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Gelesen: A World without Work von Daniel Susskind

Das wird uns nun wirklich schon seit einer Weile versprochen: Technologie soll uns helfen, damit wir weniger arbeiten dürfen und trotzdem am Ende ähnlich viel dabei herauskommt. Jetzt ist Daniel Susskind mit dem Prophezeien dran. Er ist ehemaliger Politikberater und forscht sowie lehrt jetzt an einem der Colleges der Oxford-Universität. Das Ergebnis heißt A World without Work und ist passend voll mit schönen Worten und ordentlichen Theorien.

A World without Work von Daniel Susskind

Im Untertitel steht recht prominent etwas von Technologie und Automation. Passenderweise bekommt somit natürlich die liebe künstliche Intelligenz ausreichend Platz in den Erörterungen. Sie wird uns ganz viel Arbeit abnehmen, macht das in einzelnen Aspekten sogar jetzt schon. Überflüssig wird der Mensch deswegen jedoch nicht, meint Susskind zumindest.

Andere große Gesellschaftsthemen und Modeströmungen kommen natürlich auch nicht zu kurz. Gemäß den allgemein beliebten und naheliegenden Diskussionsbeiträgen liegt eine der Anworten auf stets mehr Automatisierungen im Grundeinkommen für uns weniger Arbeitende. Das kann jetzt ein bedingungsloses Grundeinkommen sein (alle bekommen es, ohne dass jemand genauer draufguckt) oder ob es an Bedingungen geknüpft wird (seien es politische, seien es jene der Herkunft, seien es soziale, seien es wirtschaftliche) – das ist beides zumindest denkbar. Und beide Optionen werden hier auch bedacht. Heraus kommt eine klare Haltung, sie überrascht glatt.

Und so geht es durch das ganze Buch: Schöne Theorien, man folgt ihnen gern, es tut auch nur selten weh, selbst wenn man nicht direkt zustimmt, was durchaus an mehreren Stellen vorkommen kann.

Es ist eine feine Gelegenheit zum Kopfnicken, zum Gesprächsstoff und Argumente tanken für den nächsten Smalltalk bei irgendwann wohl wieder aufkommenden Cocktailparties. Konkret Verwertbares für den tatsächlichen Alltag sucht man hingegen eher vergeblich. Dafür sind dann andere zuständig. Man kann halt nicht alles haben.

Und bis aus all den Theorien irgendeine reale Wirklichkeit geworden ist, werden wir wohl weiterhin die gute alte Arbeit selbst machen dürfen. Nun denn.

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Gelesen: Serpentinen von Bov Bjerg

Manchmal erbt man recht fundamentale Eigenschaften von den Eltern. Oder übernimmt sie ganz unbewusst. Da passt man einmal kurz nicht auf und zack, benimmt man sich genau so, wie man es damals beim eigenen Vater womöglich gar nicht so toll fand. Das ist oft ernüchternd, aber nicht weiter schlimm.

Schlimm wird’s, wenn der Vater Selbstmord begangen hat. Der Großvater ebenfalls. Da entwickelt sich dann schnell eine Familientradition, die nun wahrlich nicht aufrecht erhalten werden muss. Auch nicht, wenn man selbst mental etwas instabil ist und gerade einen Sohn heranzieht, der in logischer Linie dann als nächstes… Man möchte es gar nicht zu Ende denken.

Genau darum geht’s in den Serpentinen von Bov Bjerg. Besagter Mann fährt mit besagtem Sohn in einem Mietwagen durch die schwäbische Alb. Wer sich jetzt ans Auerhaus erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Das spielte zumindest auch in der Gegend. Ansonsten war es das mit den Gemeinsamkeiten aber auch schon.

Durch die Serpentinen cruisen Vater und Sohn vor allem mit schwarzen Gedanken. Was, wenn die Macht des Erbes gewinnt? Was, wenn der Vater also nicht durchhält und macht, was sein Vater und Großvater taten? Wird’s dem Jungen dann auch so gehen? Wie sehen die Erinnerungen an früher aus? Nur ganz dunkel oder gibt’s auch Lichtblicke?

