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Aus dem Regal: Happy Running von Andrea Löw

Egal, wie gut es mit dem eigenen Bewegungsdrang gerade so läuft: Über das schöne Laufen anderer kann man ruhig immer wieder mal etwas lesen. Hier gibt es eine wundervolle Gelegenheit dafür. Andrea Löw hat mit Happy Running nämlich ihr erstes Buch über das Laufen vorgelegt.

Cover: Happy Running von Andrea LöwUnd dieses Buch macht genau das, was man sich von so einem Buch wünschen kann: Es unterhält, es regt an, es motiviert und es beeindruckt.

Das mit dem Beeindrucken fällt ihr hier recht leicht. Denn diese Dame läuft nicht einfach nur so vor sich hin, wie unsereiner es macht. Sie amüsiert sich stattdessen auf diversen Ultrastrecken dieser Welt. Und das ist durchaus wörtlich gemeint. Denn die Leichtigkeit, mit der sie in einem Absatz sowohl die Strapazen nach teilweise mehr als 100 Kilometern Strecke unterbringt, als auch die Freude darüber, diese in einer ganz wundervollen, schönen und faszinierenden Gegend erleiden zu dürfen, diese Leichtigkeit fasziniert.

Das hat natürlich auch seine Tücken. Denn gelesen habe ich das Buch gerade passend zur Leipziger Buchmesse in der letzten Woche. Andrea war auch dort, hat das Buch unterhaltsam vorgestellt. Dazu kommt sicherlich nochmal etwas drüben bei der Büchergefahr, dem Podcast des Hauses. Aber irgendwas ist bekanntlich immer. So auch hier. Denn im Buch passiert zumindest ein Teil des allgemeinen Lauftrainings durch Erkundungsläufe in den diversen Städten, die man auf Dienstreisen so besucht. Wer tagsüber Programm hat, kann vorher ruhig mal Laufen gehen und gucken, wie die Gegend außerhalb von Konferenzräumen oder Messehallen so aussieht. Und das stimmt, da hat sie natürlich vollkommen recht, das kann man ruhig so machen. Also habe auch mir vor den Messetagen die Füße vertreten und einen Blick darauf geworfen, welch charmante Häuser so alles in der Gegend herumstehen können.

Feines Haus entlang der Laufstrecke am Morgen der Leipziger Buchmesse

Hier sieht man doch mal, wie motivierend Lektüre so sein kann.

Die bei den Strecken erkennbare hedonistische Ambivalenz zieht sich auch sonst sehr schön durch das Buch. So pendelt Andrea auf ihren Reisen beispielsweise auch schonmal zwischen Siebenmannzelten und Fünfsternehotels. Beides passt, beides ist toll. Und man kauft ihr das glatt ab.

Womit ich dieses Buch glasklar empfehlen möchte. Bei einem angenehm flüssig zu lesenden Schreibstil folgt man hier einer Läuferin zu mehreren Abenteuern in ganz unterschiedlich faszinierende Regionen; erlebt die Reisen dabei lebendig mit, kann sich einfühlen in Menschen und Regionen, die jeweils ganz anders ticken als wir hier am Ort; leidet mit ihr über viele Kilometer durch Wüsten, Berge, Flüsse und absurde Wetterkonstellationen. Und am Ende erlebt man dabei eine Frau, die trotz aller Strapazen – ach was: durchaus wohl auch wegen dieser Strapazen – glücklich ist, zufrieden ist, dankbar ist.

Glücklich, zufrieden, dankbar. Was will man eigentlich mehr?

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Liebloser Harry Potter

Im obigen Bild zu sehen sind etwas über 1.000 Seiten Text. Es ist der fünfte Band dieser Harry-Potter-Serie. Denn nachdem ich meinen Spaß mit den ersten drei wohlillustrierten Bilderbüchern der Reihe hatte, war der Sohn so großzügig, mir auch die anderen Bände anzubieten, die er noch so in seinem Regal stehen hat.

