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aus dem regal

Gelesen: Nemesis von Jilliane Hoffman

Am Anfang kam mir die Geschichte doch sehr, sehr bekannt vor. Als hätte ich sie schon mal gelesen. Habe ich aber nicht. Ich fing sie nur an.

Jilliane Hoffman: Nemesis

Und das kam so: Nemesis ist das mentale Alter-Ego von C.J. Townsend. Sie ist Staatsanwältin. Sie ist aber auch in früherer Zeit vergewaltigt worden und muss jetzt mit ansehen, wie eine Reihe komplett irrer, wohlhabender, einflussreicher Herren Spaß daran hat, live zuzugucken, wenn Snuff-Videos gedreht werden, bei denen junge Frauen nicht nur mehrfach vergewaltigt, sondern anschließend auch noch auf unmögliche Art umgebracht werden.

Das hält doch keiner aus. Hinfort, in die Ecke damit!

Irgendwie hat es die Geschichte doch wieder auf das Lesegerät geschafft. Und irgendwie habe ich durchgehalten und nicht gleich wieder den großen Löschbutton gedrückt.

So durfte Nemesis jetzt endlich aufräumen, den Kampf gegen den Clan der Irren aufnehmen, daber nicht immer nur lieb und brav von ihrem Stuhl im Gerichtssaal aus operierend, sondern auch schon mal selbst Hand an die Typen legend.

Das ist – auf eine recht surreale Art – erfrischend. Ich habe mich irgendwann dabei erwischt, ihr die Daumen zu drücken, damit sie noch ein paar der Herren so beseite schafft, dass es wie Selbstmord aussieht und sie auf jeden Fall nicht erwischt wird.

So gesehen macht die Geschicht was mit einem. Ich bin mir nicht sicher, ob’s etwas wirklich tolles ist. Selbstjustiz ist schließlich auch Mist. Auch wenn der Zweck hier die Mittel zu heilen scheint.

Keine leichte Kost. Aber angenehm leicht geschrieben und spannend zu lesen. Danke somit nicht nur an die Autorin, sondern auch Katharina Naumann und Sophie Zeitz für die Übersetzung.

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auf die ohren aus dem regal

Gehört: Dünengeister von Nina Ohlandt, gelesen von Reinhard Kuhnert

Spätes 18. Jahrhundert, die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts, irgendwann im Heute: Da spielt die Handlung der Dünengeister. Und in allen Zeiten sind die Melanders mit dabei, ein Familienclan auf Sylt, der sein Einkommen auf jeweils an die Epoche angemessene Kreativität generiert. Und bei dem natürlich nicht alles in friedlicher Eintracht abläuft. Da wird auch schon mal gestritten. Und im Hier und Heute sterben schon mal Menschen. Drei. Durch Mord.

Das ist der Fall.

Und bei der Aufklärung dessen geht es um um klassisch sortierte Polizeiarbeit, um falsch verstandene Familienehre, um Beziehungen, die nicht immer von allen toleriert werden. Oder anders: Um das ganz normale Krimileben.

Dabei gibt es die Auflösung am Ende endlich mal nicht in Form eines Schurkenmonologs, bei dem wir langatmig die reumütige Resonanz des großen Bösen erdulden müssen. Stattdessen liefert einer der Ermittler den Showdown und führt geschickt die Fäden zusammen. Geht doch.

Uns sonst so?

Die Stimme von Reinhard Kuhnert ist ganz bezaubernd und zieht einen elegant in die Geschichte hinein.

Das Buch dauert 14 Stunden und 45 Minuten. Die 37 Kapitel teilen sich im Hörbuch auf 355 künstlich erstellte Kapitel auf. Das ist so eine technische Unsitte, die das Navigieren für die Hörys schwerer macht, den Produzenten aber mehr Erträge bringen soll. Drüben bei der Büchergefahr habe ich mich schon mal darüber echauffiert, erspare uns das somit an dieser Stelle. Nur so viel: Das hört auch wieder auf, sehr sicher.

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Gelesen: Das verlorene Symbol von Dan Brown

Das kam kürzlich aus dem Bücherschrank hierher ins Haus. Und es hält, was es verspricht: Professor Robert Langdon gelangt völlig überraschend in ein spannendes Abenteuer und sucht darin das verlorene Symbol, um dem Schlamassel entweder zu entkommen oder doch zumindest Sinn in die Wirren des Geschehens zu bringen.

Dieses entfaltet sich in Washington und dreht sich auch quasi ausschließlich darum. Hauptstadt der USA, deren Gründerväter alte Freimaurer waren, die natürlich einen Haufen mystischer Geheimnisse gewahrt und in der Stadt versteckt haben. Nicht zufällig, versteht sich. Die Hauptstadt ist schließlich das Zentrum des Landes und damit automatisch der ganzen Welt, ganz klar.

Um das Drama komplett zu machen, gibt es noch einen Bösewicht, der die Sache mit der Welt und ihrer Bedeutung naturgemäß etwas anders sieht und sich angemessen geschickt anstellt, wenn es darum geht, Gemeinheiten auszuhecken, zu planen und umzusetzen.

Das ist alles recht spannend und mit viel Legenden, Verschwörungen, Symbolen, Mehrdeutigkeiten und geheimen Machenschaften durchsetzt. Ein Dan Brown eben.

Warum ist das lesenswert?