Leichte Kost ist das nicht. Aber trotzdem erstaunlich lesbar. Wenn man die Gedanken erträgt, kann man die Reise mit den beiden ruhig mitmachen. Wenn man eher etwas leichter verträgliche Lektüre sucht, bietet sich natürlich das erwähnte Auerhaus an. Oder man findet noch ein Exemplar seines Debüts, Deadline heißt das, aber so ganz einfach ist das ja auch nicht. Mit Bov Bjerg wird’s halt nicht langweilig.

Mal gucken, was da als nächstes kommt.

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In the Middle of Nüscht. Oder: Ein Altmark-Reisebuch

Vor einer Weile hatten wir hier eine kleine Referenz an die schöne Altmark. Das ist eine Gegend im flachen Land, irgendwo zwischen Berlin und Hannover. Man könnte auch sagen: In the Middle of Nüscht. Passenderweise heißt ein gut bebildertes Coffeetable-Reisebuch genau so. Es zeigt anhand vieler kleiner Dörfer und nur marginal größerer Städte, warum diese Gegend toll ist und sich ein Besuch lohnt.

Das geht dann schon Vorwort gleich ganz ehrlich zur Sache:

[…] ist die Altmark die am dünnsten besiedelte Region Deutschlands. Das Ortsausgangsschild von Gladigau […] weist keinen weiteren Ort aus.

Wäre das geklärt. Und genau darin liegt auch ein großer Reiz. Hier in der Altmark wird nicht groß auf den Putz gehauen und gestresst. Hier geht’s entspannt zu. Die Langeweile wird hier glatt positiv konnotiert und zelebriert. Andernorts muss man Meditations-Retreats gründlich suchen und teuer buchen. Hier sind sie quasi von Haus aus eingebaut.

Aufmerksame Leser dieses Blogs erkennen die Region natürlich. Im Buch heißt es:

Lauschige Joggingstrecken hat die Region zuhauf, der Tangermünder Elbdeichmarathon genießt internationalen Ruhm.

So ähnlich haben wir das ja hier auch schon berichtet. Flaches Land, schöne Läufe, tolle Sache.

Ansonsten gibt‘s in der östlichen Altmark die kleinste Hansestadt der Welt (Werben, mit immerhin 800 Einwohnern) und Erinnerungen an den Wanderprediger Gustav Nagel, über den sich (nicht nur) in Arendsee die Gemüter seit eh und je streiten. Sogar in Osterburg geht was und seien es die jährlichen Literaturtage.

Viel mehr Stress und Action muss aber wirklich nicht sein. Ergo klingen die Wegbeschreibungen im Buch schon mal so:

Eine kleine Abfahrt auf der Landstraße von Tangerhütte nach Tangermünde weist ins Grüne.

Jo. Kann man so machen. Und kommt in einen Ort, der sich mitten im Wald versteckt, keinen eigenen Laden hat, dafür aber ein Schloss aus Fachwerk bietet.

Neben dem Chillout-Feeling, welches das Buch ganz wundervoll präsentiert, gibt’s vor allem viel über Menschen, die hier mit viel Ruhe und doch irre fleißig aufbauen, erhalten, gestalten, veranstalten, backen, restaurieren, anbauen, präsentieren, erzählen und begleiten.

Die Altmark: flaches Land mit interessanten Menschen. Zu normalen Zeiten eine Reise wert und momentan gibt’s immerhin dieses Buch. Schön gemacht, zum entspannenden Lesen oder lockeren Durchblättern.

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Gelesen: Zum zweiten Mal tot von Marcus Johanus

Von dem Herrn gab’s hier schon mal etwas. Um tötliche Gedanken ging es dabei. Jetzt sind die Handelnden zum zweiten Mal tot. Es scheint sich ein Muster abzuzeichnen.

