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Berufswunsch (15)

Die Kindheit, sie besteht aus Phasen. Man freut sich darüber besonders, wenn der Nachwuchs noch ganz jung ist. Weniger wegen der Phasen selbst. Mehr, weil man weiß, dass sie irgendwann auch wieder vorbei sind. Man denkt sich einfach: Lass die Kleinen doch schreien, das hört schon wieder auf. Und schon werden schlaflose Nächte viel erträglicher. Außerdem hilft das Aufsagen derartiger Mantras enorm, um sich selbst einfach nur wach zu halten, während man mit dem Kind auf dem Arm durch das Zimmer wippt.

Aber nur keine Angst. Die Phasen verschieben sich und finden irgendwann auch tagsüber statt. Da gibt es zum Beispiel die berühmte Baggerphase, schön tagsüber, und sie dauert auch nur ein paar Jahre. Dann gibt’s die Kiwis-sind-giftig-Phase, eine die-Schwester-ist-ein-Zerstörer-Phase, die dieses-T-Shirt-für-den-Rest-des-Lebens-Phase, die kein-Zähneputzen-unter-einer-halben-Tube-Zahnpasta-Verbrauch-Phase, die ich-lese-der-Schwester-die-Gutenachtgeschichte-vor-Phase und es gibt sogar eine musische Phase.

Diese ist übrigens ganz unheimlich. Denn wir wissen schließlich alle: Wenn die Musik einen erst einmal erobert, dann verschlingt sie einen mit Haut und Haaren. Und den Sohn hat es erwischt. Dieser junge Mann kann am frühen Morgen in einem Moment noch wohlklingend schnarchen und nur einen Augenblick später melodisch grummelnd ins Bad schlurfen. Er schafft es nicht nur, dort die Toilette zu erobern, sondern auch darauf sitzend eine Ode an die fröhliche Wurst zu ersinnen. Nach diesem Ohrwum wechselt er die Sitzgelegenheit und macht es sich auf seinem Waschtischhocker bequem. Munter vor sich hinsummend sortiert er dabei seine mitgebrachten Socken neu und überlegt, welches Paar er sich aus dem Sortiement zusammen stellt. Ich weiß auch nicht genau, wie er es macht, aber während er sich seine Socken anzieht, schafft er es, rhythmisch auf seinem kleinen Hocker zu trommeln. So treffend gar, dass man sich glatt beim Mitwippen erwischt, noch bevor man den Sohn daran erinnern kann, dass vor dem ersten Kaffee am Morgen gefälligst nicht so ein Krach gemacht wird. Er nimmt die Ermahnung zur Kenntnis, nickt zustimmend und optimiert seine Darbietung dadurch, dass er zum Trommeln noch die Zahnbürste hinzu nimmt. Was will man da machen? Außer, zuzusehen, dass man an Tempo etwas zulegt, damit wir aus dem Bad heraus und in die Küche zum Kaffee kommen. Irgendwie schafft der Sohn es dabei, schon vor einem dort zu sein, am Tisch zu sitzen und in seinem Müsli herumzustochern, während er mit der freien Hand auf dem Tisch trommelt und vor sich hinsummend neues Liedgut komponiert. Es ist beeindruckend, obwohl man manchmal heimlich still und leise in sich hineindenkt, dass es ein Segen sein kann, wenn die Kaffeemaschine den Nachwuchs wenigstens für einen kurzen Moment übertönt.

Und so geht es fortwährend weiter: Im Auto auf dem Weg zur Arbeit? Da trommelt, klatscht und singt er relativ textsicher zu dem Lied mit den Farben sowie der Quatschmusik. Da kann man sich schon mal das Radio klauen lassen – es fällt kaum auf. Auf dem Rückweg läuft es ähnlich. Und falls man sich erst zu Hause wieder über den Weg laufen sollte, gehört es zu den ersten Bitten des Sohnes, dass man doch all die Gegenstände erraten möchte, mit denen seine Gang in der Kita heute musikalische Experimente veranstaltet hat. Ich sage dazu nur soviel: FM Einheit würde blass vor Neid. Dass das sonstige neue Liedgut des Tages lautstark bei der Abendtoilette präsentiert wird, muss ich jetzt nicht extra erwähnen, oder?