Da sich im vierten Teil eine kleine Liebesgeschichte zwischen Harry und Cho Chang abgezeichnet hat, war ich gar nicht abgeneigt und habe mir auch noch den fünften Band gegriffen. Romanzen in Coming-of-Age-Romanen: Da stehe ich irgendwie drauf. Das habe ich früher schon toll gefunden. Da erinnere ich mich gern dran zurück. Da greife ich auch gern wieder zu.

Und dann das. Viele Seiten, sehr viele Seiten. Damit bietet sich natürlich viel Spielraum, um so ganz en passant zu allem Zaubererdrama diesen Keim der zwischenmenschlichen Zuneigung reifen zu lassen und diese beiden jungen Menschen zusammen zu bringen, die doch ganz sicher auch zusammenkommen möchten.

Aber es passiert nicht. Beide schlendern zwar ein wenig um einander herum und versuchen zaghaft, Nähe aufzubauen, scheitern jedoch daran. Und sie scheitern nicht grandios. Sondern wir erleben hier, dass das Mädchen in sentimentaler Emotionalität ihrer eigenen Melodramatik verfällt und dass der Junge von einem aufregenden Heldendrama in das nächste stolpert und dabei nicht die nötige Muße findet, um sich auf sein love interest einlassen zu können.

Auf der klischeehaften Rollenverteilung möchte ich dabei gar nicht herumreiten. Denn starke Mädchen gibt es in dieser Geschichte sehr wohl. Sensible Jungs durchaus auch. Und insgesamt ist es natürlich eine Heldensaga. Das ist schon okay, das passt alles so.

Aber ein klein wenig mehr Menschlichkeit, ein klein wenig funktionierende Kinderliebe, die ergänzend zu jener wirkt, die er gegenüber seinem Paten aufweist, der eine Art Vaterfigur für ihn repräsentiert, das wäre durchaus nett gewesen. Stattdessen haben wir einen heranwachsenden Jungen, der zwar die (Zauber-) Welt retten darf, dabei aber doch bitte möglichst nicht nicht zu sehr selbst davon profitiert.

Die Zusammenfassung der verbleibenden beiden Bände verspricht ähnliches. Der Sohn wollte mir jetzt nicht verraten, ob’s auch wirklich so läuft. Aber ich ahne, dass der Dreh zu einer erfüllten Liebesgeschichte hier nicht mehr gelingten wird.

Leute, so geht das doch nicht.

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Gelesen: Kallocain von Karin Boye. Oder: #54ReadsKB

Im kleinen Lesekreis von 54Books gibt es diesen Monat mit Kallocain einen Text der schwedischen Autorin Karin Boye, welches Paul Berf übersetzt hat.

Es ist ein Text über einen durchmilitarisierten Totalitätsstaat, in dem Menschen nur leben, um dem Staat zu dienen und selbst ihre Kinder nur bekommen, um diese dem Staat als gehörige Soldaten zu schenken. Erzählt wird dabei die Geschichte aus der Perspektive eines persönlichen Rückblicks von Leo Kall, welcher als Chemiker eine Wahrheitsdroge entwickelt, die ganz wundervoll die totale Kontrolle des Staates von ihrem Verhalten auch auf ihre Gedanken auszuweiten hilft. Wer dazu gebracht werden kann, die gnadenlose Wahrheit zu sagen, der kann dem Staat vollumfänglich dienen und nicht einmal mehr falsche Gedanken hegen.

Kallocain von Karin Boye Natürlich geht das ein wenig schief. Natürlich gibt es immer noch jene, deren Geist nicht mitspielt. Und natürlich werden diese ausgegrenzt, abgesondert, gebrandmarkt, der Gesellschaft verwiesen. Und natürlich ergibt sich daraus die Angst und Sorge von Menschen, selbst so unreine Elemente in sich zu haben, irgendwie man selbst sein zu wollen und nicht nur Teil des Großen Ganzen. Schlimm, schlimm.

