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Hinter den sieben Bergen

Die lokale Beamtenwahl des Tages erfordert nicht unbedingt eine persönliche Anwesenheit. Lohnt sich schlicht nicht. Wir hatten das ja schon. Also beschließt der Familienrat: Kommt, wir fahren in die Berge und sind die sieben Zwerge.

Gesagt, getan. Zack, unterwegs. Und ab auf eine Burg. Ritter gibt’s gerade nicht zu bestaunen. Also spielen wir Männer, die auf Schafe starren. Einen Esel gibt es auch. Eine Kuh obendrein. Wen wundert’s, dass jemand drum herum einen Weihnachtsmarkt arrangiert hat? Man muss ja auch mal praktisch denken. Ich habe da Respekt und nachdem der Sohn als gebürtiger Städter alle anwesenden Tiere korrekt erkannt hat, gibt’s erstmal eine zünftige Bratwurst. Das zugehörige Tier ist zum Glück nicht auf dem Markt. Die Darsteller der alten Weihnachtsgeschichte hat damals jemand geschickt gewählt. Danke dafür. Das muss man nach all den Jahren doch auch mal sagen.

Mit vollem Magen brechen wir auf und ziehen weiter. Rein in den Wald. Zur Hütte, hinter die Berge, schließlich sind wir die Zwerge. In die Natur gehen wir rein, gemütlich soll’s dort sein, die Luft auch ganz fein.

Aber im Ernst: Man muss sich auch einfach mal zurück ziehen können. Raus in die Natur. Gern mit Strom, durchaus aber ohne Netz. Keine Balken, keine Sorgen. Ich denke, vor allem der dauerhaft-online-Teil unter uns versteht, was das bedeuten kann. Totale Ruhe. Keine Ablenkung. Die totale Besinnung auf das, was wirklich zählt. Nur gut, dass es sie wirklich noch gibt, diese Gegenden, in denen man eins wird mit der Natur. In denen man aus dem Fenster guckt, um etwas Aufregendes zu sehen und nicht etwa auf irgendein Display. Hier zu sein bedeutet, sich auf seine Instinkte zu besinnen und sein Wissen über die elementaren Naturgesetze endlich wieder anwenden zu können. Hier draußen kann auch der moderne Mann von heute noch zeigen, dass er versteht, was die Welt zusammenhält.

Also tun wir, was man in der Natur so tut. Wir stehen im Wald. Wir deuten Spuren am Boden. Suchen nach Vögeln am Himmeln. Bewerten den Zustand der Bäume. Lauschen dem Klang der Weite. Bewundern die Ruhe. Der Sohn steht da und staunt. Er stellt viele Fragen. Ich erkläre alles, oder zumindest vieles, oder sagen wir: einen Teil. Ich deligiere den Rest. Es sind schließlich Freunde dabei, die kennen die Gegend. Heimvorteil. Den kann man ruhig mal zugestehen.

Am nächsten Morgen dann das: Draußen ist alles weiß. Als erfahrener Städter kennt man das. Alles nur Rauhreif. Machen wir uns mal nichts vor. Das haben wir oft genug gesehen. Alles weiß, manche reden da gleich von Schnee. Man denkt sofort an den Weltuntergang, der logischerweise unmittelbar kommen muss. Es ist schließlich kalt. Aber letztlich ist das Drama doch weit weniger ernst, als man es je erahnen konnte. Das gilt insbesondere hier draußen, im Wald, in den Bergen. Schnee, also wirklich. Wo soll der denn überhaupt herkommen? So sieht einfach nur die morgendliche Natur aus. Es war nachts, es war kalt, es gibt Rauhreif. Das ist einfach, das ist klar, das ist logisch. Trinken wir erstmal eine Tasse Kaffe, danach ist die Welt wieder in Ordnung.

Ich schnappe mir den Sohn, wir gehen vor die Tür. Die frische Luft genießen, wofür sind wir schließlich so früh aufgestanden? Also Tür auf und raus. Ab in den Wald. Spuren suchen. Wer weiß? Vielleicht kann ich dem Sohn ein wildes Tier zeigen, irgendwo in der Ferne. Wenn wir schon mal hier sind. Das ist quasi eine einmalige Chance.

Aber soweit komme ich gar nicht. Denn als ich mich umdrehe, um zu gucken, wo der Nachwuchs eigentlich bleibt, erwischt mich eiskalt und unerwartet ein dicker Schneeball am Kopf. Der Sohn steht da, ruft: Treffer! und lacht ganz stolz.

