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Aus dem Regal: Marmelade im Zonenrandgebiet von Maximilian Buddenbohm

Cover: Marmelade im Zonenrandgebiet Im normalen Leben schreibt der Herr Buddenbohm ein Blog. Herzdamengeschichten steht draußen dran. Drin gibt’s jedoch meist etwas über zwei Kinder. Als wär‘ das nicht per se schon schlimm genug, nimmt er diese Texte manchmal, schleift noch ein wenig daran herum, presst sie schließlich zwischen zwei Deckel und nennt das Ergebnis: Buch. Wiederholt. Unerhört.

Denn sind wir doch mal ganz ehrlich: Wer will schon immer nur Geschichten über Kinder lesen? Die Kleinen machen dies, die Kleinen machen das; guck mal – wie lustig, was haben wir gelacht; bitte ruhig weiter geh’n, hier gibt’s nichts zu sehen. Irgendwann reicht’s.

Das hat sich offenbar auch Herr Buddenbohm gedacht und jetzt glatt mal ein Buch über einen Erwachsenen geschrieben: sich selbst. Endlich mal etwas Solides, Bodenständiges, Ernstes. Es ist ein Buch voll mit Fragen, die jeder von uns unmittelbar nachvollziehen kann. Es geht um die großen Dinge des Lebens. Also um die Studienwahl und die Suche nach einer Frau. Und das Allerbeste ist: Die Antworten gibt’s auch. Im Buch. Also kann ich nur eines empfehlen: Zugreifen! Kaufen, Holen, Selbst-lesen. Nachdem wir in den ersten Büchern des Schriftstellers mit dem Kinderkram konfrontiert wurden, erfahren wir hier endlich alles über seinen ganz eigenen Werdegang. Wir bekommen tiefe Einblicke in seine Vergangenheit. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Er macht sich quasi nackt. Nichts ist tabu. Alles wird geklärt.

Nur eine Frage bleibt am Ende doch offen: Was wurde eigentlich aus Wiebke?

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Heute: 1Q84 von Haruki Murakami, Deutsch von Ursula Gräfe

Cover 1Q84 Von Señor Murakami kann man viel halten. Muss man aber nicht. Manch‘ hanseatische Textexpertin macht das zum Beispiel nicht. Aber sie begründet ihre Meinung auch ganz dick mit der Rezension eines selbstreferenziellen Sachbuches. Das passt natürlich nicht. Denn das Ego des japanischen Herren scheint recht ausgeprägt zu sein. Vielleicht, weil ihm zu oft jemand gesagt hat, dass seine Romane gelungene Konstrukte sind.

Wo jedoch etwas dran ist. Murakami versteht sein Handwerk. Erzählen kann er. Man sieht es an dieser Geschichte recht gut. Es gibt zwei Hauptdarsteller, beide sehr charmant, beide zumindest etwas mysteriös. Es gibt relativ starke Nebendarsteller, die jedoch nie am Thron der Helden rühren. Die Geschichte steuert obendrein auf ein recht offensichtliches Ende zu. Aber sie macht es von zwei verschiedenen Richtungen aus. Und unterwegs gibt es durchaus die eine oder andere Verwirrung und Nebengeschichte. Damit bleibt es unterhaltsam und abwechslungsreich. Verwirrt wird man garantiert nicht. Es gibt viele Seiten, die mit ausführlichen Beschreibungen von allem und jedem gefüllt sind. Wenn schon Tolkien mit seitenlangen Ergüssen über das saftige Grün einer saftig grünen Wiese erfolgreich war, warum sollten sich dann nicht auch nachfolgende Romanschreiber daran orientieren? Eben. Und keine Angst: das klappt auch ohne Graswiesen – zum Beispiel mit Brüsten. Denn in diesem Buch gibt es wohl keine Frau, zu der wir nicht etwas über die Größe, Form und sonstige Beschaffenheit ihrer Brüste erfahren. Das allein sollte doch eine glasklare Leseempfehlung sein, oder?

Und selbst wenn nicht: Trauen Sie sich ruhig. Lesen sie Murakami. Aber bitte als Roman, nicht als Sachbuch. Und seien Sie um Himmels Willen nicht zu analytisch bei der Sache. Das Erlebnis ist sorgfältig geplant und handwerklich solide umgesetzt. Bis hin zum Cliffhanger ganz am Ende, welcher zum Kauf des Folgebandes motivieren soll. Man merkt das alles. Aber sei’s drum.

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Heute: Lazyboy von Michael Weins

Cover Lazyboy Irgendeine Neurose hat ja jeder. Manche haben zum Beispiel ein Problem mit Türen. Der Protagonist hier im Buch zum Beispiel. Er sieht eine Tür, er geht durch die Tür und er ist plötzlich ganz woanders. Also nicht einfach nur auf der anderen Seite der Tür. Sondern wirklich woanders. Anderer Ort. Vielleicht sogar andere Zeit, das weiß man manchmal nicht so genau, aber es scheint nicht wirklich so. Diese fortlaufenden Ortswechsel sind leicht verstörend. Aber eine schöne Idee, welche charmant erzählt wird. Da schaden selbst die sich quasi obligatorisch anbietenden Drogenspielereien wenig, die natürlich mit von der Partie sind.

