Kategorien
alltag

Die liebe Altmark

Wer sich hier vor den Zug schmeißen will, braucht einen Fahrplan, sonst erfriert er vorher.

(Christian Gesellmann bei den Krautreportern)

Die gute alte Heimat, sie kommt bei den Krautreportern irgendwie nicht so gut an, das aber immerhin schön formuliert.

Und toll ist auch: Es ist keineswegs alles verloren. Denn es leben Menschen im Land, selbst in der Altmark. Und das sind feine Menschen, erlesene Menschen, aktive Menschen. Sehr aufschlussreich und anregend ist es so zum Beispiel, ein wenig auf der Webseite des edlen Altmark-Reiseführers In the Middle of Nüscht herumzustöbern. Dort gibt es dann zum Beispiel dieses klare Lebenszeichen:

Warum glaube ich viel eher an einen positiven Ruck unter uns Altmärkern? Ganz einfach: Worauf man sich konzentriert, das vermehrt sich – eine alte Weisheit. Keine Ahnung woher. Aber sie stimmt.

(Jana Henning in Together we stand, devided we fall)

Eben. Bei diesem Beitrag gibt’s weiter unten sogar noch einen Link zum Club Hanseat. Und genau dort kann man eine ganz wundervoll anregende Jugend verbracht haben. q.e.d.

Kategorien
alltag

Laufend aktuelle Nachrichten? Schnee von gestern.

Unsere illustrierende Blognachbarin Kiki beobachtet, was ihr so alles zu erträglichen Stimmungslagen verhilft. Dazu gehört zum Beispiel:

»Keine Nachrichten sehen, hören, lesen.«

Das ist in der Tat ein Ansatz, der viel lauten Nebensächlichkeitsmüll aus dem Alltag herausfiltert. Kurioserweise kommt ausgerechnet auf einem der Timeline-Aufreger-Kanäle der dazu passenden Hinweis auf eine News Diät:

Die ist zwar nicht mehr ganz frisch, provoziert aber natürlich trotzdem den spontanen Reflex, mit Neil Postmans Standardwerk von 1985 zu reagieren, in dem er propagierte, dass wir uns mit dem ganzen hochaktuellen Nachrichtenwahn nochmal zu Tode amüsieren würden. Wir hatten das hier schon mal.

Nun klingt das alles fast so, als würden wir hier das Boot der Kulturpessimisten zu Wasser lassen, denen nichts mehr zuwider ist, als journalistische Feinarbeit. Aber das wäre selbstverständlich ein ganz famoser Irrturm. Man sieht es zum Beispiel daran, dass die lieben Journalisten durchaus mit im Boot sitzen. So plant die taz zum Beispiel mit ihrem Szenario 2022 den Ausstieg aus dem täglich gedruckten Exemplar, die Krautreporter haben mit ihrer Morgenpost zwar einen täglichen Newsletter, der enthält aber nur drei Themen (und zunehmend Ballast drum herum, sie üben also wohl noch), bei Perspective Daily kommt  »täglich ein Artikel, der einordnet – statt vieler Schlagzeilen.« Reicht.

Es reicht sogar mehr als aus. Dieses ständige Hecheln nach irgendwelchen Kühen, die gerade wieder durch das Aufregedorf getrieben werden, artet sonst noch zu einem Vollzeitjob aus. Der wenig bringt. Im Gegensatz zu ein paar sinnvollen Alternativen, welche Kiki in ihrem oben verlinkten Beitrag aufführt. Womit sich der Kreis wieder schließt. Wie hübsch.

Kategorien
alltag

Feedreader-Ästhetik

Nach unserer Rückkehr aus Australien meint der Feedreader recht lapidar:

2288 ungelesene Artikel

Das ist doch wundervoll. Was für eine schöne Zahl. Ich mag schöne Zahlen.

Und so ganz en passant zeigt sie auch, dass man das Internet offenbar ganz gut ohne Feedreader und Twitter und Facebook und Co. benutzen kann. Was auf eine Art auch ganz hübsch ist.

Kategorien
alltag

Auf dem Bahnsteig

Geh auf Reisen, da erlebst du was.

Es ist einer dieser Sprüche, an denen durchaus etwas dran ist. Kaum kommt man schließlich raus aus der Routine, schon passiert etwas. Dabei muss es gar nicht immer die große Weltreise sein, manchmal reicht auch schon der kleine Ausflug zwischendurch. Wie zum Beispiel der Weg zur Arbeit.

Und selbst dabei ist es relativ egal, wie man im konkreten Fall so unterwegs ist. Rollt man mit dem Auto über die diversen Fährten der Südstaaten, kann man bei einem Blick hinter die Steuer der anderen ganz faszinierende Posen des In-der-Nase-Bohrens bewundern, Zeitungsleser bestaunen, sich Rasierende sehen und bei wahren musikalischen Größen vom offensichtlich leidenschaftlichen Gesang nichts hören.

