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Gelesen: Das Marsprojekt von Andreas Eschbach

Ordentliche Bücher haben einen ordentlichen Schutzumschlag. So sieht das zumindest der Sohn des Hauses. Darum hatte er für Das Marsprojekt von Andreas Eschbach einen solchen gebastelt, bevor er es mir unter den Weihnachtsbaum gelegt hat. Er hatte sich das Buch vorab schlicht aus dem örtlichen Bücherschrank geholt, es gelesen und beschlossen, das sei auch was für den Papa. Nur halt nicht ohne Schutzumschlag, also wirklich, wo kämen wir da hin. So viel Stil muss sein.

Recht hat er.

Und er liegt natürlich auch vollkommen richtig damit, dass dieses Buch auch für den Papa lesbar ist. Andere Texte des Autors gab es hier immerhin auch schon. Immer ging es dabei um die Annahme einer etwas abwegig klingenden, aber doch gerade noch möglichen Vision und um die Frage, was sich aus dieser ergeben könnte. So ist es auch hier. Und wir fragen uns: Was wäre eigentlich, wenn wir auf dem Mars eine Siedlung einrichten, auf der ganz normale Menschen quasi ganz normal leben?

In so einem Fall gäbe es dort zum Beispiel Kinder. Ganz normal eben. Diese Kinder wären neugierig, würden die eine oder andere Idee und Vorgabe der Erwachsenen eher kreativ auslegen und sich selbst ihre Köpfe über die sinnvolle Ausgestaltung einer gerechten Welt machen.

Hinzu nehmen wir noch Erwachsene, die nicht immer das Wohl aller im Blick haben, sondern auch schon mal auf den eigenen Vorteil aus sind. Dieser Vorteil könnte z.B. im Stilllegen der besagten Marssiedlung liegen, den Kindern damit ihre Heimat nehmen. Zack, ist das Setting fertig.

Andreas Eschbach erzählt mit gewohnt gesetzten Spannungsbögen, etwas wohligem Idealismus und der gesunden Fantasie für nicht all zu ferne Science Fiction. Es macht Spaß, sich der Geschichte hinzugeben. Am Ende summt man still ein Kinder an die Macht vor sich hin und es fühlt sich nur so mäßig kitschig und verkehrt an. Und obwohl das Buch laut Copyright-Vermerk knapp 20 Jahre alt ist, wirkt es damit glatt hochaktuell.

Erfrischend. Ein tolles Geschenk.

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Vorgelesen: Die Vampirschwestern von Franziska Gehm

Es gibt Sachen, die sind so schön, man sollte sie sich möglichst nicht nehmen lassen. Das allabendliche Vorlesen zum Beispiel. Das erfreut auch dann noch, wenn die Kinder selbst schon lesen können. Und zwar erfreut es sowohl die Kinder, als auch einen selbst. Wenn man die passende Lektüre wählt, versteht sich.

Da bieten sich die großen Klassiker an. Momo zum Beispiel, Ronja Räubertochter vielleicht (wenn man nicht so emotional dabei wird, dass man nur schwer die Contenance wahren kann), Nils Holgerson ist auch prima.

Oder man gönnt sich etwas frisches, lockeres, entspanntes. Die Vampirschwestern von Franziska Gehm zum Beispiel. Diese beiden Damen sind die Kinder von einem alten und stolzen Vampir als Vater sowie einer menschlichen Mutter. Das macht sie zu Halbvampiren. Davon gibt’s eher nicht sehr viele. Quasi gar keine weiter, um genau zu sein. Die einzige Ausnahme kommt aus der Mongolei und taucht nur zwischendurch mal kurz auf.

Es gibt auch eher wenig Familien, die aus dem transsilvanischen Bistrien ins deutsche Bindburg umziehen, um nach ein paar Jahren in der väterlichen Heimat auch mal die mütterliche zu erleben. Das natürlich, ohne dort sonderlich aufzufallen. Was selbstverständlich gründlich schief geht.

Damit ist das Setting gesetzt. Und es ist ein Traum. Die Charaktere sind auf ihre Art alle vollkommen durchgeknallt. Neben der eh schon skurrilen Familie gibt’s noch eine pokerspielende Vampiroma, ein paar Menschenfreunde, die fast alles mitmachen und vor allem einen unmittelbaren Nachbarn, der als leidenschaftlicher und traumhaft erfolgloser Vampirjäger unterwegs ist.

Was immer die beiden Schwestern in diesem Umfeld erleben, ist verrückt, überraschend, unterhaltsam und toll erzählt. Die Autorin versteht ihr Handwerk. Die Dramaturgie der einzelnen Episoden ist jeweils sauber durchdacht, die Struktur und Spannungsbögen solide entworfen und die Sprache so angenehm leicht und doch detailreich liebevoll gestaltet. Sogar eine eigene, vampwanische Sprache gibt es.

