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Gerecht geteilt

Schokohasen

Das mit der Großzügigkeit des Sohnes, seinem Gerechtigkeitssinn und sich daraus ableitenden Berufswünschen hatten wir erst kürzlich.

Und was soll ich sagen? Es bestätigt sich immer wieder. Denn was ist wohl eine der größten Herausforderungen eines langen, österlichen Wochenendes?

Genau: der Liebe zum Schokohasen nicht allein nachzugeben, sondern sich die passende Gesellschaft zu suchen. Getreu dem Motto «geteilte Liebe ist doppelte Liebe» werden die Schokohasen dann gemeinsam erlegt. So sieht es auch der Sohn. Der natürlich ganz und gar nicht auf die Idee kommt, sich heimlich und allein an den Küchentisch zu setzen, um in aller Stille einen Hasen nach dem anderen zu vernaschen. Nein, er schnappt sich den Herrn Papa, ruft mit Nachdruck die Dame des Hauses herbei und lässt sich seinen Hasen ganz feierlich an seinem Platz servieren.

Panikartiges Zerfetzen der Verpackung? Freilegen der Schokolade mit purer Gewalt? Herunterschlingen des wertvollen Inhalts? Das alles ist dem Sohn sehr fremd. Er fädelt statt dessen vorsichtig das Halsband samt Glöckchen vom goldenen Getier und reicht es mit großzügiger Geste dem Herrn Papa, der sich bitte angemessen und demütig bedanken darf. Er schnappt sich den jetzt quasi nackten Hasen, setzt ihn vehement und mit Nachdruck vor der Frau Mama auf dem Tisch ab und sagt: «Auspacken!»

Und erst danach widmet er sich mit aller ihm möglichen Ruhe und Ausdauer dem Schokoladenkern des langohrigen Freundes. Dass Schokolade nicht nur im Mund sondern auch in der Hand schmilzt, stört wenig. Wer weiß schließlich, wofür die Vorräte an und zwischen den Fingern noch einmal gut sein werden? Auf zwischendurch herunter fallende Krümel verzichtet der Sohn übrigens großzügig und schiebt sie gelegentlich den Eltern herüber. Sie sollen ja nicht leer ausgehen.

Es ist sehr beruhigend, zu sehen, wie der Sohn sich selbst zu einer fast vollkommenen, sozusagen quasi-buddhistischen Selbstlosigkeit erzieht und seiner Empathie gegenüber jenen, die ihm lieb und nahe sind auch Taten folgen lässt.

Soft-skills sind schließlich wichtig im Leben.

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Im Automobil

Der kleine Mann ist ein Narr. Ein Autonarr. „Auto!“ ist das Wort der Wahl, wenn er etwas Bewegtes auf Rädern sieht. „Auto!“ – sagt er auch, wenn er etwas brummen hört und recht sicher weiß, dass ich es nicht bin. Auto. Auto. Auto. Sie sind überall. Der Weg zur Kita ist voll davon. Der Weg zum Spielplatz eigentlich nicht. Macht aber nichts. Der Sohn findet trotzdem welche.

Wenn wirklich gar nichts anderes in Sichtweite ist, bleibt sein Blick sogar einmal an einem Fahrrad hängen. „Auto?“ – fragt er vorsichtig, guckt dabei aber selbst so überzeugend zweifelnd, dass jedem sofort klar wird: Diese Frage ist rein rhetorischer Natur. Der Blick des Sohnes wandert auch prompt weiter und sucht nach würdigeren Gefährten.

Bei seinem eigenen Kinderwagen sieht die Lage etwas anders aus. Der hat schließlich vier Räder. Und gegenüber den anderen Autos da draußen einen ganz entscheidenden Vorteil: Sitzt man drin, kann man lässig leicht nach rechts gekippt fläzen, wie es die Schirmmütze tragenden Fahrer tiefergelegter Golfs gern tun, dabei den rechten Ellenbogen leicht nach unten gekippt aus dem Wagen hängen lassen, wie es früher, vor langer Zeit, bei Mantafahrern üblich war und den linken Unterarm auf dem Kinderwagenbügelgriff ablegen, wie es sonst nur die gerade erwähnten Golffahrer schaffen. Eine der beiden Hände hebt er gelegentlich. Meist allerdings nur, um beiläufig mir fremden Frauen zuzuwinken, die ihm für gewöhnlich entweder ihr strahlendstes Lächeln oder zumindest das leichte Nicken alter Bekannter retour geben. Keine Ahnung, woher er sie alle kennt.

