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Bergdorfmeilerei

Wer nicht fit genug für seine ursprünglich geplanten Späße ist, sucht sich am besten schnell einen passenden Ersatz. Hier in der Gegend nennt man das zu Beispiel Badische Meile. Davon gibt es sogar einen Ableger. Und wie es sich für Schwarzwaldvororte gehört, nennt sich dieser Bergdorfmeile. Beide Meilen sind badisch korrekt jeweils 8,88889 Kilometer lang. Während sich bei der Badischen Variante mehrere Tausend Läufer durch die Flachlandgegend schubsen, sind es in den Bergdörfern nur ein paar Hundert, die entspannt durch die Hügel trotten.

Heute war es wieder soweit. Aufmerksame Leser wissen, was ich von Läufen mit relevanten Höhenmetern halte, nämlich: gar nicht so viel. Aber ein Läufer muss tun, was ein Läufer tun muss. Und ehe man sich von Start bis zum Ziel durch die Massen steht, leidet man eben ein wenig bergauf und auch wieder bergab.

Wie auch schon bei dem anderen erwähnten Höhenmeterparcours habe ich wieder jemanden gefunden, der mich nicht nur zur Veranstalung hin- sondern auch vor Ort durch die Strecke hindurchzieht. Motivation ist schließlich alles. Und zumindest kurz vor dem Lauf haben wir uns auch die Mühe gegeben, noch halbwegs die Contenance zu wahren:

Bilder aus dem Zielbereich gibt es vorerst lieber nicht. Das ist hier schließlich ein Familienkanal. Wir nehmen somit entsprechend Rücksicht darauf, was wir den Lesern zumuten.

Glaubt mir: Das ist etwas Gutes.

Und ein großer Spaß war es natürlich trotzdem. Wie heißt es so schön bei den Kommentaren einer gängigen Auktionsplattform: Gerne wieder.

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Immer schön locker bleiben

Wenn man sich ein wenig Mühe gibt, kann man alles zelebrieren. Das geht wirklich. Und man muss sich gar nicht übermäßig anstrengen dafür. So ist es zum Beispiel eine elegante Idee, ein ganzes Jahr dem eher entspannten Laufen zu widmen. Für Eleganz dieser Art bin ich zu haben. Und natürlich rede ich mir das schön. Zum Beispiel damit, im Jahr davor sowohl fünfmal rund um Helgoland als auch vollkommen unsinnig durch ein Bergwerk gelaufen zu sein. Das lässt sich eh nicht toppen, mit meiner Kondition zumindest nicht. Also folgt ein Jahr der Tiefenentspannung. Vernünftig geplant, versteht sich.

So habe ich mich im Vorfeld von einem Freund des Hauses dazu verleiten lassen, den Olymp des Marathons endlich ernsthaft anzugehen. Wobei dieses ernsthaft natürlich ein ganz eigenes ist. Denn bei dem Olymp handelt es sich keineswegs um eine Strecke mit beeindruckendem Höhenprofil oder irren Wetterbedingungen. Das gibt’s auch alles, klar. Zwei Exemplare davon hatten wir im letzten Jahr. Siehe oben.

Nein, hier geht es um den Spaß auf Médoc in Südfrankreich. Dieser kombiniert die bekannten 42 Kilometer mit 22 Erfrischungsständen, welche von zum Teil recht hochkarätigen Weingütern betrieben werden. Und ausgeschenkt wird wohl nicht nur reiner Traubensaft.

Das klingt verlockend. Das klingt genau so, als ob es wundervoll zu einem Jahr des entspannten Laufens passt. Also hat der besagte Freund des Hauses den nötigen Schub gegeben und wir haben uns ordentlich registriert. Das schafft Verbindlichkeiten. So eine Entspannung möchte schließlich adäquat geplant und organisiert werden. Da dulden wir auch keinen Aufschub. Zehn Minuten nach Eröffnung der Registrierung waren auch die ersten Unterkünfte bereits ausgebucht. Danach wurden die Preise absurd. Aber: Entspannung gibt es nicht geschenkt. Also zack, Knopf gedrückt. Und gerade noch rechtzeitig kam das Kleingedruckte zum Vorschein. Dort steht gleich vorn ganz dick dran:

THE MEDOC HAS TO BE RACED FANCY DRESSED!