Dieses ist eine recht sauber gezeichnete Dystopie. Viel mehr Weltuntergang als eine totale Kontrolle allen Handelns und Denkens kann es ja kaum geben. Und natürlich ist dieses Buch auch eine Utopie, weil sich trotzdem immer noch jemand rührt, trotzdem jemand aufbegehrt, trotzdem Menschen noch frei denken. Sie äußern diese Wahrheiten unter dem Einfluss der Droge, klar. Aber auf den Punkt gebracht wird die Absurdität des Totalitarismus ganz wundervoll an dem Punkt, zu welchem Leos Frau Linda ganz freiwillig ihre Systemkritik vorträgt. Ausgelöst von seinem Drang, ihr eine Affäre mit seinem Chef zu entlocken, lässt sie ihre Gedanken endlich frei, schildert, dass die Liebe zu ihren Kindern stärker als ihre Treue zum Staat ist, dass sie auch ihn, Leo, tief in ihrem Herzen eigentlich loswerden, töten gar, möchte und wirft ihm damit sein Mißtrauen gnadenlos und verstärkt um die Ohren. Es ist faszinierend.

Dieser Text ist 1940 erschienen und natürlich drängt sich der Vergleich zu Aldous Huxleys Schöne neue Welt von 1932 sowie George Orwells 1984 (erschienen: 1949) auf. Aber ohne, dass ich konkret die Ursache dafür greifen kann, scheint Kallocain besser gealtert zu sein. Dieses Buch kann man auch jetzt nach 80 Jahre noch ganz hervorragend lesen, ohne dass es altertümlich wirkt, ohne dass es in den Augen staubt und leider auch ohne, dass es antiquiert wirkt und die gezeigte, dystopische Welt unvorstellbar erscheint.

Dieser Text wirkt ganz furchtbar aktuell. Es ist ein Drama.

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Gelesen: Höhen und Tiefen als 6. Teil der readfy-Originals-Serie

Unter dem neuen Dach von Legimi hat sich Readfy wohl mittlerweile soweit erholt, dass wieder ein wenig Routine einkehrt. Prompt gibt es nach dem 5. Teil der 3Hearts2gether-Serie eben dort nämlich mit Höhen und Tiefen den nächsten Band.

3Hearts2gether, Teil 6: Höhen und Tiefen Das ist doch schön. Also sowohl, dass hier wieder Routine in eins der interessanteren Startups der Buchbranche einzieht und dass die Geschichte um die drei Mädels weitergeht, welche bei einem Skiausflug von einer Lawine überrascht wurden und in stundenlang gefangener Ungewissheit beschlossen, durch gegenseitige Challenges ihr Leben auf den Kopf zu stellen und in neue, aufregende, motivierende, erfüllende Bahnen zu lenken.

Dabei überwiegen vor allem Beziehungsthemen. Alle drei sind irgendwie auf der Suche nach einem passenden Partner, vielleicht sogar dem fürs Leben. Das ist nichts, was man einfach so auf die leichte Schulter nehmen kann und sollte. Besser, es passt. Da kann nicht einfach der erstbeste dahergelaufene Typ genehm sein, der nicht gleich bei Drei auf dem nächsten Baum ist. Das wäre nicht nur uninspiriert, das wäre auch langweilig und mal im Ernst: Wer würde es lesen wollen? Eben.

Und so ist es beruhigend, dass Di, Millie und Val jeweils wieder ein wenig ins Rotieren kommen. Während die eine wie ein an Wechselspannung angeschlossener Elektromagnet um ihren Mann des Herzens pendelt und ihn dabei durch stetig wechselnde Nähe irritiert, gerät die nächste bei einem Bergausflug an ihre Grenzen und schafft es die Dritte, von einem Bad-Boy vielleicht zum nächsten. Wir wissen es noch nicht so genau.

Die Serie geht nämlich noch weiter. Ein wenig Luft ist da noch. Und die einzelnen Folgen sind jeweils überschaubar handliche Stücke, die man sich gern mal zwischendurch gönnen kann. Das ist entspannend, das ist unterhaltsam und das ist gerade so viel, dass man es gern ganz en passant mitnimmt. Es sind also nette kleine Pausen vom Alltag. Das ist doch auch immer mal schön.

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Gelesen: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt von Maya Angelou. Oder: #54ReadsMA

And now for something completely different, einen Lesekreis.

