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moderner mann

Eindruck schinden. Oder: die neue deutsche Wirtschaftsordnung.

Der Sohn ist ein Mustersohn. Er macht Werbung für Söhne. Zum Beispiel wenn Besuch da ist. Das ist gerade erst wieder passiert. Zwei Herren waren zu Gast. Einer von ihnen war schwanger. Sozusagen. Kam vorbei, um mal wieder zu gucken wie das Leben mit Sohn so ist. Also hat sich der Nachwuchs kräftig ins Zeug gelegt und ein ordentliches Unterhaltungsprogramm aufgefahren. Der Besuch ist jeweils Autonarr. Da hatte der Vierradexperte des Hauses natürlich leichte Karten. Seine Autogeschichten sowie die Vorführungen von allem, was sein Spielzeugpark an Karosserien aufzubieten hat, haben schwer beeindruckt.

Fast noch mehr beeindruckt hat seine Fähigkeit, nach dem Abendmahl fix in das Bad zu stürmen, die Zähne zu putzen, sich eine neue Windel umzulegen, den Pyjama überzuwerfen, schnurstracks ins Bett zu rennen und nur noch einmal flüchtig dem Herrn Papa zuzuwinken, bevor er sich umdreht und tief und fest schläft.

»Er schläft jetzt durch?« – fragt der schwangere Besuch. Skeptisch der Blick. Faltenreich die zweifelnde Stirn. »Klar,« antworte ich, »wenn er nicht gerade Durst bekommt und kurz nach der Flasche greift.« Stolz schwingt mit. Auch der moderne Mann von heute braucht schließlich ab und an Bestätigung durch andere. »Na, das geht uns selbst ja auch nicht anders«, meint der Besuch und wir köpfen jeder noch eine Flasche Bier aus der Brauerei der nahe gelegenen Burg.

Irgendwann ist der Besuch weg. Werbung erfolgreich. Der Nachwuchs kann kommen. Denkt sich auch der Sohn, wird wach und meldet sich spontan zu Wort. Nein, Durst ist es nicht. Das ist ein anderes Wort, welches er da brüllt: »Auto!« Im Imperativ. »Auto?« – frage ich ihn. »Porsche!« – sagt er. Und zeigt auf das Plüschgefährt, welches ich leichtsinnigerweise in Bettnähe liegen gelassen habe.

Käfer Porsche

Ich werfe ihm den Wagen ins Bett. Der Sohn greift fest zu, murmelt noch zweimal sanft »Porsche« vor sich hin und schläft tief und fest bis zum Morgen weiter.

So ein Käfer ist neuerdings auch nur ein Porsche. Und so einfach sowie präzise lassen sich die aktuellen Ordnungsregeln von Teilen der deutschen Großindustrie auf den Punkt bringen. Ich werde blass vor Neid.

Der Sohn ist halt ein Mustersohn.

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essen moderner mann

Chance vertan

Es klingelt. Am Festnetzanschluss. Was nur sehr selten passiert. Entsprechend zögerlich nehme ich den Hörer ab. Und werde von einer charmanten Frauenstimme begrüßt. Die Dame des Hauses ist es nicht. Sie ist nämlich ebenfalls zu Hause und würde mich im Zweifelsfall auch eher auf dem Funkgerät anrufen. Also bin ich stutzig und gucke mich nach dem Sohn um. Vielleicht hat er sich ein neues Spiel ausgedacht und lauert jetzt hinter der nächsten Ecke um zu gucken, wie es läuft. Aber nein: er steht direkt neben mir und guckt momentan ebenfalls leicht verwundert auf den Telefonapparat. Während dessen stellt die Frau mit der charmanten Stimme sich vor. Was weder der Sohn noch ich verstehen, da wir zu intensiv mit verwunderten Blicken beschäftigt sind.

Charmante Frauenstimme: Ich bin von Infratest und würde Ihnen gern ein paar Fragen zum Thema Reisen stellen.

Zuhören lohnt sich! Entweder ist das tatsächlich ein Spiel fremder Kinder. Oder es stimmt, was die Dame gerade gesagt hat. Das wäre ja ein Traum. Ich könnte meine Stimme in ein Umfrageergebnis bekommen. Auch und gerade als moderner Mann von heute möchte ich Einfluss nehmen. Meine Meinung kund tun. Das wollte ich schon immer. Wie oft habe ich schon gedacht, dass diese Umfragen nur erfunden seien. Genauso wie der Mythos des Staubsaugervertreters. Wobei letzterer vor einiger Zeit tatsächlich bei uns an der Tür geklingelt hat. Ich ihn allerdings aus einem spontanen Reflex heraus für einen GEZ-Spion gehalten und somit aus Prinzip gleich wieder verjagt statt auf einen Kaffee eingeladen habe. Das passiert mir nicht noch einmal. Dieses Mal klingelt es nicht nur an der Tür sondern aus dem Telefon und ich werde meine Chance nutzen. Die Chance, der Welt mitzuteilen, was ich denke. Ich, als Teil des Volkes. Ich werde gleich meine Stimme erheben und Großes verkünden. Ich werde dieses Umfrageergebnis beeinflussen. Ich werde die Leute nicht nur stutzig machen mit meinen Antworten, nein, ich werde sie nachdenklich stimmen. Ihre eigene Meinung zum Thema herausfordern. Ich werde meinen Teil dazu beisteuern, dass sich die Welt verändert und ein besserer Platz wird.

Charmante Frauenstimme: Passt es denn gerade bei Ihnen?

Ja klar! – antworte ich.