Aber auch mit der Bahn wird es nicht langweilig. Dabei möchte ich hier gar nichts sagen über In-den-Zug-Drängelnde oder Sich-lange-vor-Ankunft-in-den-Gang-Stellende. Die kennen wir schließlich alle. Es ist quasi Routine. Nein, heute stehe ich einfach mal auf dem Bahnsteig, warte auf das sich verspätende Gefährt und schaue mich um. Und sehe ein recht schlichtes Bild:

Sie pöbeln nicht, sie singen nicht, sie grölen nicht, sie rempeln nicht. Sie stehen nur. Ob mit Anzug oder Becks. Tja, geh auf Reisen, da erlebst du was.

Kategorien
alltag

Die Sache mit dem Plastik. Oder: Es ist kompliziert.

Es gibt Themen, die uns eigentlich fortwährend beschäftigen. Das sind oft keine Aufregerthemen, es sind nicht die großen Skandale, es sind keine viral gegangenen Kühe, die durch unser digitales Dorf getrieben werden und mit diesem Fernsehen haben sie oft auch nur wenig zu tun. Es sind einfach Themen des Alltags, derer man sich mal mehr, mal etwas weniger bewusst ist. Das Einkaufen von Plastik ist ein solches.

Vor kurzem kam Hamburgblogger Sven auf die Idee, das doch mal wieder zu hinterfragen und zu gucken, ob es nicht möglich ist, eine Woche lang das Zeug nicht mehr ins Haus zu holen. (Spoiler: Nein, ist es nicht.) Ein anderer Hamburger Online-Publizierer zog nach und experimentierte ebenfalls. Mit ähnlichem Ergebnis.

So konsequent sind wir hier nicht. Das ist hier schließlich ein bescheidener Haushalt. Wir arbeiten einfach mit dem, was wir eh schon haben. Marmelade zum Beispiel. Im Bild oben sehen wir zwei Exemplare dieser Gattung. Eines mit Aludeckel, eines mit Plastikdeckel. Ohne jetzt die Natürlichkeit von Aluminium beschwören zu wollen, liegt die Wahl auf der Hand, oder? Plastik ist pfui, also lassen wir die Dose mit dem Kunststoffdeckel hübsch im Regal stehen. Könnte man meinen. Stimmt aber nicht. Denn natürlich ist es komplizierter, als man erst einmal denkt.

Die Dosen haben nämlich nicht nur Deckel, sie sind auch beschriftet. Auf dem links stehenden Gefäß finden wir:

Made in Germany

Auf der rechten Seite hingegen findet sich folgender Kommentar:

Product of the Republic of South Africa

Unter der Annahme, dass in beiden Fällen die ursprünglichen Orangen nicht aus Bad Schwartau stammen, wird es jetzt interessant. Selbst, wenn die Sevilla-Orangen wohl eher nicht aus Südafrika eingeschifft werden, haben sie bis zu ihrer Verarbeitung ein solides Stück Weg hinter sich. Dieser Weg ist für fertig verarbeitete Orangen in Marmeladenform durchaus effizienter zu gestalten als für die Rohware.

Außerdem – und das ist durchaus erheblich in unserer Betrachtung möglichst korrekter und sinnstiftender Verhaltensweisen – ist es für ein Produkt durchaus wichtig, wo seine Wertschöpfung stattfindet. Lassen wir »die Länder im Süden« gerade mal das Obst von den Bäumen holen und erledigen alles weitere selbst, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Bruttosozialerträge in den Regionen erheblich voneinander abweichen. Um es mal ein wenig zurückhaltend zu formulieren.

Der Punkt für das insgesamt schlüssigere Bild der nachhaltig sinnhaften Produktgestaltung geht somit an die Marmelade rechts im Bild. Hier im Haus zumindest. Bei einer Betrachtung gemäß anderer höchsteigener Wertemaßstäbe mag das natürlich komplett anders aussehen. Eh klar.

Hilfreich ist an dieser Stelle vielleicht ein kleiner Exkurs mit einem Blick zurück in unser aller Schulzeit. In der Mathematik gibt es nämlich das Phänomen des lokalen Optimums. Hatte man eine brauchbare Mathelehrerin kennt man es möglicherweise aus dem Beispiel der Suche nach dem höchsten Berg der Welt: Man suche sich einfach den nächstbesten, klettere herauf, gucke sich um und wenn man einen höheren entdeckt, steige man auf diesen. Bei ausreichender Wiederholung meint man dann, den höchsten Berg gefunden zu haben. Und steht auf einem lokalen Optimum. So kann’s gehen.

Ähnlich verhält es sich auch mit unserer Marmelade hier. Nichts gegen jene mit dem Aludeckel, sie ist durchaus sehr lecker. Aber die mit dem Plastikdeckel schmeckt ebenfalls ganz toll und die Sache mit der lokalen Produktion eben dort, wo das Obst vom Baum fällt, wiegt tatsächlich schwerer als die Crux mit dem Kunststoff oben drauf.

Womit wir wieder mal feststellen: Es ist kompliziert, das Leben. Vor allem dann, wenn man im Alltag auch nur ein ganz klein wenig genauer hinschaut.