Ganz im Ernst, wir haben uns hier nicht im Raum-Zeit-Gefüge vertan. Es ist zwar Anfang 2019, aber ohne einen Lesekreis hätte es dieses Buch hier nicht auf das Lesegerät geschafft. Konkret geht es um den Lesekreis von 54Books. Er kommt also aus einem Laden von feinen Menschen, die feine Texte über feine Literatur schreiben. Es ist ein feines Faszinosum. Und wenn aus diesem das Angebot kommt, mal für einen Monat gemeinsam einen Text zu lesen und sich mittels des Hashtags #54ReadsMA auf Twitter darüber zu unterhalten, dann sind wir hier natürlich mit dabei, gar keine Frage.

Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt Den Anfang dieses Gemeinschaftserlebnisses macht der Text Ich weiß, warum der gefange Vogel singt von Maya Angelou. Hier erzählt eine Afroamerikanerin aus den USA ihre Geschichte. Und das ist nicht irgendeine Geschichte. Sondern es ist eine von einem Mädchen, Marguerite, welches von ihrer superreligiösen Großmutter in den Südstaaten erzogen und geprägt wird, ihrer kleinen provinziellen Welt jedoch letztlich ins sonnige und gloreich erscheinende Kalifornien entflieht.

Quasi nichts im Leben dieses Mädchens verläuft glatt, vorherseh- oder erwartbar. Der Hürden gibt es viele. Ihr Drama zeigt sich an einer Stelle ganz gut, so mittendrin im Text, da gibt es einen Satz, diesen Satz:

Nachdem ich schon seit drei Jahren eine Frau war, wurde ich jetzt zum Mädchen.

Da ist sie zehn Jahre alt. Zehn. Und blendet zurück zur Erinnerung, mit nur acht Jahren bereits vergewaltigt worden zu sein. Von einem Nahestehenden aus der Familie, als wäre es nicht alles eh schon schlimm genug.

Das passiert übrigens im 12. von insgesamt 36 Kapiteln. Und wie es bei Lesekreisen so ist, tauscht man sich über den Text ja aus. Mittels des Hashtags wird man bei ausreichend langsamem Lesen also vorgewarnt, erfährt schon vorab, dass dieses 12. Kapitel bedrückend ist, schockierend ist, keine Freude ist. Man möchte es am liebsten überspringen, das Kapitel. Aber auch davor bewahren einen die Mitlesenden. Gut so.

Immerhin wird’s auch wieder besser. Denn die Erzählung hat neben der bewegenden Geschichte des wirklich nicht leichten Umfelds von Marguerite noch eine zweite beeindruckende Seite. Es ist eine literarische. Denn die heranwachsende Dame liest, viel sogar. Und schöpft daraus Kraft. Das beginnt mit Shakespeare, von dem sie ihrer Großmutter, ihrer Momma, lieber nichts sagt. Denn Shakespeare war ja Weißer, den kann man doch nicht lesen, wo kommt man denn da hin. Es folgen viele weitere große Werke, Charlotte Brontës Jane Eyre zum Beispiel, während Marguerites großer Bruder mit Mark Twain und seinem Huck Finn von einem Floß im fernen Mississippi träumt.

All diese Texte, sie helfen. Besagter Bruder schenkt ihr zum Schulabschluss »eine in weiches Leder gebundene Ausgabe der Gedichte von Edgar Allan Poe«, für die er lange, lange gespart hat. Es sind Momente wie dieser, die zeigen: Es gibt Hoffnung, immer. Und wenn alles dramatisch den Bach runter zu gehen scheint, wenn alle Grausamkeiten er- und durchlebt sind, dann hilft vielleicht ein Blick in die Literatur, um das Leben wieder lebenswert zu machen. Was für eine schöne Vorstellung.

Und damit bin ich dem Team von 54Books sehr dankbar für ihre Idee zu diesem Lesekreis. Denn ohne den hätte es Maya Angelous Buch halt nicht hier ins Haus geschafft. Es wäre ein Verlust gewesen.