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Gelesen: »Der Wal und das Ende der Welt« von John Ironmonger

Am Anfang gibt’s den Wal und einen nackten Mann. Beide werden am Strand eines entlegenen englischen Dorfes angespült. Beide werden von den Dorfbewohnern gerettet. Der Wal geht zurück ins Meer, der Mann kommt ins Dorf. Der Wal verschwindet quasi bis zum Ende der Geschichte (von wenigen, eher beiläufigen Gastauftritten mal abgesehen), der Mann bleibt.

Er entpuppt sich als Mathematiker, der als Analyst bei einer Londoner Investmentbank arbeitete. Seine Analysemodelle veranschaulichten dabei unter anderem Szenarien der Dramaturgie, die im Falle einer Grippe-Epedemie eintreten können und es sehr wahrscheinlich auch tun. Das ist doch mal eine zeitgemäße Thematik.

In der Geschichte geht es um diese Modelle und wie sie helfen können, das Zusammenspiel der vielen Bausteine unserer modernen Zivilisation verstehen zu können. Es geht darum, ob und welche Auswirkungen dessen in einem abseits gelegenen Fischerdorf mit dreihundert Einwohnen spürbar sein können. Es geht darum, wie wir uns im Glauben an die Ernsthaftigkeit einer Epedemie wohl verhalten. Greift das Bild des Homo oeconomicus, der nur auf seinen hocheigenen Vorteil bedacht ist und diesem alles unterordnet? Oder hält uns als soziale Wesen, die in Gemeinschaften zusammenleben noch mehr als das aneinander gebunden?

Es sind keine kleinen Fragen und Themen, die John Ironmonger hier aufwirft. Und er schafft das doch recht leichtfüssig. Die Geschichte zieht einen flüssig durch die Seiten, entblättert die Historie unseres anfänglich nackten Mannes stückweise und streut Gedankenmodelle samt z.T. wilder Theorien mit ein, ohne dabei sonderlich mit dem erhobenen Zeigefinger zu winken.

Das liest sich flüssig und angenehm, was natürlich auch an der soliden Übersetzung von Tobias Schnettler und Maria Poets liegen kann.

Eine Empfehlung.

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Leichtfüßige Eleganz

Die letzten Wochen (Monate!) haben ganz beiläufig recht faszinierende Nebenwirkungen gezeigt. So wurden manche der gemeinhin recht einsamen Laufrunden des Hauses vom ebenfalls hier wohnenenden Trainerpersonal begleitet. Ich erwähnte das anlässlich des Ostermarathons bereits.

Zwischenzeitlich hat das ein wenig nachgelassen. Irgendwann kannten die Kinder alle üblichen Runden der Gegend. Da nutzt sich der Reiz der Begleitung eines schnaufenden Erziehungsberechtigten ein wenig ab. Das ist durchaus verständlich.

So manches Mal bietet sich dann aber doch wieder eine Gelegenheit. Und zack, radelt die junge Trainerin neben mir her. Oder besser gesagt: vor mir davon. Sie lässt das Rad einfach laufen. Man muss da nicht unnötig herumbremsen. Stimmt schon.

Ich trabe hinterher. Nach Jahren des Trainings bin ich zwar nicht wirklich schneller geworden, aber doch eleganter. Strecke für Strecke, Runde für Runde, Lauf für Lauf verbessert sich die Technik schließlich. Das kann man gar nicht vermeiden. Das passiert einfach so. Leichtfüßig gleite ich also dahin, schön im gleichmäßigen Takt, konstant und elegant der Trainerin hinterher.

»Was meinst du, woran erkenne ich eigentlich, ob du gerade weiter weg oder dichter dran bist?«, fragt sie plötzlich.

Nun, gute Frage. Atmen muss ich natürlich. Die Sonne ist schließlich spontan aufgetaucht, da wird einem schon mal warm. Das ist im Detail vielleicht wenig elegant, kann doch aber mal passieren. Dass sie es so deutlich hören kann, überrascht jedoch. Aber so sei es. Damit kann ich leben. An der nächsten Ampel einfach dreimal tief durchatmen und alles passt wieder.

»Ist ganz einfach. Mal kann ich dein Trampeln ganz laut dicht hinter mir hören und sonst höre ich es etwas leiser von viel weiter weg. Aber immer ganz deutlich.«

Allein zu Laufen hat doch klare Vorteile.

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Gelesen: A World without Work von Daniel Susskind

Das wird uns nun wirklich schon seit einer Weile versprochen: Technologie soll uns helfen, damit wir weniger arbeiten dürfen und trotzdem am Ende ähnlich viel dabei herauskommt. Jetzt ist Daniel Susskind mit dem Prophezeien dran. Er ist ehemaliger Politikberater und forscht sowie lehrt jetzt an einem der Colleges der Oxford-Universität. Das Ergebnis heißt A World without Work und ist passend voll mit schönen Worten und ordentlichen Theorien.

A World without Work von Daniel Susskind

Im Untertitel steht recht prominent etwas von Technologie und Automation. Passenderweise bekommt somit natürlich die liebe künstliche Intelligenz ausreichend Platz in den Erörterungen. Sie wird uns ganz viel Arbeit abnehmen, macht das in einzelnen Aspekten sogar jetzt schon. Überflüssig wird der Mensch deswegen jedoch nicht, meint Susskind zumindest.

