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Gelesen: Tante Julia und der Schreibkünstler

Mario Vargas Llosa also. Warum auch nicht? Also vom Cover mal abgesehen. Es wäre ein Grund, dass man das Stück ruhig liegen lassen könnte. Suspekt, welche Dynamiken oder dunklen Mächte da manchmal am Werke zu sein scheinen. Aber Klassiker sind Klassiker, da werfen wir hier ruhig mal einen Blick auf Tante Julia und den Schreibkünstler.

Inhaltlich passiert dabei nicht viel. Der titelgebende Autor verliebt sich in die im Titel benannte Julia. Nach einigem Hin und Her möchten sie heiraten. Soweit, so gut. Dumm nur, dass sie sowohl seine Tante als auch bereits geschieden ist. (Nicht nur) Im streng religiösen Peru sorgt das naturgemäß für einigen Widerstand. Die resultierende Dramaturgie ist jedoch schnell ausgereizt.

Aber dabei bleibt es zum Glück nicht. Für abwechslungsreichen Kontext sorgen eine Reihe von Nebensträngen, die nicht wirklich viel mit der eigentlichen Geschichte zu tun haben. Da toben sich rattenbezwingende Patriarchen aus, bedienen sich Kirchenvertreter gar unorthodoxer Methoden und erleben einfache Pharmavertreter wahrlich niederschmetternde persönliche Dramen. Das ist oft absurd, meist skurril, immer erfrischend.

Sprachlich ist die Geschichte famos erzählt und doch manchmal etwas langatmig. Sehr kleine Details werden sehr breit erzählt, zu breit manchmal, oft gelingt jedoch erst dank der epischen Ausführlichkeit der Schwenk zum Absurden, Komischen, Unterhaltsamen. Das spanische Original traut sich unsereins ja nicht zu. Die Übersetzung von Thomas Brovot macht jedoch Spaß.

Es ist ein Klassiker. Einer, der sich nicht immer ganz reibungslos anbiedert. Das ist auch ganz gut so. Und für die nächste Auflage spendiert bestimmt auch jemand ein neues Cover.

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Gelesen: Löwenblut von Monika Pfundmeier

Warum nicht mal etwas Historisches einwerfen? Das hat doch neulich mit dem 20er-Jahre-Stück ganz gut geklappt. Dann könnte doch auch so ein Mittelalterbeitrag passen. Versuch macht klug. Löwenblut von Monika Pfundmeier also.

Monika Pfundmeier: LöwenblutDarin geht es zum einen um die Geschichte von Konradin, dem letzten aus der Reihe der Staufer. Wie in der ganz realen Historie auch, hätte er im Alter von zwei Jahren bereits König werden sollen. Das hat aber nicht so recht ins allgemeine Schema gepasst, er wurde es nicht. Stattdessen hat nach einigem Hin und Her ein Charles d‘ Anjou den Posten. Er ist mit seinem blutrünstigen Temperament genau das Gegenteil des heranwachsenden Konradin.

Zum anderen geht es um Cäcilia. Sie ist eine Adlige mit Stil und Stolz. Eine starke, selbstbewusste und schöne Frau. Als solche eckt sie ein wenig an, vom klassischen Rollenmuster distanziert sie sich mit aller gebotenen Würde.

Zusammen mit einer Sammlung anderer – vor allem: adliger – Personen drumherum ist damit die Dramaturgie gesetzt. Und so viel sei verraten: Die hier erzählte Geschichte wird der geschürten Erwartungshaltung vollkommen gerecht. Zumindest in Bezug auf spannende Wendungen und eine zügige Erzählweise.

Weniger geschmeidig mutet die Geschichte inhaltlich an. Das liegt recht sicher an ihrer Nähe zur geschichtlichen Realität. Die Autorin hat hier gründlich recherchiert, führt auch ergänzend zur Erzählung Beschreibungen der Personen sowie der zeitlichen Hintergründe auf. Das ist für einen Genretext möglicherweise gut und angemessen, heißt aber auch, dass einem beim Lesen u.a. ein Happy End vorenthalten bleibt. Wesentliche Hauptdarsteller werden beispielsweise im Verlauf der Erzählung ermordet. Gnadenlos.

Und doch ist das eine sehr solide erzählte Geschichte. Die Kapitel sind kurz, wechseln jeweils die handelnde Person und sind clever arrangiert. Die Spannungsbögen sind geschickt gesetzt, die Sprache ist angenehm und unaufdringlich.