Oha. Und ich dachte, wir sähen immer gut aus. Zur Sicherheit habe ich jedoch direkt nach der Registrierung auch noch auf der Webseite des Anbieters das passenden Outfits auf den richtigen Knopf gedrückt. Das Ergebnis wurde dann in der Pfalz und in Wien schon mal probegelaufen. Passt.

Was nicht so sehr passt, ist der Entspannungspegel. Kaum aus Wien zurück, kam nämlich, was kommen musste. Oder besser: Es kam, was immer zu dieser Zeit kommt: Die Polle, die gemeine.

Das klingt jetzt vielleicht harmlos. Ich meine: Die Polle, also wirklich. Was für ein niedlich unscheinbares Ding. Was soll denn damit schon groß sein? Tja, was soll ich sagen? Ich bin ein Mann. Und wir Männer, wir machen nicht nur aus Mücken Elefanten, wir basteln aus kleinen Pollen auch große Dramen.

Ich schalte also den Leidensmodus an und den Laufmodus aus. Seit dem Spaziergang von Wien habe ich mein Körpergewicht um etwa 10% nach oben angepasst, meine Laufleistung um ein Vielfaches davon nach unten. Im Ergebnis ergibt das kein Gleichwicht, kein ausgeglichenes. Im Ergebnis ergibt das ein mittelgroßes Drama, ganz klar. Und wozu passt ein Drama überhaupt gar nicht? Korrekt: zu dem Plan, ein Jahr des entspannten Laufens zu absolvieren. Laufveranstaltungen, die mit ordentlichem Training, einer dem Anreiseweg entsprechend ausgefeilten Logistik und — auch das — respektablen Kosten aufwarten, passen dazu nicht wirklich; auch dann nicht, wenn sie vordergründig einen absolut tiefenentspannten Eindruck machen.

Also haben wir getan, was Männer tun müssen. Und im Ergebnis kam gerade die folgende Mail vom Médoc-Organisationsteam rein:

Dear,

I confirm to have done the credit on your card today

Die Anrede wirkt tatsächlich etwas verkrampft. Wie beruhigend. Ich hoffe nur, dass jetzt die Welt nicht untergeht. Man weiß ja nie. Immerhin stimmt es mich etwas zuversichtlich, dass auch lokale Helden und andere Berühmtheiten ihre aktuellen Laufpläne revidieren.

Ein Trost.

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Ein neuer Level-Endgegner

Wenn wir gerade so schön am Laufen sind, nutzen wir den Schwung am besten gut aus. Wer weiß, wann wir wieder so fit durch’s Land ziehen. Gelegenheiten möchten genutzt werden. Passenderweise verweile ich für einen Moment in einem Hotel für Businesskasper. Es liegt idyllisch im Niemandsland, hübsch auf einem Berg. Drumherum gibt es wenig, nur viel Wald. Das ist für derlei Hotels sehr praktisch. Man kann sich dort treffen, um endlich mal wirklich in Ruhe über die hochwichtige Arbeit zu reden, ohne dass ständig jemand abgelenkt ins nahe gelegene Bureau oder die City zum Shoppen läuft.

Außerdem sorgt eine derart entspannte Umgebung natürlich für den hervorragenden Ausgleich, indem man einfach ein paar Runden entspannt durch den Wald spaziert. Eine charmante Dame an der Rezeption kann sogar zwei Laufstrecken empfehlen. Diese sind auch gar nicht schlimm. Eine ist dreieinhalb Kilometer lang, die andere viereinhalb. Das ist nicht viel, aber so sei’s. Man kann ja beide Runden laufen. Vielleicht sogar mehrfach. Einfach mal locker ein paar Waldwege dahintraben. Wie gesagt: Das entspannt. Das schafft Platz im Kopf für Businesskasperei. Das passt.

