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Aus dem Regal

Heute: Die Untreue der Grönländer von Kim Leine, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein

Urlaub haben heißt: Zeit haben. Und was kann man mit Zeit schon sinnvolleres anfangen, als Texte zu lesen? Texte aus Büchern zum Beispiel? Eben. Und so kommt es, dass bei einer Fahrt an die Küste meist ein Marebuch zur Urlaubsbeute gehört.

Dieses Mal also eines über Grönland. Oder besser: Grönländer. Oder genauer: ein Buch über Jesper, der gar kein Grönländer ist, sondern Däne. Aber er steckt in Grönland. Als Krankenpfleger. In einem Dorf im Hinterland. In dem auch noch ein paar andere Leute leben. Alles Grönländer, wie es scheint; wenn auch nicht alle aus der Gegend. Über sie ist das Buch. Denn sie alle erleben recht skurrile Sachen während Jesper bei ihnen in der Siedlung seinen Dienst verrichtet. Sie sind sich natürlich kreuz und quer einander untreu, ganz klar, irgendwo muss ja der Buchtitel herkommen. Sie sind viel krank, zumindest aus Sicht von Jesper. Manchmal sterben sie sogar. Oder sägen sich nur einen Finger ab. Oder kippen die Fäkalien der Siedlung in den Dorfteich. Oder fantasieren wild von der nächstgelegenen Stadt, welche auf der anderen Seite des Fjordes liegt.

All das passiert sehr charmant erzählt, in Kurzgeschichten verpackt, die sicher nicht nur gut zu kleinen Pausen vom Muschelnzählen am Strand passen.

Also schlage ich vor: Machen Sie doch mal Urlaub. Holen Sie sich ein Marebuch, gerne dieses. Und lesen Sie. Es ist ein wenig, als wäre man dort. Und zwar mit warmen Füßen.

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Heute: Das Rosinenbrötchen von Maximilian Buddenbohm

Wer schon mal Musik gehört hat, hat vielleicht auch schon mal Jazz gehört. So ein wenig zumindest. Jazz ist etwas Feines. Jazz ist Kunst. Kunst wegen Können und so. Wenn man genau hin hört, dann kann man nicht nur hören, welche Instrumente an einem Stück beteiligt sind, man hört auch, wer diese Instrumente jeweils spielt. Und was man auch hört, ist die Struktur der Songs. Das ist nicht einfach wildes Geschrammel. Nein, das ist zum Beispiel A-BB-A-B. Was natürlich nicht heißen soll, dass Jazz eintönig und langweilig ist. Großer Quatsch. Jazz ist schließlich Kunst.

Warum erzähle ich das?

Weil es mit Texten ganz ähnlich funktioniert. Man guckt in dieses Buch. Man liest ein paar der Geschichten. Man erkennt: Am Text spielte Señor Buddenbohm. Die Geschichten folgen oft einem gewissen Muster: Szenenschilderung, auf die falsche Fährte leiten, Auflösung auf der falschen Fährte liefern, Aufgreifen der ursprünglichen Szene mit einer nicht immer naheliegenden Pointe. A-BB-A, quasi. Vielleicht mit einer Art Akzent auf dem zweiten A, aber wir wollen hier mal nichts akademischer gestalten als es ist.

Was es ist: Kunst. Kunst am Text. Was es auch ist: ein großer Spaß.

Also: Kaufen. Und: Lesen.

Und nicht gleichzeitig Jazz hören. So etwas macht man nicht.


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Heute: Die Mütter-Mafia und Friends von Kerstin Gier (Hg.), mit Buddenbohm-Beteiligung

Cover von 'Die Mütter-Mafia und Friends' Was bekommt man, wenn man 13 Frauen und zwei Männer zwischen zwei Buchdeckel presst? Genau: ein rosa Cover.

Und es ist genau das, wonach es aussieht: Strandlektüre. Und wer gar keinen vernünftigen Strand hat, wie wir hier in den Südstaaten, der darf das halt nicht lesen. Und wer das trotzdem macht, wird halt von den Nachbarn schief angeguckt. Von wegen rosa Cover, fehlendem Strand und den Südstaaten.

Aber da muss man wohl durch, wenn man sich unterhalten lassen will. Wie zum Beispiel mit dieser Episode aus dem Supermarkt:

»Sie geben mir sofort den Thymian zurück!«, rief ich.

»Nein«, sagte sie und stellte sich schützend vor ihren Wagen.

Ich war nicht bereit aufzugeben. Eher würde ich vorzeitige Wechseljahre akzeptieren.

