mit Schmackes auf dem Tisch ab, guckt erst kurz mit glasigem Blick ins Leere, dann zu einem der anderen Tischgesellen, sagt aber nicht viel. Ein kurzes „Da!“ macht allen Beteiligten klar, dass das Trinkgefäß wieder aufzufüllen ist. Und zwar pronto. Womit sich das Prozedere wiederholt.

Auf diese Weise vertilgt der Sohn wahre Massen seines Getränks. Und bei aller geselligen Freude, die er dabei verbreitet, fällt auch kaum auf, dass er während dessen kaum etwas trinkt, sondern alles nur recht galant in der näheren Umgebung verteilt. So trinkt er mit Sicherheit auch die härtesten Jungs unter den Tisch.

Wenn er an der Technik noch ein wenig feilt, dann wird der Sohn später ein ganz hervorragender Biergartentester.