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Gelesen: Zum zweiten Mal tot von Marcus Johanus

Von dem Herrn gab’s hier schon mal etwas. Um tötliche Gedanken ging es dabei. Jetzt sind die Handelnden zum zweiten Mal tot. Es scheint sich ein Muster abzuzeichnen.

Auch hier im Text geht es wieder um Übersinnliches. Aber wirklich nur ein klein wenig. Das erste Mal tot passiert dabei durch einen Unfall, bei dem mehrere Autos von einer Brücke in einen See fallen, die Insassen ertrinken. Anschließend werden sie jedoch gerettet und reanimiert.

Nur wenig später sterben einige von ihnen jedoch. Erneut. Und zwar jeweils durch Suizid. So sieht es zumindest aus. Natürlich verhält es sich jedoch anders. Natürlich werden sie in den Suizid getrieben beziehungsweise hilft sogar jemand nach.

Das hat nicht nur Potenzial für Spannung. Das ist spannend. Die Suche nach der Person, die hier im Hintergrund irgendwelche Fäden zieht, Menschen verfolgt, sie beeinflusst, manipuliert, in den Tot treibt, steckt voller Wendungen. Man erwischt sich, wie man der Reihe nach quasi alle Handelnden einmal kurz verdächtigt, schuldig zu sein. So gehört sich das.

Handlungstreibend ist übrigens eine Dame. Sie ist noch keine dreißig Jahre alt, aber bereits etablierte Kriminalpsychologin. Als solche gefragte Beraterin und Bestsellerautorin. Dass sie trotzdem Schwächen hat und von Angst- bzw. Wahnvorstellungen getrieben wird, macht sie irgendwie menschlich. Dass sie für die meisten großen Wendepunkte jedoch Unterstützung durch die Herren in der Geschichte bekommen muss, das irritiert ein wenig. Nötig hätte sie das nicht, denkt man so. Aber der Eindruck kann natürlich täuschen.

Zumal die Herren nun wahrlich nicht langweilig sind. Hier gibt’s stattdessen wirklich einen bunten Strauß an Charakteren. Und auch wenn diese natürliclh jeweils ihre besonderen Macken haben, lassen sie sich nicht einfach in Schubladen stecken, aus denen man sie unverändert herausziehen kann. So spannend wie die Handlung ist, so temporeich verändern sich auch die Personen darin.

Das ist nicht einfach nur solide Handarbeit, sondern das macht den Text ganz wundervoll lesbar.

Das unterstreicht übrigens auch der Lektomat. Der zeigt zum Beispiel, dass der Text eher von kurzen Sätzen vorwärts getrieben wird:

Das schafft Tempo, das hält einen beim Lesen im Text drin. Prima Sache.

Passend finde ich persönlich auch den Stimmungsverlauf:

Abschnitte, in denen die Kurve nach oben geht, zeugen von einer eher positiven Grundstimmung. Geht die Kurve nach unten, geht auch die Stimmung in den Keller, wird eher negativ und pessimistisch. Wie es sich für einen Thriller gehört, schweben wir hier eher nicht durchgehend auf Wolke 7, bekommen kurz vor dem Finale noch einmal einen Wendepunkt mit herrlicher Dramatik und werden doch zuversichtlich aus der Geschichte entlassen. All das drückt auch die Sprache aus. Hier versteht jemand sein Handwerk.

Also alles gut? Na, fast. Die Lese-Apps auf den Geräten des Hauses beschweren sich nämlich darüber, dass das E-Book leider mit Calibre produziert wurde. Während die sehr eigene Ästhetik des Programms sicherlich Geschmacksache sein mag, ist es schade, das diese wohl doch auf das Ergebnis abfärbt. So stimmt das Coverbild im E-Book schlicht nicht, so sind die Seitenumbrüche eher willkürlich gesetzt bzw. generiert, so ist das Inhaltsverzeichnis schlicht nicht brauchbar. Das ist natürlich etwas schade.

Aber der Text ist spannend und lässt sich prima lesen. Und darauf kommt es letztlich ja an. Eine Empfehlung.

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Vorgelesen: Rumo von Walter Moers

Eine der faszinierenden Sachen, die einem mit Kindern im Haus so unterkommen, ist das Vorlesen. Man kann das natürlich auch ohne Kinder machen, klar. Aber da wird es mit dem Finden des willigen Publikums manchmal schwieriger. Kinder sind da dankbarer. Sehr praktische Sache.

Und das hört keineswegs auf, wenn sie irgendwann in die Schule kommen und selbst Lesen lernen. Zumindest mit ein wenig Glück freuen sie sich dann trotzdem noch, wenn sie zusätzlich zur eigenen Lektüre welche vorgetragen bekommen. Hier im Haus ist das so. Glück gehabt.