Auch hier im Text geht es wieder um Übersinnliches. Aber wirklich nur ein klein wenig. Das erste Mal tot passiert dabei durch einen Unfall, bei dem mehrere Autos von einer Brücke in einen See fallen, die Insassen ertrinken. Anschließend werden sie jedoch gerettet und reanimiert.

Nur wenig später sterben einige von ihnen jedoch. Erneut. Und zwar jeweils durch Suizid. So sieht es zumindest aus. Natürlich verhält es sich jedoch anders. Natürlich werden sie in den Suizid getrieben beziehungsweise hilft sogar jemand nach.

Das hat nicht nur Potenzial für Spannung. Das ist spannend. Die Suche nach der Person, die hier im Hintergrund irgendwelche Fäden zieht, Menschen verfolgt, sie beeinflusst, manipuliert, in den Tot treibt, steckt voller Wendungen. Man erwischt sich, wie man der Reihe nach quasi alle Handelnden einmal kurz verdächtigt, schuldig zu sein. So gehört sich das.

Handlungstreibend ist übrigens eine Dame. Sie ist noch keine dreißig Jahre alt, aber bereits etablierte Kriminalpsychologin. Als solche gefragte Beraterin und Bestsellerautorin. Dass sie trotzdem Schwächen hat und von Angst- bzw. Wahnvorstellungen getrieben wird, macht sie irgendwie menschlich. Dass sie für die meisten großen Wendepunkte jedoch Unterstützung durch die Herren in der Geschichte bekommen muss, das irritiert ein wenig. Nötig hätte sie das nicht, denkt man so. Aber der Eindruck kann natürlich täuschen.

Zumal die Herren nun wahrlich nicht langweilig sind. Hier gibt’s stattdessen wirklich einen bunten Strauß an Charakteren. Und auch wenn diese natürliclh jeweils ihre besonderen Macken haben, lassen sie sich nicht einfach in Schubladen stecken, aus denen man sie unverändert herausziehen kann. So spannend wie die Handlung ist, so temporeich verändern sich auch die Personen darin.

Das ist nicht einfach nur solide Handarbeit, sondern das macht den Text ganz wundervoll lesbar.

Das unterstreicht übrigens auch der Lektomat. Der zeigt zum Beispiel, dass der Text eher von kurzen Sätzen vorwärts getrieben wird:

Das schafft Tempo, das hält einen beim Lesen im Text drin. Prima Sache.

Passend finde ich persönlich auch den Stimmungsverlauf:

Abschnitte, in denen die Kurve nach oben geht, zeugen von einer eher positiven Grundstimmung. Geht die Kurve nach unten, geht auch die Stimmung in den Keller, wird eher negativ und pessimistisch. Wie es sich für einen Thriller gehört, schweben wir hier eher nicht durchgehend auf Wolke 7, bekommen kurz vor dem Finale noch einmal einen Wendepunkt mit herrlicher Dramatik und werden doch zuversichtlich aus der Geschichte entlassen. All das drückt auch die Sprache aus. Hier versteht jemand sein Handwerk.

Also alles gut? Na, fast. Die Lese-Apps auf den Geräten des Hauses beschweren sich nämlich darüber, dass das E-Book leider mit Calibre produziert wurde. Während die sehr eigene Ästhetik des Programms sicherlich Geschmacksache sein mag, ist es schade, das diese wohl doch auf das Ergebnis abfärbt. So stimmt das Coverbild im E-Book schlicht nicht, so sind die Seitenumbrüche eher willkürlich gesetzt bzw. generiert, so ist das Inhaltsverzeichnis schlicht nicht brauchbar. Das ist natürlich etwas schade.

Aber der Text ist spannend und lässt sich prima lesen. Und darauf kommt es letztlich ja an. Eine Empfehlung.

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Vorgelesen: Rumo von Walter Moers

Eine der faszinierenden Sachen, die einem mit Kindern im Haus so unterkommen, ist das Vorlesen. Man kann das natürlich auch ohne Kinder machen, klar. Aber da wird es mit dem Finden des willigen Publikums manchmal schwieriger. Kinder sind da dankbarer. Sehr praktische Sache.

Und das hört keineswegs auf, wenn sie irgendwann in die Schule kommen und selbst Lesen lernen. Zumindest mit ein wenig Glück freuen sie sich dann trotzdem noch, wenn sie zusätzlich zur eigenen Lektüre welche vorgetragen bekommen. Hier im Haus ist das so. Glück gehabt.

Buch! Welches Buch?

Bei der Gelegenheit habe ich neulich ein Buch aus dem Regal gezogen, dass dort seit vielen, vielen Jahren herumsteht. Es wohnt schon länger hier als die Kinder. Man muss sich das mal vorstellen. Was es alles gibt. Großartig. Vor allem, wenn es um Walter Moers geht. Das ist schließlich einer der geschickteren Erzähler unseres Landes. Über ihn selbst weiß man ja wenig. Aber wen stört das schon? Seine Geschichten sind sehr fein.

Dieser Rumo ist dabei ein kleiner Wolpertinger, der durch Zamonien streift. Eine Fantasiegestalt in einer Fantasiewelt also. Über letztere kann man bei der lesenden Käthe mehr erfahren. Sie beschreibt das sehr, sehr schön. Und zum Wolpertinger verrate ich mal, das es sich um eine Art Hund mit Hörnern oben drauf handelt. Als solcher ist er geschickt im Kämpfen und trotzdem – wie seine Artgenossen – ein sehr liebenswürdiges und umgängliches Geschöpf. Was für eine faszinierende Kombination.

Und genau darum geht es dann auch in dieser Geschichte: Der kleine Rumo wächst heran, zieht dabei durch Zamonien und erlebt viele spannende Abenteuer. In diesen geht es nicht immer nett zur Sache. Es gibt schließlich nicht nur freundliche Wesen, sondern auch ganz arg böse. Es gibt sogar regelrechte Kampfmaschinen, man darf das durchaus wörtlich nehmen. Da geht’s richtig zur Sache.

Kinderlektüre?

Und doch lese ich das hier einem der Kinder vor. Das soll passen?

Ja, das passt. Denn trotz aller Spannung bekommt das Kind den Spagat zwischen einer Fantasiewelt und der Realität erstaunlich gut hin. Man kann sich auch zwischendurch immer mal wieder ganz wundervoll über das Geschehen und die Parallelen zur uns bekannten Welt unterhalten. Da kommen Erkenntnisse und moralische Lektionen zum Vorschein, die man selbst vielleicht gar nicht so leicht gesehen hätte. Und trotzdem macht das Weiterlesen für beide nicht weniger Spaß. Dass sich Rumo hauptsächlich auf dem Weg zu seiner großen Liebe durch Zamonien kämpft, fasziniert dabei ebenfalls. Liebe als motivierender Treiber allen Handelns: Das ist doch mal eine Botschaft. Die ist auch dann riesengroß, wenn man sie nicht zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger anmerkt.

Vom frisch geborenen Wolpertingerwelpen, einmal quer durch Zamonien, mit Herausforderungen, Freunden, Feinden, der Liebe und bis zum Happy End: Hier gibt es eine Heldenreise, die sich gewaschen hat. Ein Traum.

Und die Moral von der Geschicht?

Lass die Kinder nicht allein mit dem Bösewicht!

Oder anders: Kinder? Kann ich empfehlen. Kindern vorlesen? Kann ich erst recht empfehlen. Auch, wenn sie bereits selbst lesen können. Beziehungsweise sogar ganz besonders, wenn sie bereits selbst lesen können. Rumo von Walter Moers passt da bestens.