Laufen in der Krise ist keine Laufkrise

Diese Sache mit dem Laufen ist eine vielschichtige Angelegenheit. Dabei fängt es alles so harmlos an: Man geht aus dem Haus, setzt einen Fuß vor den anderen, wechselt die Füße ab und wiederholt das Spiel für eine Weile. Zack, Laufen. Fertig. Abgehakt.

Dann kommt irgendwann jemand und fragt, warum man das denn macht. Und schon wird‘s kompliziert. Denn der Gründe gibt‘s gar viele. Und sie sind nur selten irgendwie konstant.

Zum einen laufen wir Läufer durchaus manchmal vor irgendwas davon. Sei es vor dem puren Alltag, sei es vor der aktuell drohenden Ausgangssperre, sei es vor der spätestens bei dieser drohenden Gefahr einer Depression, sei es vor zu argen Menschenmassen oder sei es vor der omnipräsenten Hysterie der Massenmedien, egal, zu welchem Thema.

Manchmal laufen wir aber auch aus purer Suche nach der totalen Entspannung. Wer musste sich nicht schon mal dieses Gerede vom tollen Flow anhören, dass wir Laufenden irgendwann quasi jedem auf die Ohren drücken? Eben. Aber da ist ja durchaus was dran. Ebenso wie am Reiz der temporären Einsamkeit. Einfach mal für zwei Stunden niemanden sprechen zu müssen, ist toll. Vor allem, wenn man weiß, dass es danach wieder geht, die anderen irgendwie da bleiben. Vielleicht gibt man sich auf der einsamen Runde im Wald etwas auf die Ohren. Das geht im Alltag ja auch nicht immer. Wer ist schließlich gern von Menschen mit Kopfhörern auf den Ohren umgeben? Das ist doch auch nicht schön. Sollen diese nicht zuhörenden Ignoranten bitte alberne Schuhe anziehen und mal in den Wald gehen. Wohl war. Machen wir ja auch. Und gönnen uns dabei die lange Liste der abonnierten Podcasts im Wechsel mit den musikalischen Überraschungen der SXSW-Torrents, die es sogar in diesem Jahr gibt.

Und manchmal laufen wir auch, um die Kinder ein wenig mit durchzulüften, die sich derzeit nicht mit ihren ganzen Freunden treffen können, nicht auf Spielplätzen abhängen und nicht im Sportverein austoben. Da nehmen wir sie also mit auf die mehr oder weniger einsame Laufrunde in den Wald, treiben sie vor uns her und lassen uns dann von ihnen antreiben. Wir sind am Ende alle voller Sauerstoff und doch aus der Puste. Wir haben für ein oder zwei Stunden mal keine Wände gesehen. Der Weg zum kleinen Glück, er ist manchmal so mühsam und einfach zugleich.

Und am Ende sagt einem die Laufuhr vielleicht sogar:

Prima, du hast dein Aktivitätsziel für heute erreicht.

Nun denn. Ziele erreichen ist ab und an natürlich auch recht nett. Selbst jetzt, in dieser Krise. Oder vielleicht sogar gerade jetzt in dieser Krise.