Ich habe einen Tag auch extra so geplant, dass etwa zwei bis drei Stunden für den lockeren Lauf durch die Natur passen. Der nächste Marathon kommt bestimmt, da ist ein wenig Grundlagenausdauer nicht verkehrt. Und ein freier Kopf für die anschließenden Treffen mit den Kollegen hilft auch. Alles super. Ich laufe los.

Und der erste Kilometer geht erst einmal nur bergauf. Das trifft mich ein wenig unerwartet. Laufstrecken rund um Hotels dieser Art sind für gewöhnlich sehr entspannte Angelegenheiten. Sie sollen niemanden überfordern, es soll jeder mit einem guten Gefühl wieder zurück kommen. Wäre es hier anders, hätte die Dame an der Rezeption das sicher erwähnt. Die Entspannung kommt bestimmt gleich. Dort, hinter der nächsten Kurve.

Und es stimmt: Der Anstieg ist vorbei.

Dafür geht es auf einmal flott bergab. Und zwar richtig bergab. Das Gefälle ist steil, der Untergrund lose. Für einen Blick zurück fehlt die Muße. Ich stolpere mehr oder weniger kontrolliert den Hang hinab.

Zum Ausgleich geht’s kurz darauf wieder bergauf. Gerade Strecken scheint’s hier nicht zu geben. Stattdessen kommt eine Weggabelung, an der ein Pfad geschätzte 60 Grad Steigung bietet, der andere um die 40. Richtig ist immerhin der letztere, das gilt hier wohl quasi schon als ebenerdig.

Irgendwo in diesem Durcheinander verlaufe ich mich natürlich auch. Das passiert sogar im heimischen Wald gelegentlich. Warum also nicht auch in der Ferne? Irgendwann kreuze ich die ausgeschilderten Laufrouten jedoch wieder. Es ist ein Moment des Durchatmens. Dass es den in diesem Wald noch geben wird, ich habe schon daran gezweifelt.

Wenn ich die kleinen Schilder an den Bäumen richtig deute, habe ich beide Strecken kennengelernt. Nach etwa neunzig Minuten, also zur Halbzeit, taucht sogar das Hotel plötzlich wieder auf. Es wirkt trotz seiner nüchternen Erscheinung für einen kurzen Moment wie ein Märchenschloss. Mein persönliches Märchenschloss. Ich kann nicht widerstehen, ich will da jetzt hin. Nur knapp vermeide ich es, den letzten Abstieg einfach herunter zu rollen. Mein Drang zur Wahrung von wenigstens etwas Restwürde hält mich auf den Beinen. Neu startende Läufer kommen mir entgegen. Sie wirken frisch, sie scheinen ausgeruht, sie ahnen nicht, welches Waldwegungeheuer vor ihnen liegt. Ich starre sie nur ungläubig ab, nicke dezent zum Gruß.

An der Rezeption vorbei stolpernd fehlt mir jetzt auch die Kraft, der entspannt strahlenden Rezeptionistin gehörig entgegen zu brüllen, welch feine Details sie mir beim Empfehlen der zwei kleinen, netten Laufrunden verschwiegen hat. Ich lege mir jedoch ein paar ausdrucksstarke Formulierungen im Kopf zurecht. Ich werde sie später vortragen, frisch geduscht, ausgeruht und voller Elan. Und ich bilde mir bestimmt nur ein, dass sie dezent ihrer Kollegen zunickt. Leicht süffisant wirkt das Lächeln, das dabei kurz aufblitzt. Und ganz bestimmt macht sie auch keine Kerbe in den Rezeptionstresen für ein weiteres Opfer, das sie gefunden hat.

Später ist die fragliche Dame leider nicht mehr aufzutreiben. Sie hat wohl einfach Feierabend gemacht, drückt sich vor der Konfrontation. Oder sie läuft gerade mit viel Routine und ganz entspannt zwei lockere Waldrunden entlang. Diese sind ja nicht so lang. Diese sind ja gar nicht schlimm.