Ähnlich wenig Ahnung habe ich zugegebenermaßen auch, woher er die fachmännische Selbstverständlichkeit hat, mit der er seinen gerade erprobten Lässigkeitsfahrstil auf die Umgebung im realen und viel größeren Auto anwendet. Rauf auf den Fahrersitz. Haltung leicht schräg nach rechts. Die linke Hand am Lenkrad, der rechte Ellenbogen hängt zwar nicht aus dem Fenster, da dieses zum einen viel zu weit oben anfängt und sich zum anderen auf der falschen Seite befindet; dafür hängt der rechte Ellenbogen auf dem Schalthebel, Stellung nach vorn, ein ungerader Gang. So reichen die Finger zwar nur knapp, aber doch ausreichend, an die Bedienelemente für Radio, Klimaanlage, Navigationsgerät und was auch immer sonst noch an Knöpfen da ist, deren Bedeutung sich mir bisher nicht erschlossen hat, dem Sohn aber intuitiv klar ist. Er wirkt zufrieden.

Der ernsten Mine des sonnenbebrillten Sohnes ist nur noch eine offene Frage anzusehen: „Wie grüße ich all die charmanten jungen Damen da draußen?“ Lässig ein paar Finger zu heben, reicht nicht mehr. Es wäre nicht zu sehen. Also nimmt er seine Finger, bewegt sie und drückt zweimal kurz auf den Schalter für das Warnblinklicht. Einmal an. Einmal aus.

Er ist der Fachmann.

Nur das Geheimnis mit der Hupe im Lenkrad, das verrate ich ihm vorerst lieber nicht.

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Abnabelei

Früher, also ganz früher, war die Welt noch einfach.

Wenn der Sohn ins Bett gehen sollte, gab’s keine Zweifel, wer ihm dabei hilft. Die Frau Mama war es. Sohn geschnappt. Sich selbst obenrum frei gemacht. Sohn angedockt. Gestillt. Sohn schläft. Das war alles eins. Und der Herr Papa des Hauses konnte derweil nicht viel mehr tun, als sich apathisch in die Ecke zu verkriechen und den Sinn seiner Existenz zu hinterfragen. Als moderner Mann von heute kam er dabei natürlich auf die clevere Idee, einfach des Nachts den Sohn ordentlich wach zu rütteln, ihn auf den Wickeltisch zu wuchten und die traute Zweisamkeit durch Herumwedeln mit stinkenden Windeln zu feiern.

Das ging so oder ähnlich eine ganze Weile gut. Bis es dem Sohn irgendwann zu bunt wurde. „Jetzt reicht’s!“ – sagte er, „Das gibt Ringe unter den Augen. Was sollen denn die Mädels in der Kita denken?“ Und da er nicht nur ein Mann der großen Worte sondern auch ein Freund konkreter Taten ist, hat er sich von heute auf morgen abgestillt.

Von da an durfte ich ihn ins Bett bringen. Es war großartig: Wir haben gemeinsam Lieder gesungen, mit Nuckeln geworfen, flaschenweise Fencheltee vernichtet. Kurzum: Die allabendliche Männerrunde war ein formidabler Spaß. Und dank einer verbesserten Kuschelquote des Herrn Papa hatte der Sohn des Nachts mehr Ruhe, wurde nicht ständig aus dem Schlaf gerissen und konnte vollkommen ausgeschlafen tagsüber viel besser bei den Mädels punkten.

Alles super. Bis er jetzt ganz plötzlich auf die Idee kam, einfach ganz allein ins Bett zu gehen. Gemeinsames Abendessen? Jederzeit! Mit dem Papa ab zum Zähneputzen? Warum eigentlich nicht. Dann reicht es ihm aber auch schon. Er stiefelt los in Richtung Bett, lässt sich noch kurz beim Reinklettern helfen, dreht sich um und schläft tief und fest. Pünktlich zum Frühstück ist er wieder wach.

Ich glaube, so fühlt sich Abstillen an. Nicht einfach.

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Applaus, Applaus, Applaus

Der Sohn mag Applaus. Großartiges zu tun ist schließlich nur eine Sache. Ein adäquates Maß an Anerkennung eine andere. Da er offenbar der Meinung ist, dass sein Umfeld ihn nicht ausreichend würdigt, spendet er sich gelegentlich seinen Applaus einfach selbst.

