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Aus dem Regal

Heute: Aufbruch in die Nacht von Stephen Wright, Deutsch von Peter Torberg

Es soll Leute geben, die fanden Jonathan Franzens Korrekturen ein aufregendes Buch. Das war es nicht. Es war nur eine nett erzählte Geschichte von quasi Durchschnittsamerikanern auf deutlich mehr Seiten als notwendig.

Cover So in etwa sieht es mit diesem Buch auch aus. Es geht um einen Durchschnittsamerikaner, der gemäß des bedeutungsschwangeren Titels los zieht, um eine Art persönlichen Aufbruchs zu erleben. Thematisch geht da die Post ab. Denn der werte Protagonist erlebt viel und vor allem trifft er aufregende Leute. Sie drehen Pornos, sie sterben (unfreiwillig), sie dröhnen sich mit Drogen zu, sie sind auch ohne Drogen vollkommen durchgeknallt: alles ist dabei. Wie gesagt: thematisch geht die Post ab, da kommt keine Langeweile auf.

Es liest sich trotzdem wie ein Kleinwagen mit angezogener Handbremse. Ich kann noch nicht mal sagen, woran genau es liegt. Aber der Funke springt nicht über. Ein richtiger Seitenwechsler sieht anders aus. Das kann natürlich an einer unglücklichen Übersetzung liegen. Es kann auch an der etwas verkrampft wirkenden Überzeichnung der Normalverrückten des amerikanischen Durchschnittswahnsinns liegen. Wer weiß das schon so genau? Fakt ist: Selbst Franzens Korrekturen gingen flüssiger durch die Finger. Und das will etwas heißen.


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Morgenstund

Es gibt eine Zeit am Tag, die ist nicht leicht. Sie beginnt ganz früh am Morgen — wenn alle noch im Bett sind. Ein Wecker klingelt, vielleicht wird man aber auch ganz ohne ihn wach. Nach nur wenigen Minuten des hoffnungslosen Herumwälzens wird sofort klar: Jetzt beginnt die Zeit bis zum ersten Kaffee. Das ist die Zeit, die sich nur mit eiserner Routine überstehen lässt. Diese sieht hier wie folgt aus: Tochter schnappen und ihr klar machen, dass sie gleich wieder aufhören kann, einem wie wild an der Nase zu ziehen. Es ist schließlich noch nicht die Zeit für lustige Spiele mit Elefantengeräuschen. Also: Tochter schnappen und ab nach nebenan, den Sohn aufwecken. Danach ins Bad, um bei möglichst minimaler Beleuchtung alle Anwesenden mit einer adäquaten Zahnreinigung zu versorgen und auch ansonsten ausgehfertig zu bekommen. Danach müssen es nur noch alle möglichst heile in die Küche schaffen, um die Kaffeemaschine anzuwerfen. Wenn das erst mal geschafft ist, wird der Rest des Tages quasi zum reinen Kinderspiel.

Diese Morgenroutine funktioniert so übrigens tatsächlich erstaunlich gut. Wenn man nicht mit der Tochter auf dem Arm und nur einem halb geöffneten Auge die Tür zum Kinderzimmer öffnet, um den Sohn zu wecken, welcher jedoch bei vollständiger Festbeleuchtung durch seine Deckenlampe, Schreibtischlampe und Weihnachtsstern bereits fertig angezogen durch das Zimmer tanzt und freudig strahlend ruft: Ich bin schon wach und angezogen! Da hilft nur eines: das halb geöffnete Auge gleich wieder fest schließen und den Rückzug ins Bad antreten. Tochter wickeln. Tochter anziehen. Zahnbürsten fertig machen. Und schon reißt jemand die Tür auf, wirft das große Licht an und jubelt: Ich habe auch schon Zähne geputzt! Wie beruhigend. Also: Licht wieder reduziert und weiter gemacht. Tür auf. Kopf rein. Laut: Und Hände gewaschen. Ich war heute Erster! Egal, ignorieren. Die Tochter und ich: wir haben hier zu tun. Und man soll’s kaum glauben, aber wir schaffen es tatsächlich irgendwann heraus aus dem Bad und ab in die Küche. Auf halbem Weg zur Kaffeemaschine höre ich nur: Gefrühstückt habe ich auch schon! Das macht er sonst nie. An anderen Tagen kann ich froh sein, wenn er sein Müsli wenigstens kurz anguckt, bevor er es als fertig gegessen zur Seite schiebt. Ich hab‘ mir einfach ein Stück Stolle genommen., sagt der Sohn ganz entspannt, setzt sich auf seinen Stuhl und guckt mich an. Ganz so, als würde er meine Reaktion testen wollen.

Ich zeige keine.

Ich überlege nur schnell und nehme mir vor: Wenn ich heute Abend ins Bett gehe, dann gucke ich nicht einfach nur kurz beim Sohn rein und decke ihn korrekt zu. Nein, heute werde ich das Zimmer stürmen, mit lautem Gebrüll den Sohn aufwecken, ihn aus dem Bett zerren und wir werden gemeinsam sein gesamtes Spielzeug neu inventarisieren. Und natürlich werde ich den werten Herrn Nachwuchs anschließend noch eine Weile mit dem Neusortieren seiner gesamten Bibliothek wach halten. Danach darf er sich gern noch einmal kurz hinlegen und wieder weiterschlafen.

