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Vorlesetag, soso

Heute ist also Vorlesetag. Das ist eins von diesen Ereignissen, bei denen man immer so 😳 guckt. Aus zumindest drei Gründen.

Als erstes denkt man sich vielleicht so: Tja, klar, warum nicht. Irgendwas ist ja jeden Tag. Sei es der Tag des Handtuchs, Tag des Biertrinkens, Tag des Schweins, Tag des Küssens und was nicht noch alles. Das ist natürlich eine ganz unsinnige Reaktanz, die sich hier in einem rührt. Denn es mag viel Unsinn geben da draußen, mancher davon wird ja sogar zeitweise zu Präsidenten gewählt, aber dadurch werden sinnvolle Sachen doch nicht weniger toll.

Also denkt man als zweites so: Vorlesen, feine Sache. Endlich wird das mal gewürdigt.

Und kommt prompt zu Punkt drei: Wie, nur ein Tag? Vorgelesen wird doch bitte jeden Tag. Dazu rollt man natürlich dramatisch mit den Augen 🙄. Und lässt sich hoffentlich nicht erwischen, sondern sortiert die eigene Attitüde ganz fix nochmal neu.

Denn das mit dem Vorlesen ist echt eine feine Sache. Und das auch ganz ohne, dass man groß Geschütze mit dem stramm moralischen Zeigefinger auffährt. Man muss dabei auch gar nicht gegen den Verfall unserer Kultur ankämpfen, nicht den Untergang des Abendlandes verhindern und ebenso wenig die geistige Gesundheit aller nachkommenden Generationen in ein Bett aus Rosen legen. Oder so.

Man kann ganz einfach Spaß an Geschichten haben und diesen ausleben. Man kann sich freuen, dem sogar beim Ins-Bett-Bringen der eigenen Kinder fröhnen zu können. Und man kann dabei selbst ein paar Bücher entdecken, die man sich für die eigene Lesezeit vielleicht eher nicht nicht aussucht. Das ist nämlich ein netter Nebeneffekt, wenn man zu Hause auch dann noch Texte vortragen darf, wenn die Kinder längst zur Schule gehen und selbst lesen können.

Die wirklich unterhaltsamen Vampirschwestern hätte ich sonst z.B. vielleicht nicht kennengelernt, hätte nicht um Skogland gefiebert, die magische Menagerie der Fabelwesen nicht entdeckt, den Herrn der Diebe nicht mit verfolgt und würde momentan nicht überlegen, ob die Zeiten mit Erebos nicht eigentlich eher dem Zocken zugeordnet werden sollten.

Das ist schon alles ganz okay so. Vorlesen? Super Sache. Gern auch heute. Natürlich auch heute.

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Gelesen: Pixeltänzer von Berit Glanz

Vor meinem Fenster fährt die Ringbahn.

Ist das jetzt der erste Satz oder bildet diesen nicht eher der vorangestellte Code?

Gibt es Parallelen zwischen Tanzkünstlern aus der Boheme der 20er Jahre (des 19. Jahrhunderts) und Schauplätzen der aktuellen Startupszene?

Und wie nahe können sich eigentlich zwei Menschen werden, die kurz per Zufall in einer App verbunden für drei Minuten miteinander per Telefon sprechen?

Im Pixeltänzer gibt es eine Art Antwort darauf. Dabei hat einer von den beiden Telefonierenden eine interessante Maske als Avatar in der besagten App; eine Maske, die Parallelen zu den Tanzkünstlern schafft. Und ähnlich kreativ, wie diese ihre Bühnenstücke kreierten, entwerfen jetzt drei der Startupaktiven eine möglichst unverkäufliche App, die im Rahmen einer Investorenroadshow die Absurditäten der Szene in Form eines respektablen Erfolgs aufzeigt.

Das hat Berit Glanz alles geschickt aufgesetzt. Zwei Erzählebenen, die kaum weiter voneinander weg sein könnten, passen auf einmal ganz wundervoll zusammen. Es gibt einen mysteriösen Unbekannten mitsamt Maskierung als Bindeglied. Und es gibt eine Protagonistin, die sich gleichzeitig naiv und absolut souverän und selbstbestimmt durch die Geschichte bewegt.

Mittendrin und als Teil der Geschichte gibt es Links auf eine Webseite, welche die Erzählung sicher anreichern können und quasi noch eine Ebene obendrauf packen. Aber das braucht es gar nicht. Man kann das prima auch ganz ordinär und linear als Buch lesen. Klappt wunderbar, unterhält prächtig.

Was will man mehr? Eine Empfehlung.

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Gelesen: Erebus von Michael Palin

Was macht ein Monty Python, wenn er keine Sketche mehr dreht oder sonstig vor der Kamera steht? Sich auf jeden Fall nicht langweilen, scheint es. Sondern sich stattdessen halt anderen Leidenschaften hingeben. Dem Forschen nach allem drum und dran rund um zwei Segelboote, die in der späteren ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erst segelten und dann untergingen.

Das klingt wenig prätentiös. Aber das eine Boot hieß Terror und das andere Erebus. Letzteres ist nicht nur titelgebend für dieses Buch, sondern beide haben auch diverse Expeditionen in die Arktis sowie Antarktis unternommen. Dabei sind sie nicht nur jeweils rekordmäßig weit gekommen, sondern haben naturgemäß so einiges durchgemacht.

Auf der letzten Tour ging’s um die Durchquerung der Nordwestpassage. Das hatte vorher noch niemand geschafft. Bei diesen beiden war man sich lange nicht sicher. Sie sind ja untergegangen.

