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Aus dem Regal

Heimweg von Harald Martenstein

Hier haben wir doch wieder einen Roman. Ganz anders als beim Steffen Möller neulich. Noch ist es zwar kein Klassiker, aber dafür ist der Autor durch seine Kolumnen bekannt geworden, immerhin, auf eine Art recht ähnlich zum Herrn Möller.

Worum es geht? Um einen Kriegsheimkehrer. Und seine Frau. Und ihre Verehrer. Und ihre Schwester. Und deren Rotlichtkneipe. Und ihren Mann. Und um viele Gäste. Und um einen Enkel. Um das Wahre und um das nur bedingt Wahre. Und etwas Wahnsinn. Und hier ist ein Auszug:

Sie versuchte, Worte zu finden, die Fritz um den Hals fassten und dann langsam zudrückten, Worte, die ihm Säure in die Augen schütten, Worte, die seine Knochen zerschmettern und ihm lebendig die Haut abziehen. Sie schrie, um ihm die Worte wie mit einem Hammer in sein Gehirn hineinzuschlagen, schrie, damit die Worte ihn wie ein Sturm umwerfen, ihn unter Wasser drücken, ihn mitsamt seinen Wurzeln ausreißen oder ihn in blutige Fetzen zerreißen. Nichts sollte bleiben von ihm, nicht einmal Staub.

Was soll ich noch sagen? Es ist einfach ein wunderbarer Familien-Roman.

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Novecento von Alessandro Baricco

Kleine Bücher sind etwas für den kleinen Mann. Das könnte man zumindest meinen, wenn man dieses Exemplar aus der Reihe Books to go vor sich hat. Knapp 90 Seiten in kleinem Format mit verhältnismäßig großer Schrift. Das ist greifbar.

Und lesbar:

Jelly Roll machte ein Gesicht, als hätten sie ihm die Weihnachtsgeschenke geklaut. Er blitzte Novecento aus zwei Wolfsaugen an und setzte sich wieder ans Klavier. Er legte einen Blues hin, der selbst einen deutschen Maschinisten zu Tränen gerührt hätte, es klang, als wäre die gesamte Baumwolle sämtlicher Schwarzer der Welt darin enthalten und als würde er sie mit diesen Tönen ernten.

Eine Frage liegt jetzt nahe: Was macht man mit einem to go-Buch, wenn es ausgelesen ist und man wieder bequem auf der Couch sitzt? Das gleiche wie mit einem to go-Heißgetränkpappbecher, also: wegwerfen?

Der Sohn meint, das sei eine ganz hervorragende Möglichkeit und er übt das mit dem Werfen schon einmal vorsorglich sehr gründlich.

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Viva Polonia von Steffen Möller

Teil zwei unserer kleinen Serie über Bücher, die der Sohn zwar zum Lesen aus dem Regal holt, die er eigentlich aber gar nicht anfassen soll, ist gar kein Buch aus toten Bäumen, sondern eins aus kleinen elektronischen Dingen, die klingen. Ein Hörbuch also. Was für ein fulminanter Start. Aber immerhin gibt’s das Werk auch gedruckt.

Das Buch besteht nicht nur aus einer einzigen sondern aus ganz vielen Geschichten. Und diese passen auf ihre Art hervorragend zum kleinen Mann. Nicht, weil er bereits ein Polenkenner ist. Ist er nämlich nicht. War noch nie dort. Sondern weil die Geschichten ebenfalls klein sind. Und so Schritt für Schritt aus kleinen Männern kleine Polenkenner machen.

Wenn man dem Herrn Steffen zuhört, scheint das auch eine richtig feine Sache zu sein, das mit dem Polen und dem Kennenlernen. So sieht Begeisterung aus. Begeisterung für Herzlichkeit, Überlandbusfahrten, Weichselaphroditen und das Reparieren quietschender Türen mit Butter. Alles drin. Alles dran. Alles polnisch. Alles kolumnig gut erzählt.

Trotzdem, oder sogar genau deswegen, hat mich das Buch in dem Gefühl bestärkt, dass ein beachtlicher Teil der lebenden deutschsprachigen Literaturwelt sich im Metier der kurzen Texte wohl zu fühlen scheint. Es muss zwar nicht immer gleich Twitter-Lyrik sein, aber der klassische Roman wird vielleicht langsam genau das: ein Klassiker.

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Lagerfeuer von Julia Franck

Eines der Lieblingsbücher des Sohnes beim Griff in das häusliche Regal ist Moskauer Eis von Annett Gröschner. Großartig. Das zeugt von Stil.

Was er schon lange nicht mehr heraus geholt hat: Zonenkinder. Gut so. Lohnt sich nämlich eh nicht. Wenn ich es mir recht überlege, habe ich das Stück auch schon eine Weile selbst nicht mehr gesehen. Möglicherweise hat der Sohn es heimlich um die Ecke gebracht, damit sich niemand die Finger daran schmutzig macht. Schlaues Kind.

Was der Sohn bestimmt nicht aus dem Regal holen wird: Ingo Schulze. Den gibt’s hier nämlich nicht und den wird’s hier auch nicht geben.

Das gilt so ähnlich auch für Den Turm vom Tellkamp. Wobei dieser gern noch zu Besuch kommen könnte, wenn er es schafft, den ganzen Rummel um ihn draußen zu lassen.

Julia Franck: Lagerfeuer Wie es leuchtet von Thomas Brussig steht zu weit oben. Da kommt der Sohn noch nicht heran.

Aber was hat das alles mit Lagerfeuer von Julia Franck zu tun?

Nicht viel. Korrekt. Das ist nämlich gar kein Wenderoman. Ganz anders als ich anfänglich dachte. Nein, denn es ist ein im-Westen-nicht-ankommen-Roman, kürzlich vom Herrn Nachwuchs aus dem Regal geangelt und stolz durch den Raum geworfen. Dabei ist es die Geschichte von ein paar Leuten, die zwar aus dem Osten heraus gekommen sind, es im Westen aber nur bis in das Aufnahmelager geschafft haben:

Aber wo bist du gelandet? Ist dir nicht aufgefallen, daß wir in einem Lager wohnen mit einer Mauer drumherum, in einer Stadt mit einer Mauer drumherum, mitten in einem Land mit einer Mauer drumherum.

Es ist komisch. Es ist dramatisch. Es ist komisch dramatisch.

Und es ist lesenswert.

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Aus dem Regal

Der Sohn ist ein großer Freund der häuslichen Regale. Dabei lotet er entweder seine DJ-Fähigkeiten am CD-Regal aus oder er lässt sich im Bücherregal für mögliche Berufswünsche inspirieren.

Da die Wahl des Sohnes natürlich nicht willkürlich ist, sondern stets wohl durchdacht, werde ich sie zumindest auszugsweise dokumentieren. Genau hier, versteht sich. Allerdings vorerst nur dann, wenn es um Bücher geht. Denn über seine CD-Auswahl muss ich erst noch mal ein ernstes Wort mit ihm reden. So von Mann zu Mann.