Dabei bleibt es aber auch. Denn der Sohn marschiert mit zwei souveränen Schritten zum Telefon, langt kurz zu und trennt zielsicher die Verbindung.

Chance vertan, denke ich.

Zeit zum Abendessen, meint er.

Seine Welt ist noch auf solidem Fundament gebaut. Und von Luftschlössern ist noch niemand satt geworden.

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charmeur moderner mann

Hat Zukunft

Backwaren im Backwarenfachgeschäft zu kaufen ist eine eher alltägliche Beschäftigung, selbst für den modernen Mann von heute. Manchmal ist der Sohn dabei. Sitzt bei diesen Gelegenheiten gern beim Herrn Papa auf dem Arm. Und beobachtet. Meistens die Damen hinter dem Tresen. Aber das ist nicht immer so. Manchmal trainiert er auch die Wirkung seines Augenaufschlags bei jenen, die ihren nachmittäglichen Chillout bei einem Stück Kuchen samt zugehöriger Tasse Kaffee zelebrieren.

Mit Erfolg. Eine dieser Damen hat kürzlich ihre Pause unterbrochen, kam zu uns an den Tresen, lächelte den Sohn schüchtern an und sagte: „Es tut gut, zu sehen, dass ich bei Dir noch viel Zukunft hätte.“ Sie greift in ihre Handtasche, zückt eine Tafel feiner Schokolade und drückt sie dem Sohn in die Hände. Er greift zu, hält seine Beute mit beiden Händen gut fest und lächelt zufrieden. Seine neue Verehrerin dreht sich weg und schreitet von dannen. Man sieht, wie schwer es ihr fällt.

Als moderner Mann von heute bin ich mir mit dem Sohn natürlich darin einig, dass Schokolade zwar ein süßes Geschenk fremder Frauen ist, aber doch besser in meinem Mund schmilzt als in seinem. Also habe ich sie am Abend komplett zum Schmelzen gebracht, samt anschließender Bauchschmerzen. Irgendwie bin ich trotzdem froh, dass der Sohn noch nicht kistenweise Bier, Whiskey, Wein oder Eierlikör nach Hause bringt.

Backwaren wären doch mal eine brauchbare Alternative.

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Abnabelei

Früher, also ganz früher, war die Welt noch einfach.

Wenn der Sohn ins Bett gehen sollte, gab’s keine Zweifel, wer ihm dabei hilft. Die Frau Mama war es. Sohn geschnappt. Sich selbst obenrum frei gemacht. Sohn angedockt. Gestillt. Sohn schläft. Das war alles eins. Und der Herr Papa des Hauses konnte derweil nicht viel mehr tun, als sich apathisch in die Ecke zu verkriechen und den Sinn seiner Existenz zu hinterfragen. Als moderner Mann von heute kam er dabei natürlich auf die clevere Idee, einfach des Nachts den Sohn ordentlich wach zu rütteln, ihn auf den Wickeltisch zu wuchten und die traute Zweisamkeit durch Herumwedeln mit stinkenden Windeln zu feiern.

Das ging so oder ähnlich eine ganze Weile gut. Bis es dem Sohn irgendwann zu bunt wurde. „Jetzt reicht’s!“ – sagte er, „Das gibt Ringe unter den Augen. Was sollen denn die Mädels in der Kita denken?“ Und da er nicht nur ein Mann der großen Worte sondern auch ein Freund konkreter Taten ist, hat er sich von heute auf morgen abgestillt.

Von da an durfte ich ihn ins Bett bringen. Es war großartig: Wir haben gemeinsam Lieder gesungen, mit Nuckeln geworfen, flaschenweise Fencheltee vernichtet. Kurzum: Die allabendliche Männerrunde war ein formidabler Spaß. Und dank einer verbesserten Kuschelquote des Herrn Papa hatte der Sohn des Nachts mehr Ruhe, wurde nicht ständig aus dem Schlaf gerissen und konnte vollkommen ausgeschlafen tagsüber viel besser bei den Mädels punkten.

Alles super. Bis er jetzt ganz plötzlich auf die Idee kam, einfach ganz allein ins Bett zu gehen. Gemeinsames Abendessen? Jederzeit! Mit dem Papa ab zum Zähneputzen? Warum eigentlich nicht. Dann reicht es ihm aber auch schon. Er stiefelt los in Richtung Bett, lässt sich noch kurz beim Reinklettern helfen, dreht sich um und schläft tief und fest. Pünktlich zum Frühstück ist er wieder wach.

Ich glaube, so fühlt sich Abstillen an. Nicht einfach.

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moderner mann

Minderheiten

Eine prominente deutsche Tageszeitung macht etwas sensationell Neues: Sie schreibt über ominöse Studien. Dabei sagt sie über den modernen Mann von heute: er gehört zur kleinsten Gruppe, in die sich Männer so einteilen lassen.

Was vollkommen unerhört ist.

Vor lauter Aufregung konnte ich natürlich nicht schlafen und habe heute gleich einmal den kleinen Mann des Hauses ganz furchtbar früh geweckt. Das war gar nicht einfach, denn sein Schnarchen säuselndes Atmen im Tiefschlaf schien deutlich stärker als mein hochmelodischer Weckgesang. Irgendwann war es ihm trotzdem zu viel, er blinzelte zwei Mal zum Wachwerden, sah mir in die Augen und meinte nur: Entspann‘ Dich, Papa. Die Gruppe ist vielleicht klein, aber fein.

Na, da bin ich ja beruhigt. Denn das klingt ganz klar nach einer deutlich repräsentativeren Aussage als so manch suspekte Studie sie zu präsentieren vermag.