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Morgenstund

Es gibt eine Zeit am Tag, die ist nicht leicht. Sie beginnt ganz früh am Morgen — wenn alle noch im Bett sind. Ein Wecker klingelt, vielleicht wird man aber auch ganz ohne ihn wach. Nach nur wenigen Minuten des hoffnungslosen Herumwälzens wird sofort klar: Jetzt beginnt die Zeit bis zum ersten Kaffee. Das ist die Zeit, die sich nur mit eiserner Routine überstehen lässt. Diese sieht hier wie folgt aus: Tochter schnappen und ihr klar machen, dass sie gleich wieder aufhören kann, einem wie wild an der Nase zu ziehen. Es ist schließlich noch nicht die Zeit für lustige Spiele mit Elefantengeräuschen. Also: Tochter schnappen und ab nach nebenan, den Sohn aufwecken. Danach ins Bad, um bei möglichst minimaler Beleuchtung alle Anwesenden mit einer adäquaten Zahnreinigung zu versorgen und auch ansonsten ausgehfertig zu bekommen. Danach müssen es nur noch alle möglichst heile in die Küche schaffen, um die Kaffeemaschine anzuwerfen. Wenn das erst mal geschafft ist, wird der Rest des Tages quasi zum reinen Kinderspiel.

Diese Morgenroutine funktioniert so übrigens tatsächlich erstaunlich gut. Wenn man nicht mit der Tochter auf dem Arm und nur einem halb geöffneten Auge die Tür zum Kinderzimmer öffnet, um den Sohn zu wecken, welcher jedoch bei vollständiger Festbeleuchtung durch seine Deckenlampe, Schreibtischlampe und Weihnachtsstern bereits fertig angezogen durch das Zimmer tanzt und freudig strahlend ruft: Ich bin schon wach und angezogen! Da hilft nur eines: das halb geöffnete Auge gleich wieder fest schließen und den Rückzug ins Bad antreten. Tochter wickeln. Tochter anziehen. Zahnbürsten fertig machen. Und schon reißt jemand die Tür auf, wirft das große Licht an und jubelt: Ich habe auch schon Zähne geputzt! Wie beruhigend. Also: Licht wieder reduziert und weiter gemacht. Tür auf. Kopf rein. Laut: Und Hände gewaschen. Ich war heute Erster! Egal, ignorieren. Die Tochter und ich: wir haben hier zu tun. Und man soll’s kaum glauben, aber wir schaffen es tatsächlich irgendwann heraus aus dem Bad und ab in die Küche. Auf halbem Weg zur Kaffeemaschine höre ich nur: Gefrühstückt habe ich auch schon! Das macht er sonst nie. An anderen Tagen kann ich froh sein, wenn er sein Müsli wenigstens kurz anguckt, bevor er es als fertig gegessen zur Seite schiebt. Ich hab‘ mir einfach ein Stück Stolle genommen., sagt der Sohn ganz entspannt, setzt sich auf seinen Stuhl und guckt mich an. Ganz so, als würde er meine Reaktion testen wollen.

Ich zeige keine.

Ich überlege nur schnell und nehme mir vor: Wenn ich heute Abend ins Bett gehe, dann gucke ich nicht einfach nur kurz beim Sohn rein und decke ihn korrekt zu. Nein, heute werde ich das Zimmer stürmen, mit lautem Gebrüll den Sohn aufwecken, ihn aus dem Bett zerren und wir werden gemeinsam sein gesamtes Spielzeug neu inventarisieren. Und natürlich werde ich den werten Herrn Nachwuchs anschließend noch eine Weile mit dem Neusortieren seiner gesamten Bibliothek wach halten. Danach darf er sich gern noch einmal kurz hinlegen und wieder weiterschlafen.

So klappt’s bestimmt viel besser mit dem Ausschlafen morgen früh. Das ist auch gut für den Sohn und seinen Frieden. Irgendwann wird er das verstehen. Da bin ich ganz sicher.

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Wir bremsen

Wer meint, dass Autos aus den Städten verbannt gehören, hat natürlich vollkommen recht. Wer allerdings aus der Blechschubserei das Maximum heraus holen möchte, sollte sie nutzen, um seine Kinder in die Kita zu bringen. Dabei kann man nämlich schon am frühen Morgen Sachen vom Nachwuchs lernen, die einen locker über den Rest des Tages bringen.