Mittendrin droht die Geschichte übrigens sehr, ins Vorhersehbare abzudriften, vielleicht gar langweilig zu werden. Kurz vorher bekommt Señor Weins aber die Kurve und führt eine neue Tür ein, die im Gegensatz zur leicht chaotischen Beliebigkeit der Türen vorher zu einem konkreten, reproduzierbaren Ort führt. Zusätzlich gibt’s bei der Gelegenheit auch noch ein junges Mädchen mit sehr tragender Rolle. Das ist eine willkommene Ergänzung zu den restlichen Frauengeschichten.

Das Ende ist natürlich eine ganz große Überraschung. Muss es wohl auch sein. Macht aber nichts. Und immerhin erspare ich Ihnen hier jetzt die furchtbar naheliegende Analogie vom anstehenden Jahreswechsel zu dem Wandel durch Türen und den sich dahinter eröffnenden neuen Welten und Chancen und so. Das Bild bauen Sie sich hübsch selbst zusammen, ja? Gut.

Aber falls Sie unbedingt Vorsätze suchen: Lesen Sie ein Buch. Gern dieses hier. Macht Spaß. Wie übrigens bisher alles aus dem mairisch Verlag. Dessen Sachen es auch im Abo gibt — falls Sie das ernst meinen mit den Vorsätzen und so.

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Heute: Aufbruch in die Nacht von Stephen Wright, Deutsch von Peter Torberg

Es soll Leute geben, die fanden Jonathan Franzens Korrekturen ein aufregendes Buch. Das war es nicht. Es war nur eine nett erzählte Geschichte von quasi Durchschnittsamerikanern auf deutlich mehr Seiten als notwendig.

Cover So in etwa sieht es mit diesem Buch auch aus. Es geht um einen Durchschnittsamerikaner, der gemäß des bedeutungsschwangeren Titels los zieht, um eine Art persönlichen Aufbruchs zu erleben. Thematisch geht da die Post ab. Denn der werte Protagonist erlebt viel und vor allem trifft er aufregende Leute. Sie drehen Pornos, sie sterben (unfreiwillig), sie dröhnen sich mit Drogen zu, sie sind auch ohne Drogen vollkommen durchgeknallt: alles ist dabei. Wie gesagt: thematisch geht die Post ab, da kommt keine Langeweile auf.

Es liest sich trotzdem wie ein Kleinwagen mit angezogener Handbremse. Ich kann noch nicht mal sagen, woran genau es liegt. Aber der Funke springt nicht über. Ein richtiger Seitenwechsler sieht anders aus. Das kann natürlich an einer unglücklichen Übersetzung liegen. Es kann auch an der etwas verkrampft wirkenden Überzeichnung der Normalverrückten des amerikanischen Durchschnittswahnsinns liegen. Wer weiß das schon so genau? Fakt ist: Selbst Franzens Korrekturen gingen flüssiger durch die Finger. Und das will etwas heißen.


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Heute: Die Frau, für die ich den Computer erfand von Friedrich Christian Delius

Hier geht’s um Konrad Zuse. Nicht irgendeinen kleinen Erfinderamateuer, nein, es geht um Konrad Zuse. Also um den Mann, der den Computer erfunden hat. Und wie der Titel so schön verrät, geht’s darum, wie er das eigentlich angestellt hat, das mit dem Erfinden des Computers.

Cover des Buches Das verrät er übrigens wirklich. Also nicht nur inhaltlich. Dieser Teil ist mit dem Titel quasi schon verraten. Sondern auch stilistisch. Denn es ist Zuse selbst, der das ganze Buch über redet. In einem Interview, das vom Autor des Buches aufgenommen, niedergeschrieben und wohl auch etwas sortiert worden ist. Und wie das so ist, wenn ein großer Geist in seinen alten Tagen einmal so richtig in Redefluss geraten darf, kommen sehr schöne Anekdoten dabei zum Vorschein. Zum Beispiel diese hier:

Glauben Sie mir, das Erfinden, auch das geht ja nicht ohne Eros. Ohne Eros entwickelt sich nichts im Leben, nicht einmal der Bau von Rechenmaschinen … Wenn Sie stundenlang Kontaktfedern justieren oder das Komma gleiten lassen, dann denken Sie auch mal an gleitende Ausrufungszeichen, verstehen Sie?

Es geht aber gar nicht nur um Frauen und durch niedere Instinkte getriebene Anregungen. Das ist hier schließlich nicht der — ebenfalls hochgradig lesbare — Lebensrückblick von Richard Feynman, sondern eben jener von Konrad Zuse.

Und wenn man sich erst einmal dazu überwunden hat, den Monologstil des Herren zu akzeptieren, ist es ganz großartige Lektüre. Bei der man sogar das eine oder andere Neue lernen kann. Was will man mehr?