Wenn man kein Problem damit hat, dass sich hinter der Belletristik ein Stückchen Sachbuch versteckt, ist Löwenblut eine lesenswerte Wahl. Das historische Experiment ist somit geschmeidig verlaufen.

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Gelesen: Lebenslauf von Lutz Balschuweit

Beim Buch Lebenslauf von Lutz Balschuweit steht »Kein Wettkampf« groß auf dem Buchcover. Und damit ist alles wesentliche zum Charakter und Thema dieses Laufbuches gesagt.

Kurz zusammenfassend stellen wir fest: Hier läuft jemand jeden Tag. Er ist also ein Streakrunner. Täglichläufer gefällt manchen als Begriff besser, das ist auch hier im Buch so. Nun denn, passt beides. Das macht er, ohne an irgendwelchen offiziellen Wettkämpfen teilzunehmen. Passt natürlich auch. Jeder, wie er mag, zumal dieser Lutz Balschuweit durchaus auf die Zahlen seiner Läufe guckt. Er weiß sehr wohl, wieviele Tage seines Streaks er bereits absolviert hat, er weiß auch sehr genau, wieviel Kilometer dabei bisher zusammengekommen sind (Spoiler: Weit mehr, als einmal um die Welt herum) und er weiß auch recht genau, wann er mit wem zusammen lief und wann er schlicht allein unterwegs war.

Genau davon erzählt er hier im Buch. Es ist nämlich eine Sammlung kleinerer Geschichten, täglicher Anekdoten meist. Wir sind hier direkt bei seinen Läufen dabei, kennen alle Mitstreiter beim Vornahmen und die Laufgegend mit all ihren regionalen Details.

Das kann man machen, aber es fehlt doch ein wenig der übergreifende Zusammenhang. Für sich selbst sind die Geschichten jeweils nett und unterhaltsam, in der Summe ergibt sich jedoch keine Geschichte, die sich entwickelt und die Leser durch das Buch zieht.

Dieses Gefühl der fehlenden Überarbeitung und Feinschleiferei wird noch ein wenig durch Formalitäten unterstrichen. So ist die Schrift zum Beispiel schlicht zu groß und eher am womöglichen Default der Schreibsoftware als an der Lesbarkeit orientiert. Auch stehen die Seitenzahlen immer hübsch rechts unten. Unglücklicherweise ganz unabhängig davon, ob sie gerade oder ungerade Seiten verzieren. Davon geht die Welt nicht unter, glasklar. Aber es holpert trotzdem.

Dem Autor scheint’s egal zu sein. Er kümmert sich lieber um das Laufen und die Frage, was das eigentlich sein soll. Was macht einen Läufer aus? Er kommt zu einem klaren Schluss:

Und am Ende bist du ein Läufer, wenn du läufst. Nicht mehr und nicht weniger.

Ganz genau. Manche schaffen ganz en passant auch noch bemerkenswerte Leistungen. Die einen zum Beispiel einen fixen Marathon, andere spulen beim Streakrunning den ganzen Erdumfang ab oder benutzen gemeinsame Läufe als pragmatisches Mittel zur Integration von zugereisten Menschen. Auch dazu gibt es Geschichten in diesem Buch.

Im hier vorliegenden Fall zeigt Lutz, wie man sehr vieles sehr richtig machen kann, wie man mensch(lich) bleibt, während man täglich einen Halbmarathon absolviert und wie man seinen ganz persönlichen Wettkampf finden kann, ohne dass jemand Medaillen dafür verteilen muss.

Die Formfehler des Buches schwächen ein wenig den Genuss beim Lesen. Aber wenn man das erst mal akzeptiert hat, gibt es anregende Anekdoten. Vom Laufen, über das Leben. Und wer dafür nicht unbedingt ein Buch in der Hand braucht, liest stattdessen das Blog von Lutz. Da kommen die Texte schließlich her. Also warum nicht gleich an der Quelle lesen? Eben.

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Gelesen: Tyll von Daniel Kehlmann

Passende Strandlektüre zu finden ist ja immer nicht ganz einfach. Im Buchladen direkt hinter der Küstenpromenade lag jedoch Tyll von Daniel Kehlmann herum und so eine Gelegenheit kann man ruhig mal nutzen.

Inhaltlich gibt’s in etwa das, was der Titel verspricht: Die Lebensgeschichte von Tyll Uhlenspiegel, dem Gaukler. Und die hat es in sich.