So hat neulich die Lektion zur Verkehrsästhetik die Augen für die — ähh — schönen Dinge geöffnet. Ästhetik ist aber nicht alles. Als reiner Schöngeist kommt man schließlich nicht durchs Leben. Da gibt’s noch mehr Qualifikationen, die essenziell sind, um sich souverän durch den Alltag bewegen zu können. Das Auskommen mit anderen Menschen zum Beispiel. Toleranz ist hier gefragt. Verständnis. Empathie. Die Welt ist geprägt von Teamwork. Das Zeitalter der grandiosen Autisten ist vorbei. Da ist es wichtig, dass man klar kommt mit den anderen; dass man einen Weg des kooperativen Miteinanders findet.

Wir fahren also zur Kita. Die Kinder sitzen hinten im Auto und kommentieren den aktuellen Soundtrack. Ich sitze vorn und konzentriere mich auf den Verkehr. Wir wollen schließlich heile ankommen. Dafür gebe ich alles. Ich fahre ruhig, ich fahre ausgeglichen, wir gleiten sozusagen elegant durch die Stadt. Bis sich an einer Kreuzung der Sohn von hinten zu Wort meldet: Papa?

Ich: Ja, mein Sohn?

Sohn: Warum hast Du gerade gebremst?

Ich: Ähh, weil ich den Radfahrer dort vorn vorbei gelassen habe.

Er sagt darauf nichts. Die Antwort scheint ihm zu reichen. Wir sind hier im Straßenverkehr schließlich ein Team. Hier geht es nicht darum, wer größer oder schneller ist. Hier geht es darum, miteinander auszukommen. Hier zählt es, dass alle ein harmonisches Ganzes ergeben. Das spart Agressionen, das spart Unfälle, das sorgt für mehr Frieden in der Welt. Es ist doch so, da machen wir uns mal nichts vor: Der Weltfrieden fängt vor der eigenen Haustür an. Ich bin froh, dass auch der Sohn das schon verinnerlicht hat. Er denkt sogar noch ein wenig darüber nach. Man kann sein Denken in der plötzlich eingetretenen Stille geradezu fühlen. Und schlussendlich sagt er auch wieder etwas, wenn auch mehr zu sich selbst als zu den anderen im Wagen, ganz leise und beiläufig kommt es aus ihm heraus:

Aha. Wir bremsen also auch für Radfahrer.

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sprachentwicklung tochter

Neue Brille

Die Tochter steckt mitten drin in ihrer Sturm- und Drang-Zeit. Es stürmt und drängt zumindest nur so aus ihr heraus. Sind es mal nicht die Zähne, sind es die Wörter. Ich bin dankbar für jedes der letzteren. Zumal sie Papa sagt. Seit kurzem erst. Da wird das Herz warm. Und wir klatschen uns freudig in die Hände, wenn sie angelaufen kommt, sich vor mir aufbaut, erst die Arme in die Hüften stemmt und dann laut Papa! ruft. High Five.

Wie begeistert ich vom neuesten Wort des Tages bin, weiß ich hingegen noch nicht so richtig. Seit heute sagt sie nämlich: Brille.

Kein Problem? Lediglich Ausdruck ihres naiven Verständnisses des gemeindurchschnittlichen Bildungsbürgertums? Mitnichten. Denn dass das Sprechenlernen für die Tochter nur ein Hilfsmittel ist, um ihre Besitzansprüche durchzusetzen, hatten wir hier schon mal. Und dass der Imperativ dabei ihr Lehrer des Vertrauens ist, ebenfalls. Ihre physischen Ausdrucksfähigkeiten hingegen, mit denen sie ihrem Willen einen ganz beachtlichen Nachdruck verleihen kann, haben wir hier noch nicht weiter thematisiert. Aber glauben Sie mir: Auch auf diesem Gebiet ist sie zu Höchstleistungen fähig, die sich nicht unbedingt mit elegant und damenhaft zurückhaltend umschreiben lassen. Selbst dann nicht, wenn sie freundlichst lächelt während sie zielsicher zugreift.

Morgen gehe ich auf jeden Fall erst einmal in den Drogeriemarkt des Vertrauens und gucke, ob es diese Fertigbrillen von der Stange noch gibt.

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dame des hauses

Sturmfrei

Kennen Sie das? Sie leben jahrelang in einer Beziehung. Sie gehen zusammen durch dick und dünn. Sie erleben aufregende Sachen zusammen. Sie erleben den Alltag miteinander. Sie wohnen zusammen. Sie sind eine Einheit, quasi eine Wohnungseinheit. Wenn der jeweils andere tatsächlich mal nicht da sein sollte, fehlt richtig was. Es ist fast so, als würde man schnell noch links und rechts nachsehen, ob nicht vielleicht noch ein Arm abgefallen ist, so unvollständig fühlt man sich.

