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Aus dem Regal: Schlaraffenland von Stevan Paul

Cover Schlaraffenland Er hat’s schon wieder getan: Nach seinem großartigen Monsieur, der Hummer und ich hat Stevan Paul schon wieder ein Buch mit Kurzgeschichten vollgepackt. Dieses Mal ist auch der Titel eingängiger. Schlaraffenland heißt es einfach. Und was soll ich sagen: Das passt auch so. Denn natürlich geht’s um Essen in den Geschichten. Ums Kochen vor allem, davon versteht der Autor etwas. Um Genüsse geht’s natürlich, um Leidenschaft. Passenderweise erfährt man bei der Gelegenheit, wie er seine große Liebe während einer Urlaubsfahrt schon mal ganz schlicht irgendwo unterwegs entlang der Strecke vergessen und zurück gelassen hat. Wie großartig ist das denn?

Das ist in etwa so großartig, wie die Kunst, am Ende von jeder der Geschichten ein passendes Rezept unterzubringen. Manchmal fragt man sich zwischendurch, wie er das noch schaffen will, wie er mitten aus einer fantastischen Geschichte heraus die Kurve hin zu einem Rezept bekommen möchte. Aber er schafft es jedes Mal.

Ein reiner Zufall ist es sicherlich, dass die Geschichten von der Länge jeweils so abgestimmt sind, dass man während des Lesens gut eine Tiefkühlpizza aus dem Supermarkt warm gemacht bekommt. Aber so etwas würden Leser dieses Buchs natürlich nie machen. Ganz klar. Vollkommen absurde Idee.

Viel weniger absurd ist es, dass dieses Buch eine ganz klare Leseempfehlung ist. Lesepflicht quasi. Das hier ist nicht nur gewohnte Qualität. Das ist auch noch solide Handwerkskunst. Was wiederum viel besser ist als es klingt. Also formuliere ich das gern ganz deutlich: Holen Sie sich dieses Buch und lesen Sie es.

Das wär’s auch schon. Außer für all jene, die immer sagen Ach, Kurzgeschichten liegen mir gar nicht. Nur ein ausgewachsener Roman ist ein vollwertiges Buch. Darunter mache ich es nicht. Für diese Fraktion habe ich noch einen kleinen Tipp: Halten Sie mal bitte kurz den Mund und holen Sie sich dieses Buch. Ich erwähnte das ja schon. Und ja: Lesen Sie es. Nur wenige Romane sind so gut geschrieben wie diese Geschichten. Also gönnen Sie sich mal etwas Gutes und lesen diese Quickies hier. Geht ja schnell, so kurz wie sie sind. Danach können Sie sich gern wieder einen dicken Schinken holen und ein halbes Jahr lang daran verzweifeln.

Guter Tipp? Gern geschehen.

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Der Kumpel und die Nachbarn

Wir wohnen hier in einer aufregenden Gegend. Da gibt es viele Leute drum herum. Es ist immer etwas los. OK, gelegentlich wird auch mal das Gefährt vor der Tür umgestaltet, aber wir wollen mal nichts dramatisieren. Ganz im Gegenteil: wir freuen uns über die Vielfalt. Hier gibt’s Studenten, hier gibt’s ganz gewöhnliche Nachbarn, hier gibt’s sogar arbeitendes Volk. Gleich um die Ecke. Da sitzen Firmen. Agenturen oder so. Die machen wohl etwas in diesem Internet. Was das genau sein soll, weiß ich jetzt auch nicht. Da kommt man ja gar nicht mehr mit, bei diesem ganzen neumodischen Zeug.

So geht’s den Leuten wohl auch selbst. Sie nehmen sich nämlich gelegentlich eine Auszeit. Gehen vor die Tür, rauchen mal eine oder unterhalten sich. Was man eben so macht, um diesem Internet zu entkommen. Gelegentlich laufen sie sogar herum, ist schließlich aufregend, die Gegend. Und manchmal bleiben sogar einige bei uns vor der Tür stehen.

Den Sohn fasziniert das sehr. Er steht am Fenster und guckt ihnen zu. Stundenlang könnte er das tun. Ich stehe daneben und überlege, ob ich ihm ein Kissen holen sollte. Aber wirklich leidend guckt er nicht. Eher sieht es so aus, als ob er bald heraus fällt aus seinem Fenster, weil die Ohren nicht groß genug sind, um den offenbar sehr spannenden Geschichten angemessen folgen zu können.

Nur gut, dass es ab und an noch anderweitige Abwechslung gibt. Zum Beispiel, wenn Gäste im Haus sind. So war heute ein Kumpel des Sohnes zu Besuch. Das lenkt ab, da ist richtig was los, da hauen sich die Vierjährigen auch leidenschaftlich die Taschen voll. Man kann gar nicht immer zuhören, wenn sie sich unterhalten. Verrückt würde man werden. Wahrscheinlich geht’s oft auch um Agenturjungs und deren Themen. Man muss seine Leidenschaft teilen. Wozu sind Kumpels schließlich da? Eben.