Das macht Spaß, sowohl beim Vorlesen, als auch (dem Vernehmen nach) beim Zuhören. Insgesamt umfasst die Serie übrigens 13 Bände, die Freude hält somit eine Weile an.

Zensatoi futzi! Oder auf gut deutsch: Supermegawahnsinnsenormsensationellverblüffendausgezeichnet!

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podcast

Die Büchergefahr schlägt vor, die Zeit der abgesagten Leipziger Buchmesse kreativ zu nutzen

Die Leipziger Buchmesse sollte in dieser Woche stattfinden, ist jedoch abgesagt. Debatten über die Eigenschaften, Wirkungen und Gefahrenpotenziale des verantwortlichen Virus überlassen wir lieber jenen, die Ahnung davon haben. Aber die Frage, was wir denn jetzt mit der freigewordenen Messezeit anstellen, passt hier durchaus.

Und da gibt es immerhin beruhigende Nachrichten. Wir müssen zumindest nicht zwingend paralysiert in der Ecke sitzen und passiv der Welt beim Untergehen zugucken. Statt dessen können wir uns von Neil Gaiman inspirieren lassen, wenn er sagt: Make good art!

Zusätzlich findet der eine oder andere für die Messe geplante Event auch weiterhin statt. Vieles davon wechselt jedoch ein wenig den Kanal bzw. das Medium. Wie das genau aussieht und was konkret greifbare Beispiele dafür sind, darum geht’s in der aktuellen Folge No. 82 des Büchergefahr-Podcasts.

Viel Spaß und frohes Bücherhamstern!

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Gelesen: Der Schatten von Melanie Raabe

»Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten. Mit gutem Grund. Und aus freien Stücken.«

Darum geht’s. Das ist die Prophezeiung, welche Norah Richter von einer Bettlerin mitten auf der Straße in Wien erhält. Und die Frage, ob es letztlich genau so kommen wird, ist jene, um welche die Geschichte sich dreht.

Norah ist eine Journalistin, die nach einer langjährigen Beziehung von Berlin nach Wien umzieht, um einen Neuanfang zu starten. Beim quasi ersten Spaziergang in der neuen Stadt trifft sie die Bettlerin, welche ihr obigen Spruch serviert. Von da an geht es quasi bergab. Norah kennt diesen Arthur Grimm bisher nicht, das wird sich im Verlauf der Geschichte jedoch ändern. Und so langsam, aber recht sicher verdichten sich die Gründe, warum sie ihm tatsächlich nicht sonderlich wohlgesonnen sein könnte.

Aber muss es wirklich so dramatisch enden? Muss sie ihn gleich umbringen? Noch dazu, an einem bestimmten Tag und Ort, den sie vorher sogar gesagt bekommt? Jemanden umzubringen ist auch nichts, was sie je getan hat oder jemals vorhatte. Es nicht zu tun, wäre selbstverständlich die besste Option. Auch für Norah, auch aus ihrer Sicht und Einstellung heraus.

Und doch entwickelt sich die Geschichte mit einem Puzzlestein nach dem anderen genau darauf hin. Und wer jetzt glaubt, dass die offensichtliche Lösung doch ganz nahe liegt, täuscht sich natürlich. Denn eines drängt sich quasi auf, aber daran hat die Autorin gedacht:

Abhauen. Sonst wohin. Aber so war sie nicht. Sie lief nicht davon.

Das wäre nun auch wirklich zu leicht gewesen. Am 11. Februar einfach einen Ausflug in die Ferne zu machen. Also wirklich, was für eine Geschichte hätten wir denn da.

Das macht Norah natürlich nicht. Und das ist auch gut so.

Stattdessen erträgt sie ein sehr schönes Netz aus möglichen Intrigen, aus Irrungen, aus Unsicherheiten, aus Möglichkeiten, welches uns Melanie Raabe hier präsentiert. All das hat sie handwerklich sauber verpackt, die Wendepunkte kommen dort, wo sie hingehören, die Struktur stimmt. Die Protagonistin ist eine starke Persönlichkeit, die sich jedoch während der Erzählung verändert und weiterentwickelt. Stück für Stück kommt zum Beispiel Vergangenes auf, welches Einfluss auf den Weg zum 11. Februar hat. Ihre Gegenspieler kommen überraschend und spielen ihre Rolle jeweils überzeugend. Es ist eine Geschichte, die einen beim Lesen mit Spannung packt ohne blutrünstig zu sein, deren Charaktere Ecken und Kanten haben, die faszinieren und deren Handlungen zwar logisch und konsequent, aber doch voller Überraschungen sind.