Und irgendwann passiert’s dann doch: der andere ist auf einmal weg. Also nur vorübergehend, versteht sich. Aber doch länger als nur für eine Verabredung am Abend. Richtig weg, für mehrere Tage.

Sturmfrei.

Jetzt ist die Routine dahin. Sturmfrei zu haben, heißt, mal so richtig die Sau rauslassen zu können. Nichts ist so, wie es immer ist. Also kann man auch gleich raus gehen. Parties besuchen. Feste feiern. Die ganze Nacht durchtanzen. Zu Hause wartet eh niemand, also: warum beeilen? Und falls außer Haus wirklich gerade nichts anstehen sollte, kann man einfach ganz viele Leute zu sich einladen. Findet die Party eben gleich dort statt. Macht ja nichts, es ist schließlich niemand da, der etwas dagegen haben könnte. Also wieder: Feste feiern und durchtanzen bis zum Morgengrauen. So läuft das, wenn man sturmfrei hat. Ganz klar.

Außer, man hat Kinder.

Dann bleibt man auf jeden Fall erst mal zu Hause. Wer holt sich schon einen Babysitter, um dann allein irgendwo hin zu gehen? Eben. Und dass man keine Hundertschaften zur Party des Jahres einläd, ist sicherlich eh klar. Denn Kinder zu haben, sollte am späten Abend heißen, schlafende Kinder zu haben. Allzu unanständiger Lärm ist dem meist recht abträglich.

Sturmfrei heißt jetzt: Man bleibt zu Hause, man hat keinen Besuch, man ist allein. Und irgendwie will man das jetzt ausnutzen. Passiert schließlich nur selten, dieses sturmfrei. Da kann man es nicht einfach so verstreichen lassen. Also liest man erst einmal das Internet leer. Schafft man sonst ja nie. Hier gibt’s endlich die Gelegenheit. Wenn man damit fertig ist, bleibt natürlich immer noch viel freie Zeit. Also ab, zurück an den Rechner. Arbeiten. Endlich mal all die Sachen erledigen, die schon seit Äonen liegen geblieben sind. Schaffen, bis der Kopf auf den Tisch fällt. Da werden Träume wahr. Sturmfrei ist die Rettung für Zeitplanungsopfer, denen das Lied von der Work-Life-Balance schon so zu den Ohren heraus hängt, dass sie vor lauter Gleichgewicht fast von der Yogamatte fallen.

Also stellen Sie sich das jetzt bitte einmal vor: Sie haben sturmfrei. Dann sitzen Sie letzten Endes da und daddeln den ganzen Abend allein vor dem Rechner herum. Vielleicht nennen Sie es Arbeit, vielleicht sind Sie auch ehrlich sich selbst gegenüber. Es ist aber egal, denn irgendwann fällt Ihnen der Kopf auf den Tisch. Dann heben Sie ihn wieder auf und schleppen sich ins Schlafzimmer. Dort fallen Sie ins Bett. Vielleicht brabbeln Sie noch schnell irgendetwas unverständliches zu dem Kleinkind, das da irgendwo mit herumlungert. Aber eigentlich fallen Sie einfach nur um und schlafen tief und fest.

Bis Sie irgendwann eine Stimme hören. Papa?, ruft diese. Also werden Sie ausreichend wach und gehen hin. Ja?, fragen Sie zurück. Ich will aufstehen!, antwortet die Stimme. Im Imperativ. Glasklar und deutlich. Hier ist bereits eine Entscheidung gefallen. Da hilft nur eins: Seien Sie spontan, seien Sie konkret, bringen Sie es auf den Punkt, sagen Sie: Sohn, die Uhr sagt ‚was mit vier, da schlafen wir! Wird schon gut gehen. So gut vielleicht, dass Sie am Ende der Nacht feststellen, dass der ganze zu Hause gebliebene Teil der Familie glatt zwei Stunden länger geschlafen hat als sonst. Die fehlende Routine hat ihren Preis gefordert, ganz klar. Einmal sturmfrei und das Lotterleben zieht ein. Verfall der Sitten, man macht sich keine Vorstellungen.

Hier wird’s wohl Zeit, dass die Dame des Hauses wieder zurück kommt.