Jetzt mal so unter uns: Ich hatte wirklich keine Chance. Denn der Wetterbericht, den ich vor der Abreise extra noch einmal online geprüft habe, der hat gar keinen Schnee vorhergesagt. Den hätte es von Rechts wegen also gar nicht geben dürfen.

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Kandidatenliste

Sohn: Papa, warum hängt hier so viel Werbung mit Männern herum?

Ich: Weil der Bürgermeister neu gewählt wird und die Männer wollen alle Bürgermeister werden.

Sohn: Und warum will keine Frau Bürgermeister werden?

Tja, warum eigentlich nicht?

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Aus dem Regal: Tschick von Wolfgang Herrndorf

Cover: Tschick von Wolfgang Herrndorf Darauf bin ich jetzt tatsächlich rein zufällig gestoßen, auf dieses Buch. Bei Goodreads war das. Schlimm, wenn man sich schon auf solche Sachen verlassen soll. Modernes Zeugs. Also wirklich. So geht’s doch nicht. Beschwert habe ich mich. Laut. So für meine Verhältnisse zumindest. Zum Trost haben mich einige dann darauf hingewiesen, dass sie sehr wohl etwas gesagt hätten. Zu diesem Buch. Empfehlenderweise. Vor einer Weile schon. Ich hätt’s wohl nur ignoriert. Na, wenn das so ist, dann ist ja alles wie immer und somit vollkommen in Ordnung.

Wie dieses Buch. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Erzählenderweise zumindest. Denn die Geschichte ist natürlich großer Unfug. Sie berichtet ernsthaft von zwei verhinderten Halbstarken, die ihre Komplexe damit kompensieren, minderjährig in einem geklauten Auto auf Urlaubstour zu gehen, wobei sie natürlich nicht einen einzigen auch nur halbwegs normal wirkenden Menschen treffen sondern ausschließlich hochgradig interessante Hauptdarstellercharaktere. Kurioserweise ist rundherum alles mit dabei, was eine spannende Geschichte ausmacht: Schießerei, Unfälle, Verletzte, Verliebte, Durchgeknallte, Masturbierende. Es ist ganz schlicht eine großartige Erzählkunst, das alles so miteinander zu kombinieren, dass es nicht schwachsinnig wird, sondern lesbar. Anregend. Spannend. Und Spaß machend.

Ein feines Buch. Das war eine gute Empfehlung. Egal, woher. Also macht ruhig weiter. Empfehlt. Es sieht dann auch nur so aus, als würde ich Euch ignorieren.

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berufswunsch sohn

Berufswunsch (17)

Die Familie sitzt beim Abendessen und wertet den Tag aus. Das kommt hier immer wieder mal vor. Aber keine Angst: Wir achten natürlich darauf, dass niemand mit vollem Mund spricht und dass ebenso niemand die eventuellen Dramen des Tages gar zu intensiv noch einmal durchleiden muss. So schlimm ist es jedoch normalerweise alles gar nicht. Denn machen wir uns mal nichts vor: Wenn man es ganz nüchtern betrachtet, sind die meisten Tage durchaus recht unterhaltsam. Nach Feierabend und mit etwas Abstand wirken viele Dramen, welche nur wenige Stunden vorher uns alle quasi in den Weltuntergang getrieben haben, gleich viel weniger bedrohlich. Unlösbar scheinende Fragestellungen haben sich zwischenzeitlich quasi in Luft aufgelöst. Über die eigene Verzweiflung ob dieser täglichen Herausforderungen könnten wir am Abend nur noch herzlich lachen, wenn wir dann nicht auf einmal aufpassen müssten, uns nicht doch beim Essen zu verschlucken.

Es ist also alles halb so wild und wir essen friedlich auswertend vor uns hin. Diese anheimelnde Idylle darf aber wiederum auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eine oder andere Frage des Tages doch noch nicht beantwortet ist. Ja, dass vielleicht sogar das eine oder andere Problem noch offen im Raum steht. Wir reden ruhig mal darüber. Etwas neutraler Input hilft vielleicht weiter. Man weiß ja nie. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen ganz zum Schluss. Da hilft nur eins: Konkret werden. Denn wenn man etwas ganz klar benennt, dann liegt die Lösung meist gleich auf der Hand. Klingt komisch. Klappt trotzdem meistens. Also, klare Ansage: Es gab da heute ein Problem!

Die Tochter guckt kurz von ihrem Teller hoch und fragt: Problem?

Ja, antworten wir quasi unisono. Auf Arbeit. Das ist nicht weiter schlimm. Wir denken nur mal nach.

Der Sohn sagt nichts. Er ist überhaupt gerade erstaunlich ruhig. Offenbar sehr in sein Essen vertieft. Vollkommen meditativ starrt er seinen Teller an.