Formalia

Wenn wir den Lektomat einen Blick auf das Buch werfen lassen, verrät er einem unter anderem, dass sich die Sätze im Buch in ihrer jeweiligen Anzahl der Wörter so verteilen:

Satzlängen in Melanie Raabes Der Schatten

Das unterstreicht letztlich nur die gefühlte Wahrnehmung eines handwerklich sauber geschriebenen Textes. Da mäandern keine Wortschlangenungetüme ermüdend durch die Seiten, die überwiegend recht prägnanten Sätze langweilen jedoch auch nicht im Stakkato, sondern ziehen einen fix und fröhlich von Satzpunkt zu Satzpunkt.

Was gefällt?

Wie heißt es so schön? Es hilft, formal korrekt zu sein, um inhaltlich frei zu werden. Und genau das schafft Melanie Raabe hier. Eine interessante Idee erzählt sie spannend und verpackt alles so, dass keine handwerklichen Fehler beim Lesen stören.

Wie toll. Der Schatten von Melanie Raabe, eine klare Leseempfehlung.

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Gelesen: Laufen von Isabel Bogdan

Wer kennt das nicht? Reden wir über laufende Menschen, kommt irgendjemand ganz besonders Schlaues um die Ecke und fragt:

»Wovor laufen die nur weg?«

Als erste Reaktion möchte man dabei schlicht ganz beiläufig mit den Augen rollen, sich umdrehen und die gepflegte Konversation mit anderen fortsetzen. Aber vielleicht ist das ein wenig voreilig. Vielleicht sind die Laufenden unter uns wirklich immer ein wenig auf der Flucht, ob vor sich selbst, dem Stress des Alltags oder auch der allgemeinen Stimmungslage. Kann ja alles sein.

Thematisch dreht es sich bei Laufen von Isabel Bogdan in etwa um diese Frage. Es geht um eine Frau, dessen Mann sich aufgrund seiner Depression das Leben genommen hat und die jetzt das Laufen benutzt, um einen Teil der damit einhergehenden Gemütszustände zu verarbeiten.

Die Standardlaufrunde im Buch ist dabei  die wohl bekannteste Laufstrecke des Landes: einmal rum um die Außenalster. Wie chic. Damit kann man sich prima anfreunden. Dort bin ich übrigens auch schon gelaufen und kann das sehr empfehlen, auch wenn es manchmal voll ist. Aber was heißt hier manchmal? Quasi immer. Im Buch lesen wir:

selbst bei Regen um drei Uhr nachts wird immer irgendjemand um die Alster laufen.

Genau so ist es. So habe ich das auch erlebt, irgendwann nachts, ich bin aber gar nicht gelaufen, mit dem Rad war ich unterwegs, kam irgendwo her, wollte nur nach Hause, und dann laufen da welche, haben sich wahrscheinlich sogar entspannt unterhalten. Und ich dachte mir so, wie verrückt das doch sei. Und habe dann selbst bald damit angefangen, mit diesem Laufen um die Außenalster. Ganz naiv habe ich mich dort übrigens immer im Uhrzeigersinn bewegt. Angeblich macht man das gar nicht so, angeblich läuft man immer genau anders herum. So steht’s hier im Buch. Erstaunlich, diese gemeinhin ungeschriebenen Gesetze. Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich das doch schon mal gemacht, bin tatsächlich schon mal entgegen des Uhrzeigersinns dort gelaufen. Prompt kam ich andernorts heraus, als ich das beabsichtigte. Sachen gibt’s. Als wahres Navigationstalent kann man sich also auch prima in hochzivilisierten Gegenden verlaufen, dazu muss man gar nicht in irgendeinen einsamen Wald. Faszinierend. Aber ich schweife ab.

Hier geht es ja um ein Buch. Eines, das sprachlich top geschrieben ist. Das war aber zu erwarten. Die Autorin hat das mit dem Formulieren halt drauf. Da mäandern die Sätze, dass es eine einzige Freude ist, da springt einem mehrfach ein »anderthalb« entgegen, das mal euphorisch und mal ganz melancholisch daher kommt. Wundervoll.

Und dann gibt’s da noch so ein Abfallprodukt des Laufens, so ein komisch motivierendes. Denn manchmal muss man sich quälen, manchmal ist es anstrengend, schmerzt auch und man fragt sich, wie man das noch schaffen soll und dann geht es irgendwie und man resümiert wie hier im Buch:

Ich habe es geschafft. Ich kann alles schaffen.

Das hilft manchmal wirklich.

Laufen ist top. Laut irgendeiner Studie, welche kürzlich in einer Folge des PsychCast zitiert wurde, bewirkt es ähnlich viel wie vom Arzt verordnete Drogen gegen Depressionen. So etwas glauben wir hier doch gern. Und für die Momente, in denen man dann doch mal ganz schlicht herumsitzt gibt es unter anderem dieses feine Buch in die Hand. Laufen heißt es, um Depressionen geht es, auf ersteres macht es Lust, gegen letzteres hilft es zumindest ein klein wenig. Es mag unpassend sein, aber: Dieses Buch zu lesen macht Spaß.

Eine glasklare Empfehlung.