So klappt’s bestimmt viel besser mit dem Ausschlafen morgen früh. Das ist auch gut für den Sohn und seinen Frieden. Irgendwann wird er das verstehen. Da bin ich ganz sicher.

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Wir bremsen

Wer meint, dass Autos aus den Städten verbannt gehören, hat natürlich vollkommen recht. Wer allerdings aus der Blechschubserei das Maximum heraus holen möchte, sollte sie nutzen, um seine Kinder in die Kita zu bringen. Dabei kann man nämlich schon am frühen Morgen Sachen vom Nachwuchs lernen, die einen locker über den Rest des Tages bringen.

So hat neulich die Lektion zur Verkehrsästhetik die Augen für die — ähh — schönen Dinge geöffnet. Ästhetik ist aber nicht alles. Als reiner Schöngeist kommt man schließlich nicht durchs Leben. Da gibt’s noch mehr Qualifikationen, die essenziell sind, um sich souverän durch den Alltag bewegen zu können. Das Auskommen mit anderen Menschen zum Beispiel. Toleranz ist hier gefragt. Verständnis. Empathie. Die Welt ist geprägt von Teamwork. Das Zeitalter der grandiosen Autisten ist vorbei. Da ist es wichtig, dass man klar kommt mit den anderen; dass man einen Weg des kooperativen Miteinanders findet.

Wir fahren also zur Kita. Die Kinder sitzen hinten im Auto und kommentieren den aktuellen Soundtrack. Ich sitze vorn und konzentriere mich auf den Verkehr. Wir wollen schließlich heile ankommen. Dafür gebe ich alles. Ich fahre ruhig, ich fahre ausgeglichen, wir gleiten sozusagen elegant durch die Stadt. Bis sich an einer Kreuzung der Sohn von hinten zu Wort meldet: Papa?

Ich: Ja, mein Sohn?

Sohn: Warum hast Du gerade gebremst?

Ich: Ähh, weil ich den Radfahrer dort vorn vorbei gelassen habe.

Er sagt darauf nichts. Die Antwort scheint ihm zu reichen. Wir sind hier im Straßenverkehr schließlich ein Team. Hier geht es nicht darum, wer größer oder schneller ist. Hier geht es darum, miteinander auszukommen. Hier zählt es, dass alle ein harmonisches Ganzes ergeben. Das spart Agressionen, das spart Unfälle, das sorgt für mehr Frieden in der Welt. Es ist doch so, da machen wir uns mal nichts vor: Der Weltfrieden fängt vor der eigenen Haustür an. Ich bin froh, dass auch der Sohn das schon verinnerlicht hat. Er denkt sogar noch ein wenig darüber nach. Man kann sein Denken in der plötzlich eingetretenen Stille geradezu fühlen. Und schlussendlich sagt er auch wieder etwas, wenn auch mehr zu sich selbst als zu den anderen im Wagen, ganz leise und beiläufig kommt es aus ihm heraus:

Aha. Wir bremsen also auch für Radfahrer.

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Neue Brille

Die Tochter steckt mitten drin in ihrer Sturm- und Drang-Zeit. Es stürmt und drängt zumindest nur so aus ihr heraus. Sind es mal nicht die Zähne, sind es die Wörter. Ich bin dankbar für jedes der letzteren. Zumal sie Papa sagt. Seit kurzem erst. Da wird das Herz warm. Und wir klatschen uns freudig in die Hände, wenn sie angelaufen kommt, sich vor mir aufbaut, erst die Arme in die Hüften stemmt und dann laut Papa! ruft. High Five.

Wie begeistert ich vom neuesten Wort des Tages bin, weiß ich hingegen noch nicht so richtig. Seit heute sagt sie nämlich: Brille.

Kein Problem? Lediglich Ausdruck ihres naiven Verständnisses des gemeindurchschnittlichen Bildungsbürgertums? Mitnichten. Denn dass das Sprechenlernen für die Tochter nur ein Hilfsmittel ist, um ihre Besitzansprüche durchzusetzen, hatten wir hier schon mal. Und dass der Imperativ dabei ihr Lehrer des Vertrauens ist, ebenfalls. Ihre physischen Ausdrucksfähigkeiten hingegen, mit denen sie ihrem Willen einen ganz beachtlichen Nachdruck verleihen kann, haben wir hier noch nicht weiter thematisiert. Aber glauben Sie mir: Auch auf diesem Gebiet ist sie zu Höchstleistungen fähig, die sich nicht unbedingt mit elegant und damenhaft zurückhaltend umschreiben lassen. Selbst dann nicht, wenn sie freundlichst lächelt während sie zielsicher zugreift.

Morgen gehe ich auf jeden Fall erst einmal in den Drogeriemarkt des Vertrauens und gucke, ob es diese Fertigbrillen von der Stange noch gibt.