Er spielt mit seiner neuen Sortierbox? Kommt dabei auf die Idee, diese einfach umzudrehen, den großen Entnahmeschacht zu öffnen und alles einzuwerfen? Frenetischer Applaus!

Er füttert beim Essen erfolgreich den Papa mit Banane statt immer nur selbst alles eingetrichtert zu bekommen: Applaus.

Er bekommt erfolgreich die Windel gewechselt und ramponiert während dessen einen Lippenstift: tosender Applaus.

Er läuft mehr oder weniger eigenständig auf einen großen Spiegel zu, um den bezaubernden kleinen Mann darin herzlich zu umarmen und stößt sich dabei gnadenlos den eigenen Kopf: torkelnder Applaus.

Damit der Sohn jetzt nicht ernsthaft denkt, ich würde ihn ignorieren und seine grandiosen Taten nicht standesgemäß honorieren, sitze ich jetzt hier und klatsche; ich werde die ganze Nacht hindurch klatschen; ich werde am Morgen während des Zähneputzens klatschen; ich werde während des Frühstücks klatschen und ich werde auch den gesamten Tag hindurch klatschen. Es ist schließlich Sonntag, also Feiertag. Irgendwann werden die Hände wund sein vom Klatschen. Aber der moderne Mann von heute muss eben seine Opfer bringen, wenn es um den bescheidenen Respekt vor den großen Taten des kleinen Mannes geht.

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Slow Food

Wenn man dem Sohn beim Essen zuschaut, dann stellt sich die Frage, ob es wirklich nur die Liebe ist, die durch den Magen geht. Oder ob nicht viel eher das ganze Leben eigentlich nur ein einziger kulinarischer Genuss ist. Welcher schon vor dem eigentlichen Essen beginnt.

Viele Köche verderben den Brei? Stimmt nämlich gar nicht. Nur ein Elternteil ganz allein kann gar kein vernünftiges Essen zubereiten. Ganz unmöglich. Da muss der Chef persönlich ran. Sonst wird das nichts. Es ist natürlich ungeschickt, dass ihn noch immer jemand auf den Arm heben muss, damit er überhaupt auf die Arbeitsplatte gucken kann. Aber wenn er erst einmal so weit aufgestiegen ist, sind die klaren Kochanweisungen nicht mehr weit. Mehr von diesem!Weg mit jenem! Und wenn das Personal nicht spurt, dann langt er eben selbst zu. Wenn Profis am Werk sind, dann wird gearbeitet und nicht lange diskutiert. Das ist schließlich eine Küche und kein Debattierclub.

Ähnlich konsequent ist er auch beim Essen. Dass die Tischsitten gepflegt werden, ist selbstverständlich. Also wird der Tisch gedeckt, eine Kerze erleuchtet und alles ansprechend arrangiert. Die Grundregeln des Kochens gelten aber auch hier: läuft es nicht genau so, wie der Chef sich das gedacht hat, gibt er klare Anweisungen mit Verbesserungsvorschlägen. Ziehen diese nicht, legt er selbst Hand an. Da wird schon mal mit Löffeln geworfen, um anzuzeigen, wo etwas adäquat stehen sollte. Da wird auch mit dem Teller geklappert, um eventuell schläfrig wirkendes elterliches Personal wieder munter zu bekommen.

Wer jetzt aber denkt, dass das ganze in einer ungeheuerlichen Fastfood-Schlacht endet, der irrt. Der Prozess des kulinarischen Genießens zeichnet sich beim Nachwuchs zwar nicht durch vornehme Zurückhaltung aus. Aber Gut Ding will Weile haben. Das Mahl wird somit genossen. Und das braucht seine Zeit. Sollte jemand einen gelangweilten Eindruck machen, wird er zwischendurch einfach zu einem Spielchen eingeladen. Aber ansonsten wird ganz in Ruhe gegessen. Gern auch genüsslich geklaute Ware vom Teller der Tischnachbarn. Wenn dabei etwas bisher unbekanntes auf seinem Speiseplan landet, guckt der Sohn, als hätte er den Hauptpreis des Tages gewonnen. Eine Zitrone vielleicht? Super. Her damit! Und Reingebissen. Wie war das noch mal? Kein Apfelgesicht, keine Erfrischung.

Wie gesagt: das Leben scheint ein einziger kulinarischer Genuss zu sein. Und wenn Liebe wirklich durch den Magen geht, bin ich schon mal gespannt, wann er die ersten Übernachtungsgäste mit zum Frühstück bringt.