»Ich zähle bis drei«, sagte ich nun, wie ich hoffte, gefährlich leise.

»Und dann?«, fragte sie süffisant.

Ich ging einen Schritt auf sie zu. »Und dann werde ich Ihnen die Schamlippen so lang ziehen, dass sie Wäsche daran aufhängen können«, sagte ich und erschrakt vor mit selbst, weil das ja relativ unflätig war und ein Stück weit asozial.

Passt schon. Also viel Spaß! Gern auch am Strand.


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Heute: Moskauer Eis von Annett Gröschner

Cover von Moskauer Eis Es gibt Leute, die behaupten, der gemeine Wenderoman hätte sich komplett überlebt. Er sei nichts anderes als eine skurrile Erscheinung der 90er Jahre. Alt. Verstaubt. Nostalgisch verklärt. Ostzone bewundernd. Kitsch.

Was natürlich alles stimmt.

Mit Ausnahme von Señora Gröschners Moskauer Eis. Das spielt zwar im Osten. Zur Wendezeit. Mit quasi nostalgischem Blick in die DDR-Vergangenheit. Aber es passt trotzdem. Denn zum einen liegt der Osten in Magdeburg. Das traut sich sonst niemand. Und zum anderen beginnt das Buch mit einer Leiche. In einer Kühltruhe. Und ändert das Thema von dort auch nicht mehr wesentlich.

Es geht um Eis. Das ganze Buch hindurch. Gefrieren hier, Tiefgefrieren dort. Experimente mit Eiszutaten gibt es ebenso wie Dealerei mit tiefgefrorenem Schweinefleisch. Und natürlich geht es um die Kühltruhe, die bewohnte. Was sich dann zum Beispiel wie folgt liest:

»Supermacht Sowjetunion ist am Ende«, lese ich beim Hochgehen auf der ersten Seite der »Volksstimme«.

»Kannst rauskommen», sage ich zu Vater, »die Sowjetunion wird nie wieder eine Tabellenwertung bei Olympischen Spielen gewinnen.« Aber Vater interessiert sich nicht einmal mehr für Sport, eigentlich kann der in der Truhe gar nicht mein Vater sein. Falls er in zwei Monaten zur Winterolympiade nicht aufwacht, muß ich ihn wohl für tot erklären.

Und wer glaubt, dass die ganzen zu spät geborenen Jungspunde damit nichts anfangen können, irrt gewaltig. Denn das Eis aus den alten Zeiten, das gibt es wieder. Inklusive dieser kleinen Plastiklöffel, jenen vom Buchcover. Ganz feine Teile, mit Namen drauf. Bei denen eins ganz klar feststeht: früher, zu den alten Zeiten, also als ich das Eis noch auf Zehenspitzen stehend aus der Tiefkühltruhe geholt habe, ja, damals waren diese Plastiklöffel noch viel größer als sie heute sind.

Das habe ich auch dem Sohn gesagt. Er hat mich daraufhin mit großen Augen angeguckt, dann auf seinen Löffel geguckt, noch einmal mich angeguckt, verstohlen auf sein Eis geschielt, alles für einen hinterhältigen Trick gehalten und ohne ein Wort lieber weiter gelöffelt. Papa erzählt Geschichten von früher. Der Sohn genießt im Hier und Jetzt.

Einer von uns beiden macht etwas falsch.


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Heute: Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein von Maximilian Buddenbohm

Buch des Herrn Buddenbohm Beim Blognachbarn, dem Herrn Buddenbohm mit seinen Herzdamengeschichten, gab’s mal so Texte, das ist schon eine Weile her, bei denen ging es gar nicht um die Herzdame. Und auch nicht um die Söhne. Bei denen ging’s statt dessen um Jugend, um Mädchen, um ein Mädchen ganz besonders, mit wilden Geschichten über Beziehungen, die gar keine waren; alles in einem Provinzkaff, immerhin an der Küste. Travemünde war das. Und was er davon so hielt, klang zum Beispiel so:

Der Bus fuhr fast ohne Halt durch das dunkle und unbelebte Travemünde. Wenn man nicht gerade nach Lübeck in die Disco fuhr, gab es wenig Grund, sich bei dem Wetter draußen herumzutreiben.

Eine vollkommene Liebeserklärung, quasi.

Da drüben, im Blog, da waren die Texte übrigens irgendwie fehl am Platz. Aber hier, so neu verpackt, auf Papier und zwischen zwei Buchdeckeln: da passt’s.