Musik begleitet den Sohn durch den Tag. Man erkennt es ganz klar.

Noch während ich dem singenden Trommler seine Zähne nachputze, frage ich ihn somit dezent: Na, wirst Du später wohl mal Musiker?

Sohn: NEIN!

Ich: Ach, warum denn nicht?

Sohn: Ich werde doch LKW-Fahrer!

Na, da lag ich ja nur knapp daneben. Vielleicht frage ich einfach nächste Woche noch einmal nach. Bevor die Phase wieder vorbei ist.

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Berufswunsch (14)

Es soll Leute geben, die fangen schon in frühester Jugend an, ihre Karriere zu planen. Da wird der Lebenslauf getrimmt, dass einem schwindelig wird, wenn man nur davon zu hören bekommt. Wir kennen sie alle. Es sind die Kinder, bei denen man schon den Eltern ansieht, dass der Ernst des Lebens wahrlich kein Spaß ist. Sie sind gehetzt, gestresst und ständig aus der Puste. Dabei verwalten sie nur den Terminkalender der Kinder. Die eigentliche Arbeit machen die Kleinen. Schwimmen, Reiten, Chor, Fremdsprachennachhilfe und Kunsterziehung machen da nur den Anfang. Die richtig ernsten Berufsvorbereitungskurse gehen erst los, wenn die Kleinen erstmal drei Jahre alt geworden sind.

Dabei ist das alles natürlich gar nicht nötig. Wenn wir mal ganz ehrlich sind, wissen wir es doch viel besser. Alles, was wir tun müssen, ist: Augen auf und gucken, was der Nachwuchs besonders gut kann. Diese ganz persönlichen Stärken fördert man dann zielgerichtet. Da braucht es gar nicht viel. Etwas Zuspruch hier, einen Akzent gesetzt dort. Und schon nehmen die Dinge ihren Lauf und die Entwicklung des Überfliegers geht sprichwörtlich ab wie eine Rakete. Wie gesagt: Alles, was man dafür braucht ist ein offenes Auge im richtigen Moment.

Zum Beispiel bei der abendlichen Routine im Bad. Der Sohn ist schon vorgegangen. Angeblich, um sich die Zähne zu putzen. Freiwillig, quasi. Ich weiß zwar nicht, wie er ausgerechnet heute auf diese Idee gekommen ist, aber wenn der Nachwuchs mal freiwillig macht, was man jahrelang allabendlich gebetsmühlenartig vorgeträgt, dann stellt man nicht viele Fragen. Dann ist man dankbar. Und reißt erwartungsfroh die Badtür auf, um den Sohn freudestrahlend zu seinen großen Taten zu beglückwünschen. Positives motiviert. Also: Tür auf und – Augen ebenfalls, ganz weit sogar. Denn mitten im Bad steht der kleiner Mann, mit freiem Oberkörper, auf seinem Hocker. Er hat sogar die Zahnbürste in der Hand. Jedoch weniger zum Putzen sondern vielmehr als Ersatz für einen Dirigentenstab. Er schwingt sie hoch, er guckt, und er singt mit langsam aber stetig ansteigender Lautstärke:

Eine Fliege war nicht dumm,
sie flog mit viel Gebrumm
um’s rote Pferd herum.
|: Da hat das rote Pferd
sich einfach umgekehrt
und hat mit seinem Schwanz
die Fliege abgewehrt.
Die Fliege war nicht dumm,
sie flog mit viel Gebrumm
um’s rote Pferd herum. 😐

So geht es eine Weile. Und nur mit Mühe kann ich dem ekstatischen Künstler seinen Dirigentenstab entreißen, um etappenweise seine Zähne zu polieren.

Zähneknirschend ist mir eines klar geworden: Der Sohn wird mal ein großer Star in der Partykracherszene. Und wer jetzt sagt, dass in dem Text ein summ, summ fehlt, der bekommt es mit seiner kleinen Schwester zu tun. Sie hat sich nämlich vorhin schon als Türsteherin bewährt.

Vielleicht sollte ich mich mal nach einer Balettschule umschauen.


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Berufswunsch (13)

Es ist spät am Abend. Die Kinder sind im Bett. Eine von beiden schläft auch tief und fest, nur beim großen Bruder herrscht keine Ruhe. Ihn treibt etwas um. Er ruft laut: Papa! – da gibt es wohl etwas zu klären. Ich gehe ruhig hin, damit wir das regeln können. Ganz unter Männern. Und kaum bin ich zur Tür rein, platzt es schon aus dem Sohn heraus: Papa, stimmt’s: statt „Diebe“ oder „Räuber“ darf man auch „Einbrecher“ sagen?

Ich: Ja, klar! Aber hier sind keine, Du kannst ruhig wieder einschlafen.

Sohn: Oder „Wegnehmer!“

Ich: Wegnehmer?

Sohn: Ja, Wegnehmer! Sie nehmen einem ja etwas weg.

Ich: Alles klar, mein Schatz. Wegnehmer darfst Du sie auch nennen. Aber jetzt wird geschlafen. Gute Nacht.

Sohn: OK, Papa. Gute Nacht.

Und noch im Herausgehen höre ich ihn ein weiteres Synonym vor sich her brubbeln: Gangster!

Tja, was soll ich sagen? Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Kita, stellen wir fest: es fehlt tatsächlich das Radio im Gefährt.

Ich sag’s mal so: Der Sohn wird später ganz sicher ein Omen. Nur an seiner Vermarktungsfähigkeit muss er wohl noch arbeiten.

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Berufswunsch (12)

Der Sohn hat ein Geschenk bekommen. Und es hat mal wieder vier Räder. Damit kennt er sich aus. Auto! – sagt er anerkennend und steigt ein zur Probefahrt. Zum Glück ist es nicht nur groß sondern auch stabil genug, um die ersten Runden problemlos zu überstehen. Beim Ein- und Ausparken lässt sich der Nachwuchs dabei gern von mir einweisen. Ansonsten bewegt er sich aber souverän und eigenständig. Beide Hände am Lenkrad, die Füße tippeln Dank clever eingebautem Fußbodenschacht als Hilfsmotor, der Blick ist ernst und doch gelassen, beim Rückwärtsfahren lehnt ein Arm recht lässig auf der Karosse. Und sollte der Sohn zufällig mitbekommen, dass ihn seine kleine Schwester beobachtet und anhimmelt, wird seine Mine noch etwas kühler und er fragt mich eher beiläufig und unauffällig, wo eigentlich seine Sonnenbrille verblieben sei.

Alles in allem ist der Sohn also glücklich und ausgeglichen. Bis er plötzlich stehen bleibt, sein Blick sehr ernst wird, er alle ermahnt, kurz ruhig zu sein, dann seinen Kopf zur Seite und nach vorn neigt, um mit Kennermine in die Seele seines Gefährts hinein zu lauschen.

Nicht gut – sagt er. Motorschaden!

Vorsichtig rollt er den Wagen in sein Zimmer, die Werkstatt. Er steigt aus. Sagt kein Wort mehr und holt sich eine Decke. Breitet sie aus und legt sich rücklings darauf, um einen Blick unter den Wagen zu werfen. Er brummt von dort unten unverständliche Worte hervor, greift sich immer mal neues Werkzeug und ist für eine Weile nicht mehr ansprechbar. Er steht auf, setzt sich in den Wagen, versucht wohl den Motor zu starten, schüttelt den Kopf und legt sich wieder nach unten. Das Procedere wiederholt sich. Es wirkt auf mich sehr ingenieurwissenschaftlich: analytisch und systematisch kämpft er sich vor und zwingt den Motorschaden in die Knie. Offenbar erfolgreich. Denn auf einmal sitzt er wieder in seinem Auto und fragt:

Hörst Du das?

Ich: Ähh, was jetzt genau?

Sohn: Na, der Motor läuft wieder!

Ich: Das hast Du prächtig gemacht. Ich bin beeindruckt. Du bist ein Profi, oder?

Sohn: Nein, nein. – und schüttelt den Kopf ob meiner offensichtlichen Ahnungslosigkeit. Das Licht ist doch noch kaputt!

Ahh, ja. – sage ich nur und denke mir, dass er diese Trivialität mit seiner wissenschaftlichen Präzision bestimmt in den Griff bekommen wird. Analyse, Systematik und so.

Woraufhin sich der Sohn ein paar Legosteine schnappt, diese vorsichtig auf der Motorraumhaube ablegt, ihre Anordnung noch einmal korrigiert, kurz zufrieden guckt und sich dann andächtig davor stellt, um eine Schweigeminute einzulegen. Gerade denke ich darüber nach, Luft zu holen, um ihn zu fragen, was diese Zeremonie bewirken soll, da schnappt er sich die Steine, steckt sie ineinander, legt sie zurück in ihre Kiste, steigt in sein Auto und fährt zufriedenen Blickes wieder davon. Er fragt noch nicht mal nach seiner Sonnenbrille.

Selbst ist also der Mann und der Sohn wird natürlich ein Automechaniker. Wenn das mal kein guter Vorsatz für das neue Jahr ist.


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Damenwahl (2)

Weihnachten ist gelaufen. Das Gelage hat ein Ende. Und für geübte Feiertagsgourmets waren die letzten Tage natürlich wieder ein einziger Festschmaus. Ohne Komplikationen haben wir es überstanden, vom ersten Frühstück des Tages bis zum Mitternachtsnachtisch fortwährend mit Nahrungsaufnahme beschäftigt gewesen zu sein. Was immer es gab, es wurde verspeist. Von allen, die am Tisch saßen.

Von allen?

Nun, natürlich nur von fast allen. Denn die Tochter ist noch in dem zarten Alter, in dem sie von der Dame des Hauses gestillt wird. Für die Zeit der Mahlzeiten hat es sich somit eingebürgert, dass die kleine Madame lieber bei mir im Arm sitzt. Zur Vermeidung spontaner Appetitsanfälle ihrerseits, ganz klar. Und so saß sie da und sah diversen Frikassees, Braten und zugehörigen Nachspeisen dabei zu, wie sie erst auf meine Teller kamen und anschließend, Happen für Happen, wieder verschwanden. Erst noch recht gleichgültig dreinschauend, konnte sie es zusehends kaum glauben, wie das Procedere sich fortwährend wiederholte. Essen auf den Teller, Essen auf das Besteck, Essen in den Mund, Essen weg. Immer und immer wieder. Ganz genau angesehen hat sie es sich. Ihre Augen wurden zusehends größer dabei.

Und ihren Augen konnte sie offenbar kaum glauben, als das letzte Mahl des Tages auch das Fest ausklingen lassen sollte. Keine Braten, keine Soßen, keine Dämpfe, kaum noch Düfte. Normalität zog wieder ein. Brot kam auf den Teller. Aber auch das ist Essen. Und Essen kommt vom Teller in den Mund. So hat sie es gelernt. Ein paar intensive Tage lang. Und griff spontan zu. Kurz. Schnell. Ohne einen Ton. Bis sie laut und zufrieden zu schmatzen anfing während ich noch mein Butterbrot suchte, welches noch kurz zuvor auf meinem Teller lag.

Es bedurfte den vereinten Kräften der Erziehungsberechtigten, ihr das Brot wieder zu entreißen, während sie es unter den anfeuernden Zurufen ihres großen Bruders hartnäckig verteidigte.

Nach dieser Schlacht stelle ich fest: Die Tochter wird später ganz sicher Raubtierdompteuse. Die dafür notwendigen praktischen Erfahrungen sammelt sie im Selbstversuch.


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