Wir essen noch etwas und denken während dessen ein wenig nach. Klar, wir reden über das Problem, erwähnen Kollegen, sprechen von Algorithmen und bilden uns ein, auf die grundlegendsten Fragen durchaus plausible Antworten zu finden. Das haben die anderen tagsüber natürlich nicht geschafft. Ganz klar. Also wir selbst: viel schlauer. Die anderen: überhaupt gar nicht schlau. Logisch. Das muss so sein. Das sehen die anderen übrigens ganz genauso. Wenn Sie sich ernsthaft schon mal gefragt haben, warum Sie nicht jeden Abend mit Ihren Kollegen zusammen essen, dann haben Sie jetzt die Antwort. Es ist einfach besser so.

Auf einmal meldet sich der Sohn zu Wort. Er hat seine ernste Mine aufgesetzt, sitzt leicht schräg auf dem Stuhl, lehnt einen Arm auf den Tisch, den anderen über die Stuhllehne. Wenn er das macht, weiß man: Er hat nachgedacht, gleich kommt etwas wirklich Ernstes. In solchen Momenten sprudeln die ganz großen Themen aus ihm heraus. Vollkommen neue Geburtstagswünsche etwa. Ich hoffe, Sie verstehen die Tragweite. Nach diesen Wünschen, da kommt der Weltfrieden. Der Sohn guckt also ernst und sagt: Ich weiß eine Lösung für Euer Problem.

Wir: Wie bitte?

Der Sohn: Ich weiß, was Ihr machen müsst. Also passt auf: Ihr setzt einfach immer zwei Leute in ein Büro.

Dann ist er ruhig.

Wir: Ähh, das war’s?

Der Sohn: Ja, das war’s.

Nun ja. Gut zu wissen. Danke, mein Schatz. Und wo waren wir eigentlich stehen geblieben? Bei Algorithmen, richtig. Ganz grundlegenden sogar. Eigentlich einfache Sachen. Die Theorie dazu ist seit langem klar. Die Probleme entstehen erst in der Praxis. Das ist eh ein erstaunlich weit verbreitetes Phänomen, das mit der Theorie und der Praxis. Irre.

Und wenn das nicht hilft, habe ich noch eine Idee.

Ich glaube, der Sohn war das.

Wir: Wie bitte?

Der Sohn: Wenn das nicht hilft, also so zwei Leute in einem Büro, ja? Also, dann verkleidet Euch einfach als Pirat.

Wir: Und gehen dann so zur Arbeit?

Der Sohn: Ja klar.

Damit ist das Thema für ihn durch. Frage geklärt. Problem gelöst: Kleinere Büros und die eigene Kompetenz mit mehr Nachdruck nach außen tragen. Da steckt mehr Lösungspotenzial drin als vielen von uns lieb sein mag. Es sind einfach klingende Vorschläge, die sich in Wahrheit aber ganz und gar nicht so einfach umsetzen lassen. Darauf konnte wirklich nur ein vollkommen Außenstehender kommen. Nur dem unbelasteten Externen ist eine dermaßen klare Sicht auf die Dinge gegeben.

Es ist wohl leider offensichtlich: Der Sohn wird einmal Berater. Ich sage dazu vorläufig lieber nichts und sitze das erstmal aus. Zeit für den Nachtisch.

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andernorts

Südlich der Elbe

Oben im Norden passieren gerade mysteriöse Sachen. Da schreiben auf einmal alle ins gleiche Blog. Oder zumindest über das gleiche Thema, Hamburger Stadtteile nämlich, welches natürlich in genau diesem Blog da angefangen hat. Wir kennen das: die Hamburger Blogmafia zieht ihre Kreise. Damit will man natürlich nichts zu tun haben. Davon hält man sich lieber fern. Ich meine: Hamburg, also wirklich. Das wahre Leben findet natürlich südlich der Elbe statt. So in etwa steht das jetzt auch in meinem Gastbeitrag dort. Der beginnt so:

Der gemeine Hamburger bewegt sich nicht südlich der Elbe. Ich verstehe das. Manche Dinge gehören sich einfach nicht. Man muss schließlich wissen, wo man hingehört. Es gibt Grenzen. Irgendwo muss auch mal Schluss sein. An der Elbe zum Beispiel. Ich verstehe das. Und rede heute trotzdem mal über diese Gegend auf der anderen Seite. Südlich der Elbe. Karlsruhe, um genau zu sein.

Karlsruhe? Wo liegt das überhaupt? Und warum will man da hin?

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