Andere große Gesellschaftsthemen und Modeströmungen kommen natürlich auch nicht zu kurz. Gemäß den allgemein beliebten und naheliegenden Diskussionsbeiträgen liegt eine der Anworten auf stets mehr Automatisierungen im Grundeinkommen für uns weniger Arbeitende. Das kann jetzt ein bedingungsloses Grundeinkommen sein (alle bekommen es, ohne dass jemand genauer draufguckt) oder ob es an Bedingungen geknüpft wird (seien es politische, seien es jene der Herkunft, seien es soziale, seien es wirtschaftliche) – das ist beides zumindest denkbar. Und beide Optionen werden hier auch bedacht. Heraus kommt eine klare Haltung, sie überrascht glatt.

Und so geht es durch das ganze Buch: Schöne Theorien, man folgt ihnen gern, es tut auch nur selten weh, selbst wenn man nicht direkt zustimmt, was durchaus an mehreren Stellen vorkommen kann.

Es ist eine feine Gelegenheit zum Kopfnicken, zum Gesprächsstoff und Argumente tanken für den nächsten Smalltalk bei irgendwann wohl wieder aufkommenden Cocktailparties. Konkret Verwertbares für den tatsächlichen Alltag sucht man hingegen eher vergeblich. Dafür sind dann andere zuständig. Man kann halt nicht alles haben.

Und bis aus all den Theorien irgendeine reale Wirklichkeit geworden ist, werden wir wohl weiterhin die gute alte Arbeit selbst machen dürfen. Nun denn.

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Gelesen: Serpentinen von Bov Bjerg

Manchmal erbt man recht fundamentale Eigenschaften von den Eltern. Oder übernimmt sie ganz unbewusst. Da passt man einmal kurz nicht auf und zack, benimmt man sich genau so, wie man es damals beim eigenen Vater womöglich gar nicht so toll fand. Das ist oft ernüchternd, aber nicht weiter schlimm.

Schlimm wird’s, wenn der Vater Selbstmord begangen hat. Der Großvater ebenfalls. Da entwickelt sich dann schnell eine Familientradition, die nun wahrlich nicht aufrecht erhalten werden muss. Auch nicht, wenn man selbst mental etwas instabil ist und gerade einen Sohn heranzieht, der in logischer Linie dann als nächstes… Man möchte es gar nicht zu Ende denken.

Genau darum geht’s in den Serpentinen von Bov Bjerg. Besagter Mann fährt mit besagtem Sohn in einem Mietwagen durch die schwäbische Alb. Wer sich jetzt ans Auerhaus erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Das spielte zumindest auch in der Gegend. Ansonsten war es das mit den Gemeinsamkeiten aber auch schon.

Durch die Serpentinen cruisen Vater und Sohn vor allem mit schwarzen Gedanken. Was, wenn die Macht des Erbes gewinnt? Was, wenn der Vater also nicht durchhält und macht, was sein Vater und Großvater taten? Wird’s dem Jungen dann auch so gehen? Wie sehen die Erinnerungen an früher aus? Nur ganz dunkel oder gibt’s auch Lichtblicke?

Leichte Kost ist das nicht. Aber trotzdem erstaunlich lesbar. Wenn man die Gedanken erträgt, kann man die Reise mit den beiden ruhig mitmachen. Wenn man eher etwas leichter verträgliche Lektüre sucht, bietet sich natürlich das erwähnte Auerhaus an. Oder man findet noch ein Exemplar seines Debüts, Deadline heißt das, aber so ganz einfach ist das ja auch nicht. Mit Bov Bjerg wird’s halt nicht langweilig.

Mal gucken, was da als nächstes kommt.

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podcast

Corinna vs. Yvonne. Oder: Bei der Büchergefahr geht’s um Charaktere.

In Zeiten wie diesen.

Endlich konnte ich das mal loswerden. Das wollte ich jetzt schon eine Weile. Aber wofür hat man einen eigenen Podcastkanal, wenn man sich da nicht austoben könnte? Eben.

Neben platten Sprüchen gibt es in der aktuellen Folge 85 der Büchergefahr natürlich noch mehr grandiosen Content auf die Ohren. (Und wer beim Wort Content jetzt nicht wenigstens kurz zuckte, darf eh nicht zuhören.) So geht es mit dem ersten Selfpublishing-Buchpreis und dem tolino media Newcomerpreis um gleich zwei neue Ideen, wie wir mit Schwung und Elan statt purer Tristesse durch die Pandemie kommen können. Neues schaffen statt Altes zu bejammern, so soll’s sein.

Und etwas Neues gibt es auch bei der Büchergefahr selbst, beziehungsweise beim Lektomat, dem Tool des Hauses. Charakteranalyse heißt es und liefert im ersten Wurf Bilder wie jenes oben, bei denen man nicht nur gucken kann, ob nun Corinna oder Yvonne als Protagonistin durchgehen, sondern auch, ob hier jemand die Guten beim Vor- und die Bösen beim Nachnamen nennt. Gnadenlos legt das Tool es offen. Faszinierend.

Und das alles gibt’s für lächerliche 13 Minuten kompakt präsentiert. Bitte hier entlang.