Buch! Welches Buch?

Bei der Gelegenheit habe ich neulich ein Buch aus dem Regal gezogen, dass dort seit vielen, vielen Jahren herumsteht. Es wohnt schon länger hier als die Kinder. Man muss sich das mal vorstellen. Was es alles gibt. Großartig. Vor allem, wenn es um Walter Moers geht. Das ist schließlich einer der geschickteren Erzähler unseres Landes. Über ihn selbst weiß man ja wenig. Aber wen stört das schon? Seine Geschichten sind sehr fein.

Dieser Rumo ist dabei ein kleiner Wolpertinger, der durch Zamonien streift. Eine Fantasiegestalt in einer Fantasiewelt also. Über letztere kann man bei der lesenden Käthe mehr erfahren. Sie beschreibt das sehr, sehr schön. Und zum Wolpertinger verrate ich mal, das es sich um eine Art Hund mit Hörnern oben drauf handelt. Als solcher ist er geschickt im Kämpfen und trotzdem – wie seine Artgenossen – ein sehr liebenswürdiges und umgängliches Geschöpf. Was für eine faszinierende Kombination.

Und genau darum geht es dann auch in dieser Geschichte: Der kleine Rumo wächst heran, zieht dabei durch Zamonien und erlebt viele spannende Abenteuer. In diesen geht es nicht immer nett zur Sache. Es gibt schließlich nicht nur freundliche Wesen, sondern auch ganz arg böse. Es gibt sogar regelrechte Kampfmaschinen, man darf das durchaus wörtlich nehmen. Da geht’s richtig zur Sache.

Kinderlektüre?

Und doch lese ich das hier einem der Kinder vor. Das soll passen?

Ja, das passt. Denn trotz aller Spannung bekommt das Kind den Spagat zwischen einer Fantasiewelt und der Realität erstaunlich gut hin. Man kann sich auch zwischendurch immer mal wieder ganz wundervoll über das Geschehen und die Parallelen zur uns bekannten Welt unterhalten. Da kommen Erkenntnisse und moralische Lektionen zum Vorschein, die man selbst vielleicht gar nicht so leicht gesehen hätte. Und trotzdem macht das Weiterlesen für beide nicht weniger Spaß. Dass sich Rumo hauptsächlich auf dem Weg zu seiner großen Liebe durch Zamonien kämpft, fasziniert dabei ebenfalls. Liebe als motivierender Treiber allen Handelns: Das ist doch mal eine Botschaft. Die ist auch dann riesengroß, wenn man sie nicht zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger anmerkt.

Vom frisch geborenen Wolpertingerwelpen, einmal quer durch Zamonien, mit Herausforderungen, Freunden, Feinden, der Liebe und bis zum Happy End: Hier gibt es eine Heldenreise, die sich gewaschen hat. Ein Traum.

Und die Moral von der Geschicht?

Lass die Kinder nicht allein mit dem Bösewicht!

Oder anders: Kinder? Kann ich empfehlen. Kindern vorlesen? Kann ich erst recht empfehlen. Auch, wenn sie bereits selbst lesen können. Beziehungsweise sogar ganz besonders, wenn sie bereits selbst lesen können. Rumo von Walter Moers passt da bestens.

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Gelesen: Die Kreuzfahrer von Wladimir Kaminer

Das Beste an Kreuzfahrten sind wahrscheinlich die Bücher, die darüber geschrieben werden. Vor einiger Zeit kam hier beispielsweise mal Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich von David Foster Wallace aus dem Regal. Jetzt legt Wladimir Kaminer nach. Der werte Herr hat sich ja kürzlich spontan mit einem Live-Auftritt herangeschlichen. Das hat überzeugt. Zack, Buch mitgenommen. Die Kreuzfahrer heißt es, sehr passend.

Und gut so. Denn entspannt über die Absurditäten des Alltags zu erzählen, kann Señor Kaminer ganz wundervoll. Mit vielen, vielen anderen Menschen und seiner Frau ist er auf diversen Kreuzfahrtrouten unterwegs gewesen, hat den Unfug, den er selbst sowie die anderen dabei getrieben haben, durchaus wahrgenommen und findet unterhaltsame Anekdoten selbst da, wo wohl eigentlich eher gar keine sind.

Das unterhält ganz prächtig. Und wenn man irgendwann süffisant vor sich hingrinst und doch fragt, warum sich jemand diese Art des Reisens freiwillig antut, liefert er natürlich auch darauf die Antwort:

Ich schwieg. Ich wollte meiner Mutter gegenüber nicht zugeben, dass die beste Möglichkeit, dem Alltag und dem Ordnungsamt zu entfliehen, die Kreuzfahrt war.