Ein – durchaus wesentlicher – Teil der Geschichte spielt in Washingtons Kapitol und verbindet es mit viel historischer Bedeutung, lädt ein, das Offensichtliche nicht immer gar zu ernst zu nehmen, sondern ruhig noch ein wenig darauf Herumzudenken und lieber eine Gehirnwindung zu viel als zu wenig zum Verstehen des Status-quo zu investieren.

Das ist ein erfrischend trockener und doch hochaktueller Ansatz. Wenn in einem Land mit populistischem Präsidenten auf einmal ein Haufen Wenigdenker das Kapitol ganz real stürmen, um das Offensichtliche durch den trivialen Kakao zu ziehen, dann wirkt der Gedanke, dass das doch nicht alles sein kann, irgendwie beruhigend. Geschichten wie diese Suche nach dem verlorenen Symbol halten die Vision hoch, dass die USA zwar nicht das Zentrum allen Geschehens sind, aber auch nicht die hoffnungslose Sammlung von Trotteln, die uns alle in den Abgrund reißen.

Die Vorstellung ist erfrischend.

Wo steckt der Haken?

Es ist halt ein Dan Brown. Bei aller nett zu lesenden Spannung in den divers ausgestalteten Verschwörungstheorien darf man hier keine großen Charakterentwicklungen oder gar die gute alte Heldenreise erwarten. Stattdessen gibt es ordentliches Plothandwerk, dem man es halt nicht übel nehmen sollte, wenn die Cliffhanger am Ende der Kapitel etwas sehr offensichtlich und plump auf einen hereinprasseln.

Das soll hier so, das muss hier so, das gehört halt dazu. Wenn man das akzeptiert, macht die Lektüre durchaus Spaß. Das ist doch was. Sprachlich ist es zurückhaltend schlicht, was ebenfalls gut passt und die Erzählung angenehm treibt. Da versteht der Bonner Kreis bei der Übersetzung sein Handwerk also auch.

Hier geht das Werk wieder zurück in den Bücherschrank. Wer zufällig dran vorbei kommt: Nur Mut, kann man ruhig mitnehmen.

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Gelesen: Ganz dringend ans Meer von Susanne Pavlovic

Bei dieser Autorin kann man nicht viel falsch machen, dachte ich mir so. Susanne Pavlovic ist nicht nur eine Textehexe, sondern als solche sowohl als Lektorin, als Vortragende, als Workshoppende, als Vereinsaktive, als auch sonst recht Umtriebige rund um das Schreiben von Texten leicht zu Findende.

Und dann fängt diese Geschichte hier damit an, dass ein Wanja aus dem Knast kommt. Und das Leben gleich mal nicht so recht auf die Reihe bekommt. Na ja.

Neben dem quasi obligatorisch folgenden Kleinkriminellengehabe mit ein paar Drogen, etwas Rotlicht, etwas Rumballerei und irgendwelchen Geldgeschichten, kommt dann bald die eigentliche Geschichte zutage: Wanja fängt an, sich um Felix zu kümmern. Der Junge könnte sein eigener sein, ist es aber ganz knapp nicht. Und dieses ganz Knappe, dieses Kümmern und überhaupt dieses Zweiergespann zieht einen in die Geschichte hinein.

Knast? Drogen? Frauen? Alles nett, alles Beiwerk. Hier geht es jedoch um zwei Jungs und große Gefühle. Das ist nicht nur kurzweiliger, sondern auch viel lesbarer, als es möglicherweise klingt.

Ich empfehle das sehr und stelle fest: Bei dieser Autorin macht man wohl nicht viel falsch.

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Vorgelesen: Erebos von Ursula Poznanski

Computerspiele verderben die Welt. Diese Binsenweisheit lebt doch noch, oder? Na, wenn nicht, dann empfiehlt sich ein Blick in dieses Buch. In Erebos geht‘s nämlich um das gleichnamige Spiel. Und das verdirbt die Welt. Also die Welt von Teenagern. Denn nur diese spielen hier.

Und sie verraten kein Wort. Was im Spiel passiert, bleibt im Spiel. Da spricht man nicht drüber. Und den Effekt kennen wir doch alle, oder? Je mehr Geheimnis, desto interessanter. Also möchten alle dabei sein. Geht aber nicht, man darf es nur auf Einladung. Und nach gründlichem Backgroundcheck.

Und da fangen die Überlappungen zur Welt außerhalb des Spiels erst an. Es werden graduell mehr davon. Sie werden auch immer mehr zum Teil des Spiels. Die Welten vermischen sich, gehen vollkommen ineinander über.

Wer jetzt glaubt, dass damit die bitterbösen alten Grenzen zwischen dem Realen und dem Virtuellen verschwinden und sich alle nur noch glückselig lächelnd in den Armen liegen, irrt natürlich. Gewaltig.

Und das ist gut so. Also für die Geschichte. Denn dieses Lesen über ein Computerspiel kann ganz schnell ganz öde werden. Passiert hier aber nicht. Das ist super spannend, das ist toll erzählt, das ist nerdig und es ist romantisch, hinterhältig und verbündend, aggressiv und kooperativ.

Der Zwölf-, ach nee: mittlerweile ja Dreizehnjährige, war gut unterhalten, der Vorlesende ebenfalls. Danke, Ursula Poznanski. Feine Geschichte.