Zu allen Touren vorher, aber insbesondere auch zu dieser hat Michael Palin nicht nur quasi alles an Informationen zusammengetragen, was zu finden war, sondern möglichst viele Stationen der Boote auch selbst besucht. Gründlich? Kann er. Und anschaulich beschreiben kann er auch. Zu den Dramen auf der letzten Expedition merkt er zum Beispiel das hier an:

Die Erebus war nicht zufällig nach dem Gott der Unterwelt benannt, und für die Männer an Board muss es sich angefühlt haben, als wären sie dort angekommen.

Drama pur. Und so geht es das ganze Buch hindurch. Wie gesagt: Details kann der Mann. Manchmal sogar ein wenig zu viel eben dieser. Insbesondere das Namedroppping und Spiel mit Dienstgraden wirkt gelegentlich ein wenig ermüdend. Aber das muss wohl so und gehört dazu.

Auf jeden Fall ist dieses ein ganz wundervolles Beispiel, warum der mare-Verlag so großartig ist. Dort gibt‘s nur Bücher, die irgendwas mit Wasser zu tun haben. Und die haben es oft in sich. Erebus landete nicht umsonst in der engeren Auswahl für den Preis der Hotlist als eines der besten Bücher aus unabhängigen Verlagen in diesem Jahr.

Übersetzt wurde Erebus übrigens von Rudolf Mast. Sprachlich fällt beim Lesen nichts weiter auf. Das spricht wohl für seine Arbeit. Danke dafür.

Und die Moral von der Geschicht? Das hier ist eine Empfehlung, wenn einen Seefahrergeschichte erpicht.

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Gelesen: Paradise City von Zoë Beck

Paradise City von Zoë Beck liegt hier am Strand. Es ist ein Strand in Rostock und das könnte passender kaum sein. Diese feine Stadt spielt im Buch nämlich eine Rolle. Eine erhebliche Rolle, wenn auch keine sehr schöne.

Aber man sieht ein durchaus denkbares Szenario, wo die Reise wohl hingehen könnte, wenn nicht nur diverse Pandemien, sondern auch ein Anstieg des Meeresspiegels und der Trend zur Abwanderung des Lebens in einige wenige Megacities ihren Weg gegangen sind.

Es geht im Buch also um einen Blick in eine mögliche Zukunft. Es ist keine allzu ferne, aber es ist eine des starken Staates und mit möglichst vollkommener Überwachung, bei der z.B. eine Gesundheits-App für die Regulierung des Alltags sorgt.

Obendrein geht es um die Macherin hinter eben dieser App. Und es geht um einige wenige, die noch Widerstand leisten, die noch kritische Fragen stellen und dafür natürlich Stress bekommen.

Mittendrin steht Liina, eine Frau mit künstlichem Herzen, somit abhängig vom Gesundheitsüberwachungsstaat. Eine Frau aber auch, die für eine unabhängige Agentur Nachrichten recherchiert und somit das System angreift. Eine Frau, die mit einer Affäre zwischen den Stühlen steht.

Das birgt nicht nur genug Potential für spannende Reibungsflächen, sondern nutzt dieses auch solide aus. Personen, Intrigen, Schauplätze, Konflikte: alles wechselt schnell und doch schlüssig. Das liest sich flüssig und spannend. Das macht Spaß.

Etwas ungewohnt sind allerdings ein paar Eigenarten in der Erzählweise. Da hat ein Interviewpartner von Liina zum Beispiel keinen Namen, sondern bleibt schlicht die Kontaktperson. Wie gesagt: ungewohnt. Aber gut für das Setting, wir sind hier schließlich in der Zukunft und recherchieren für eine Indie-Agentur. Man gewöhnt sich auch schnell dran. Passt schon.

Am Ende gibt’s dann einen latent dramatischen Abgang. Beim letzten Mal scheiterte die Lieferantin mit ihren Drohnen im London der nahen Zukunft, jetzt scheitert Liina im nicht allzu fernen Rostock. Wir dürfen wohl gespannt sein, in welcher Gegend die Zukunft im nächsten Thriller untergeht.

Ich freue mich schon drauf.

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Gelesen: Niemand ist bei den Kälbern von Alina Herbing

Christin ist bei den Kälbern. Nicht ganz freiwillig, aber ihr Freund Jan ist Milchbauer und möchte gern den väterlichen Hof übernehmen. Da hat es Sinn, wenn auch mal jemand nach den Kälbern guckt.

Das hat Potenzial für viel ländliche Idylle. Fern vom städtischen Geschwindigkeitswahn, mit frischer Luft, dem Blick über das weite Land, schweifenden Gedanken. Viel gibt’s davon aber nicht, sondern eher genau das Gegenteil. Denn Jan hat sie sich zwar ausgesucht, das Leben auf dem Hof aber eher nicht. Lieber wäre sie in einer Stadt, einer möglichst großen, mit viel Chic und allem, was so dazugehört.

Also geht’s genau darum: Kann sie dem gnadenlosen Alltag entkommen? Und wie? Und sollte sie das wirklich? Oder lässt sich nicht doch alles irgendwie ertragen? Aber geht’s denn darum, alles irgendwie zu ertragen? Und wenn das Drumherum so unerträglich ist, wie sieht’s dann mit der Beziehung aus? Vor allem, wenn der Alltag und die Routine eingezogen ist?

Fragen über Fragen. Sie treiben Christin durch die Geschichte. Das ist nicht immer schön, man möchte sie manchmal schütteln und ihr ein herzhaftes »Nun mach schon!« zurufen. Und in ihrem ganz eigenen Tempo macht sie dann ja auch, vor allem, als dann wirklich mal niemand bei den Kälbern ist.

Das ist kein Coming-of-Age, aber es ist ein Coming-of-Sinn-des-Lebens. Wenn man die durch quasi den gesamten Text mäandernde Melancholie erträgt, macht das auch Spaß beim Lesen.

So gesehen, ein schöner Text.