Zusätzlich verrät er natürlich, was dieses Ordnungsamt so alles für motivierende Aktivitäten leistet. Er verrät, ob nun die Russen oder die Finnen mehr und schrägeren Alkohol vertragen und wie das mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Karibik eigentlich laufen sollte.

Großartig. Und ganz sicher erheblich unterhaltsamer, als sich dieser Art des Reisens selbst hinzugeben.

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Gelesen: Das Register von Marcel Mellor

Kommen wir zum ersten Buch vom diesjährigen Indiebookday und stellen uns mal etwas vor. Nämlich, dass es eine Technologie gibt, mittels derer man sich Nachrichten in die eigene Vergangenheit schicken kann. Also jetzt nicht die Lottozahlen der nächsten Woche oder für Sportwetten Verwertbares, sondern irgendwas Gehaltvolles.

Das wäre ein wenig wie Zeitreisen ohne durch die Zeit zu reisen. Tolle Idee.

Marcel Mellor: Das Register

Und das Register von Marcel Mellor benutzt genau das als eine der Prämissen für die Geschichte. Die andere Annahme ist, dass alles Unrecht von einer autorisierten Organisation wieder rückgängig gemacht werden kann, wir also in einer total tollen Welt ohne ernsthafte Probleme leben.

Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Denn der Protagonist David wird Zeuge von einem geplanten Mord. Das irritiert ihn, denn zum einen wäre das nun wahrlich keine nette Tat und zum anderen eine wahrlich unmögliche. Denn: siehe oben.

Aber es reicht, um ihn in eine Welt des Untergrunds zu ziehen, aus der wir dann auf Verschwörungen, auf Korruption, auf Idealisten und auf Geschichten mit doppeltem Boden gucken können. Das ist futuristisch und gleichzeitig brandaktuell, es ist technologisch kühl und gleichzeitig emotional, es ist rasant spannend und gleichzeitig locker erzählt.

Oder anders gesagt: Wenn schon Science Fiction, dann so wie hier, mit einem gut durchdachten Setting und ohne kitschige Zukunftsromantik.

Gefällt. Sehr sogar. Auch wenn (Achtung: Kritik!) das Ende etwas sehr mit dem Holzhammer auf eine kommende Fortsetzung hinweist. Aber sei es drum.

Eine Empfehlung.

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Indiebookday 2020

Heute ist nicht nur der 21. März 2020, heute ist vor allem Indiebookday. Dank Virus und Pandemie verlagert sich zwar ein solider Teil des Geschehens in diesem Jahr ins Internet, aber so sei es. Bücher funktionieren auch dort.

Die Ausbeute hier im Haus ist oben zu sehen. Konkret sind es drei (hoffentlich) feine Sachen.

Das Register von Marcel Mellor ist ein Science-Fiction-Roman, der sich um Zeitreisen dreht. Zu haben ist der Text bisher nur beim Autor persönlich, in der öffentlichen Breite erscheint das Stück Anfang April. Ein Blick in die ersten zwei Kapitel lässt Gutes vermuten. Es geht gleich munter ins Geschehen, die Charaktere wirken angenehm durchgeknallt und interessant. Wenn’s so weiter geht, wie es anfängt, wird das toll.

Verdammte Liebe Amsterdam von Frank Göhre ist bei CulturBooks erschienen. Das setzt die Messlatte und Erwartungshaltung nach oben, bisher haben alle Texte aus dem Verlag, die es hier ins Haus geschafft haben, sehr überzeugt. Dieses Mal ist es ein Krimi. Gucken wir mal, wie spannend er ist.

Michael Palins Erebus kommt von mare, ein Verlag, bei dem der Name Programm ist. Hier dreht sich wirklich alles in irgendeiner Art und Weise ums Wasser. Erebus ist dann auch glatt der Name eines Forschungsschiffes, welches vor mehr als 150 Jahren in der Arktis verloren gegangen ist und vor circa 15 Jahren überraschend wieder auftauchte. Michael Palin erzählt die Geschichte um dieses Rätsel noch einmal ganz neu. Und dieser Mann ist nicht nur Mitglied der legendären Monty Pythons, sondern auch ein famoser Erzähler. Bestimmt auch hier.

Die beiden letztgenannten Bücher stammen übrigens aus einer charmanten Buchhandlung hier vor Ort. Erebus hat die Buchhändlerin extra für den heutigen Feiertag empfohlen, beide Texte einfach fix als Paket und mit ein paar liebenswürdigen Beilagen zugeschickt. Die Zeiten sind zwar gerade bewegt, ein gutes Buch geht aber immer. Und das nicht nur zum Indiebookday.