Nur für meine kleine Laufkarriere habe ich einen neuen Level-Endgegner gefunden, in einem einsamen Wald, irgendwo im Nichts, getarnt als harmlos wirkende Waldwege. Und eines steht auf jeden Fall fest: Mich selbst überschätzen, das kann ich. Businesskasper halt.

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Einzelkämpfer

Es gibt so Tage. An denen geht man nicht einfach nur Laufen. An denen klappt’s wirklich. An denen läuft’s rund. An denen spulen die Füße ein Programm ab, von dem ahnte man vorher nicht, dass man es selbst einmal erleben würde. Das fühlt sich dann tatsächlich gut an. So entstehen Momente der Euphorie. Als Läufer schäumt man derart über vor pulsierendem Ego, es wird einem fast schon selbst unheimlich.

Es sind Läufe wie diese, während denen man anfängt zu träumen. Unterwegs fliegen die Gedanken, sie laufen nicht nur. Ewig könnte es so weitergehen, denkt man sich. Hier, heute und jetzt: Einfach einen Marathon laufen. Das wäre gar kein Problem. Das würde einfach passieren. Hätte man sich für später am Tag nicht schon etwas vorgenommen, es spräche auch kaum etwas dagegen. Wenn das klappt, dann jetzt. Diese Gedanken schießen einem durch den Kopf. Und doch scheint das alles nicht genug zu sein. Als gemeiner Läufer träumt man plötzlich von mehr. Schließlich scheint heute alles möglich. Warum bei einem Marathon aufhören? Warum nicht weiterlaufen? Hier entsteht ein Ultra. In Gedanken ist man schon mittendrin, bin ich schon mittendrin. Ein Ultra, das ist schließlich nichts anderes als nach der Marathondistanz einfach weiterzulaufen. Warum aufhören, warum anhalten, wenn die Füße einen locker weitertragen können? Ich bin im Flow. Endlich! Da sind sie, diese Endorphine. Was habe ich sie gesucht.

Wenn ich zurück bin, wenn diese eine kleine Abendlaufrunde beendet ist, muss ich gleich der Dame davon berichten. Sie kennt mich nämlich. Daher ist sie es gewohnt, dass ich nach einem Lauf fertig auf dem Boden liege und es vor Jammerei kaum allein unter die Dusche schaffe. Jetzt ist alles anders. Heute fließt Glück pur aus mir heraus. Ich teile es mit Ihr. Ich erzähle ihr von meinem Traum. Ach was, ich erzähle nicht; ich schwärme von großen neuen Plänen, davon, dass mir die Laufstrecken dieser Welt zu Füßen liegen werden. Mein Enthusiasmus ist nicht mehr zu bremsen.

Die Dame hört mir zu, blickt dabei zwar nicht wirklich von ihrem Rechner hoch, ist aber trotzdem garantiert vollkommen bei der Sache, hundertprozentig bei mir, gleich entfacht das Feuer auch in ihr. Nur so ganz beiläufig fragt sie mich jedoch, ob ich gerade neue Drogen ausprobieren würde. Sie widmet sich dann weiter dem Gerät auf ihrem Schoß.

Tja, Laufen ist tatsächlich ein Sport für Einzelkämpfer. Die eigenen Füße gegen die Natur; mehr braucht’s gar nicht. Manchmal muss einen nur jemand dezent daran erinnern.

Jetzt gehe ich erst einmal Duschen.

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Das Video zum Untertage-Marathon in Sondershausen

Bilder sind ja schön und gut. Worte auch. Aber wie sieht das eigentlich wirklich aus, wenn man untertage einen Marathon läuft? Krabbelt man durch enge Schächte? Wird man von einem Fachkundigen in großen Hallen an die Hand genommen? Sieht man überhaupt etwas? Bewegen sich alle brav in einer Reihe oder kann jeder seinen eigenen Laufstil entfalten?

Es ist alles ganz einfach. Ich habe es mal festgehalten: