Kategorien
beobachtungsgabe

Kleiderordnung

Vor dem Haus steht ein Wagen. Ein Kleinwagen, voll mit zwei Studentinnen. Wir gehen vorbei. Der Sohn wirft einen Blick in das Auto. Eher flüchtig, wie man es im Vorbeigehen halt so macht.

Zum Dresscode der Damen, welcher akkurat zur Saison und den derzeitigen Temperaturen passt, sagt der Sohn ganz lapidar: «Papa, die Mädchen sind ganz nackig!»

Ich rätsle noch, wie viele Aussagen er in diesem einen Satz versteckt hat.

Kategorien
beobachtungsgabe Uncategorized

Sohn 2.0

Geburtstagstorte

Wenn der Sohn morgens wach wird, die Eltern nicht lange herum grummeln sondern gleich freudig mit aufstehen, wenn der Frühstückstisch schon vor dem Eindecken voll mit bunt verpackten Sachen ist, wenn man trotzdem erst Zähne putzen soll, bevor man diese aufreißen darf, wenn es offenbar den Kuchen schon zum Frühstück gibt, wenn der Familienrat spontan beschließt, dass man heute gar nicht auf Arbeit, also in die Kita, geht, dann regt sich ein Verdacht.

Wenn wenig später noch jemand einen neuen Staubsauger vorbei bringt, nachdem zufällig der alte am Wochenende schlapp gemacht hat, wenn also der kleine Mann mit lautem Getöse durch die Wohnung fegen kann, dann steht es fest: Das Paradies ist da und der Sohn hat Geburtstag.

Gerne wieder. Hauptsache, es muss beim nächsten Mal kein Kärcher sein.

Kategorien
beobachtungsgabe

Werkstatttermin

Es ist kalt. Es wird vielleicht glatt. Auf jeden Fall kommt jetzt der Winter. Da gehören die korrekten Reifen an das Auto. Also haben der Sohn und ich uns an die Arbeit gemacht. Wir haben am Wagen die Reifen gewechselt.

Das ist ja gar nicht schwer, sagt der Sohn. Er hat auch ganz genau hingeschaut. Alles, was man braucht, ist eigentlich ein Maulschlüssel. Damit lassen sich die Räder locker und wieder fest schrauben. Die Sache mit dem Wagenheber hat er etwas zweifelnd beobachtet. Das Konzept schien ihm nicht recht sinnig zu sein.

Er übt jetzt fleissig selbst und zeigt mir, wie man es richtig macht. In einem bin ich beruhigt: die Wahl des Werkzeugs war wohl gar nicht so schlecht. So ein Maulschlüssel ist eine nützliche Sache.

Sohn mit Maulschlüssel beim Reifenwechsel

Den Wagenheber braucht allerdings niemand. Viel einfacher ist es doch, das Auto schlicht auf die Seite zu legen. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Verläuft die Arbeit wie geplant, setzt sich der Sohn nach jedem Reifen entspannt vor das Auto und betrachtet die Lage. Sieht alles gut aus, ruft er laut Bravo! und spendet frenetisch Applaus.

Sohn mit Maulschlüssel und Hammer Aber wehe es geht etwas schief. Dann heißt es nicht Bravo! sondern Manometa! Und der Sohn zückt sein heimlich bereit gelegtes Reservewerkzeug: einen Hammer. Mit diesem werden Reifen und Auto so lange malträtiert, bis sie sich freiwillig wieder aufrichten, um dem Meister zu zeigen, dass alles in bester Ordnung ist und der Wagen mitsamt Reifen hervorragend in der Spur liegen.

So oder so: der Sohn hat’s im Griff.

Bei dem nächsten Saisonwechsel lasse ich die Arbeit gleich den Sohn machen. Ich setze mich einfach daneben und gucke ihm zu. Sämtliche Hammer bringe ich vorher dezent in Sicherheit, aber frenetischen Applaus und ein lautes Bravo! bekomme ich ganz bestimmt überzeugend hin.

Kategorien
beobachtungsgabe

Auf den Punkt gebracht

Feierabend. Kurz vor der eigenen Haustür kracht es kurz und das Viertel versammelt sich an der Hausecke. Grund des Kieztreffens ist der Eckladen. Der steht zwar leer, hat aber jetzt – ganz neu! – ein demoliertes Schaufenster. Eine gründliche Lageanalyse des Kriminologenteams bestehend aus Kneipier, Parkhauswächter, Ladenbesitzerin von gegenüber und Anwohnern lässt ein recht unelegant quer auf der Straße stehendes Malereidienstfahrzeug verdächtig aussehen. Weitere Analysen, Theorien und ausschweifenden Lästereien bringen auch einen glasklaren Tathergang zum Vorschein. Mitsamt Halteverbot, nicht eingelegtem Gang, ignorierter Handbremse, schräger Rampe, kinetischer Energie und einem Zusammentreffen von Wagenheck, Hängerkupplung und Schaufensterscheibe. Alles wortreich ausgeschmückt mit Theorien über den Verbleib des Fahrers. Panisch geflüchtet? Schläft noch im Auto zwischen den Farbeimern? Längst im Feierabend? Vielleicht auf ein Bier in der Kneipe nebenan?

Der Sohn guckt sich derweil das ganze Schauspiel in Ruhe an. Beobachtet alles mit entspannter Mine, überlegt kurz, ob er sich die Sonnenbrille zurecht rücken sollte, merkt, dass er gar keine Sonnenbrille dabei hat, rückt statt dessen seine Mütze zurecht und sagt nicht mehr als drei Worte: »Auto, Fenster, kaputt.«

So präzise haben wir es alle nicht auf den Punkt bringen können.