Aber wie das mit Besuch so ist: irgendwann geht er wieder. Zieht sich die Stiefel an, wirft den Mantel über, liefert sich mit dem Sohn noch einmal eine feste Umarmung, wie es unter kleinen Männern nun mal so üblich ist und geht zur Tür hinaus.

Tschüss!, ruft er noch kurz über die Schulter und trabt los.

Der Sohn rennt zum Fenster, lehnt sich heraus, wirft zur Abwechslung nur einen flüchtigen Blick auf die ebenfalls gerade zufällig draußen stehenden Agenturjungs und brüllt seinem Kumpel hinterher: Tschüß, Quatschkopf! Du alte Labertasche! Ciao! Geh ruhig nach Hause! Tschühüss! Feierabend! Hau ab! Bis bahald!

Also sein Kumpel hat sich nicht umgedreht sondern nur lässig die Hand gehoben. Die Agenturjungs haben jedoch ihr Gespräch kurz unterbrochen und etwas skeptisch geguckt.

Dann mal auf weiterhin frohe Nachbarschaft.

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Rechenschieber

Eine Familie zu haben heißt, einen geregelten Tagesablauf zu haben. Das geht früh am Morgen schon los. Nach der täglichen Rangelei im Bad sitzen wir relativ zügig am Frühstückstisch. Die Tochter trinkt Milch, der Sohn und ich: wir essen Müsli. Es ist wirklich jeden Tag das Gleiche. Da steckt so viel Routine drin, es könnte glatt langweilig werden.

Das sieht der Sohn wohl ähnlich so und zählt beim Essen erst einmal das Obst auf dem Tisch durch. Ein paar Äpfel liegen da vor ihm herum. Der Sohn stellt fest: Papa, das sind ja acht Äpfel!

Ich: Stimmt. Ist das etwas Gutes?

Sohn: Ja! Guck mal Papa: Ich werde doch bald fünf und die Schwester wird drei. Er zählt noch einmal und bestätigt sich selbst: Acht Äpfel! Passend schiebt er sich das Obst dabei zurecht:

5+3 Äpfel

Die Rechnung geht auf. Wir zählen gemeinsam noch ein paar Mal durch. Sicher ist sicher. Er ist bald fünf, die Schwester wird irgendwann drei. Passt alles.

Sohn: Aber jetzt bin ich noch vier, ja?

Ich: Korrekt.

Also schiebt er noch ein wenig herum:

4+4 Äpfel

Tja, jetzt stimmt’s für ihn. Aber für die Tochter nicht mehr. Also: gar nicht mehr. Das aktuelle Alter kommt nicht hin und nach dem nächsten Geburtstag wird’s immer noch nicht zu den Äpfeln passen. Der gesamte Nachwuchs guckt erst mal ganz betreten. Ich wechsle das Thema. Einer muss schließlich aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt. Ich trage hier Verantwortung. Die Routine am Morgen darf nicht gestört werden. Wir wollen schließlich friedlich zu Ende frühstücken, die Basis für den Tag legen, routiniert die Energie tanken, von der wir in den nächsten Stunden zehren werden. Da kann nicht einfach ein unglücklich liegender Apfel alles kaputt machen. Nicht so lange ich meine Füße zu denen der Kinder unter den Tisch stelle. Oder so.

Nachdem wir Jungs alles Müsli weggelöffelt und die Tochter ihren Milchtrog geleert hat, räumen wir ab. Wie jeden Morgen. Routine und so. Nur eines ist anders heute: Kurz bevor wir aus der Küche traben, dreht sich die Tochter noch einmal um, geht zum Tisch, stellt sich auf ihre Zehenspitzen und greift sich einen Apfel. Sie beißt einmal kurz rein und legt ihn dann auf den Tisch, jedoch nicht zu den anderen. Sie guckt den Sohn und mich kurz an, nickt anerkennend ob ihrer cleveren Idee und stiefelt davon. Der Sohn dreht sich um, guckt auf den Tisch und stellt fest: Jetzt stimmt’s wieder besser.

Und jetzt mal ehrlich: Wer von uns Oberchecker-Erwachsenen kann heute noch intuitiv mit einem Rechenschieber umgehen? Eben – die Jugend hat uns selbst bei der Technik von gestern schon routiniert etwas voraus.