Er fängt als Müllerssohn an. Aber der Papa ist nicht einfach nur ein schlichter Getreidesortierer, sondern ein Welthinterfrager, Denker, Grübler und genau dadurch auch Provokateur im kirchlich geprägten Umfeld des Respektierens der Obrigkeiten. Das geht natürlich schnell schief, der Papa wird an den Pranger gestellt, der Sohn darf fliehen. Die Bäckerstochter Nele kommt mit, auch sie entflieht der drohenden Langeweile des routiniert vorgeschriebenen Lebensalltags.

Beide ziehen sie durchs Land. In ihren Kunststücken sind sie gut, sehr gut, die besten. Auf ihren Wegen sehen sie alles, von allem auch das Elend. Es kommt aus der Gesellschaft, es kommt aus der Armut, es kommt aus dem Überlebenskampf aller, es kommt aus den Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs, der gerade tobt. Es ist somit eine phänomenale Kulisse, durch die sich Tyll und Nele mit phänomenaler Routine bewegen.

Und diese Geschichte ist ganz wundervoll erzählt. Es ist spannend, aus verschiedenen Sichtweisen auf das Geschehen zu gucken. Es ist anregend, verschiedene historische Schicksale aus dem Blick zweier Gaukler zu betrachten. Es ist beruhigend, dass sowohl die Kleinen als auch die Großen ihrer Zeit mit Sorgen, Nöten, stinkenden Gassen und kleinen Heldentaten kämpfen.

Wer sonst noch auf der Suche nach einer passenden Strandlektüre sein sollte: Dieser Tyll des Herrn Kehlmann ist ganz prima geeignet.

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Gelesen: Tag der Wahrheit als 8. Teil der readfy-Originals-Serie

Wir lesen hier eine Serie und gern holen wir alle nochmal ein wenig ab, worum es dabei überhaupt geht: Drei junge Damen werden auf einem Skiausflug von einer Lawine überrascht und mit viel Schnee in einer Berghütte eingesperrt. Es wirkt wie ein frühes Ende ihrer Leben und sie versprechen sich, diese gründlich auf den Kopf zu stellen und sinnvoller zu gestalten, wenn sie jemals die Chance erhalten, ihrer ungünstigen Lage zu entkommen.

Das mit dem Entkommen klappt und für die Veränderungen geben sie sich gegenseitige Challenges, welche jeweils helfen (sollen), irgendeinen Aspekt am eigenen Selbst zu verändern, möglichst gar zu verbessern. Diese traute Dreisamkeit nennen sie 3Hearts2gether und wir sind beim achten Teil der Saga angelangt, welche übrigens exklusiv bei Readfy erscheint. Auch hier erinnern wir uns: Das ist dieses Startup, bei welchem sich E-Books kostenlos lesen lassen, dafür aber mit ein wenig Werbung garniert sind.

So, und dann erinnern wir uns noch daran, dass im siebenten Teil endlich mal wieder etwas Leben in das harmonische Miteinander unserer Damen gekommen ist. Ihre jeweiligen Liebeleien liefen plötzlich etwas unrund. Das war doch sehr erfrischend. Und das geht dieses Mal noch ein wenig weiter so.

Millie ist ja bekanntlich mit dem Retter von der Bergwacht glücklich zusammen. Dieser schmollt aber jetzt, weil er von den besagten Challenges erfahren hat und es war nicht Millie, die es ihm verriet. Schmollen kann er gut.

Val schwankte ein wenig zwischen zwei heißen Typen. Schwanken kann sie gut. Aber ich nehm’s mal worweg: Die Wogen glätten sich. Man beachte den Titel dieser Folge.

Und Di ist weiterhin mit ihrem Polizisten recht glücklich, auch wenn zwischendurch jemand ein skurriles Späßchen mit anzüglichen Geschenkpaketen spielt.

Das wirft einen beim Lesen alles nicht vor Spannung aus der Bahn. Was jedoch vollkommen in Ordnung so ist, denn um Spannung im Sinne eines Thrillers geht’s ja gar nicht. Es geht um Spannung im Sinne eines Liebesromans. Und die gibt es, sie sitzt, sie passt, sie wirft einen emotional hin und her und sie verleitet einen dazu, zwischendurch das eine oder andere Männchen und die eine oder andere Dame schütteln zu wollen, um sie zur Vernunft zu bringen. Das ist etwas Gutes. Wenn eine Geschichte in diesem Genre das schafft, dann stimmt doch alles.

Womit wir uns an dieser Stelle einfach mal dankbar dafür zeigen, dass Readfy an dieser Serie festhält und sie trotz aller Startupquerelen und zwischenzeitlichen Inhaberwechsel weiterführt und die drei Autorinnen ebenso mit am Ball bleiben.