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Baustelle

Vor einer Weile habe ich clever geheiratet, seitdem gilt: Einmal im Jahr sieht die Bude hier bei uns aus wie eine Baustelle. Das ist quasi ein Naturgesetz. Darauf kann man sich verlassen. Manchmal kann es sein, dass wir dafür umziehen müssen, manchmal bekommen wir einfach einen Wasserschaden. Aber manchmal geht’s auch ohne größere Katastrophen und wir legen uns einfach eine neue Küche zu.

Kein Problem, sagen Sie? Da lässt man einfach jemanden kommen! – Nun, so einfach ist es natürlich nicht. Zum einen können Küchenstudios mit ihren Attitüden anstrengender sein, als man das landläufig naiv so glauben mag. Zum anderen zieht unsere alte Küche in den Keller um. Das sorgt dort für Ordnung und vielleicht im nächsten Jahr für eine Baustelle weniger. Wer weiß? Könnte ja sein. Aber mal unter uns: Da glaube ich selbst nicht dran. Trotzdem zieht die alte Küche jetzt erst einmal in den Keller um. Und wer sich in der Küchenmöbelbewegungsszene ein wenig auskennt, kann sicher nachvollziehen, dass wir das lieber nicht von irgendwelchen Dienstleistern machen lassen.

Also legen wir selbst Hand an. Gehen in den Keller. Schaffen etwas Platz, indem wir alten Bestandskram beiseite räumen, Teile davon sogar entsorgen und in die gewonnene freie Landschaft die demontierten Küchenmöbel wuchten, um sie wieder neu zusammenzusetzen. Am Ende des Tages passiert, womit handwerklich eingeschränkt Begabte – also: ich – nicht wirklich gerechnet haben: Es herrscht nicht nur Ordnung im Keller, sondern es gibt sogar neuen Platz, um Altverstautes aus den Kisten zu holen und direkt ins Regal zu räumen. Das schafft Transparenz, sorgt für leichten Zugriff und man erkennt auf einen Blick den Stand der Vorräte im Untergeschoss.

Das begeistert auch den Sohn. Er lehnt sich an die Kellertür, guckt in den Raum, nickt anerkennen und stellt fest: Papa, jetzt haben wir endlich einen vollen Weinkeller. Das ist schön, oder?

Eine zufällig in dem Moment vorbeikommende Nachbarin hat dabei nur mit einem jetzt-weiß-ich-Bescheid-Augenbrauenhochgeziehe gegrüßt. Falls sie sich demnächst mal bei uns einlädt, weiß ich somit immerhin, was ich anbieten kann. Praktisch, der Sohn. Wollen wir nur mal hoffen, dass sie nicht ausgerechnet zur nächsten Baustelleneröffnung kommt. Könnte schließlich sein, dass dann niemand den passenden Korkenzieher findet.

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Aus dem Regal: Dickhäuter von Oliver Koch

Dickhäuter von Oliver Koch Bei dem Titel ist das Buch ganz klar eines über Elefanten. Genau genommen nur einen Elefanten. Markus heißt er und ist natürlich gar kein Tier. Er ist ein Künstler, der im ganz normalen Wahn des Angestelltendaseins gefangen ist. Wie ein tollpatschiger Vierbeiner stolpert er dabei durch den Alltag. Scherben gibt’s dabei viele und er tritt in alle rein.

Die Geschichte ist wirklich ein kleines Drama. Eigentlich schlimme Sachen passieren gar nicht. Statt dessen gucken wir einfach nur die ganze Zeit jemandem dabei zu, wie er an den kleinen Dingen des Lebens scheitert. Wie er es nicht schafft, in der Welt klar zu kommen. Wie er es hingegen hinbekommt, die Schuld dafür in der Erwartungshaltung der anderen zu suchen. Sie haben keine passende Tätigkeit für ihn zu bieten, sie wollen seine Bilder nicht sehen, nicht verstehen, nicht ausstellen und schon gar nicht kaufen. Die da draußen wollen sein Liebesleben nicht akzeptieren. Dass er schwul ist, spielt dabei noch gar nicht mal die Hauptrolle. Wie gesagt: Es ist wirklich ein kleines Drama. Alles.

Und das ist irgendwie das Schöne an der Geschichte: man guckt jemand anderem dabei zu, wie er scheitert. Das Ende ist quasi von Anfang an klar, hier gibt es keine Wende zum Guten, hier wird auf ganzer Linie verloren. Das liest man, da guckt man zu, da erfreut man sich am eigenen voyeuristischen Instinkt und daran, dass es ein anderer ist, der hier abstürzt.

Man wird zwar das Gefühl nicht los, dass hier jemand seinen Gesellschaftsfrust im Text abgeladen hat, aber für die Lovestory eines gescheiterten schwulen Künstlers kann man auch schon mal über einen kleinen erhobenen Zeigefinger hinweg lesen und wird dafür ganz gut unterhalten.

Was will man eigentlich mehr?