Gelesen: Schalttagskind von Oliver Driesen

Es gibt Autoren, die gehen im allgemeinen Lärm um neue Bücher manchmal ein wenig unter. Oliver Driesen ist so einer. Mit Wattenstadt hatten wir hier schon sein Debüt in den Fingern. Es hat begeistert.

Jetzt also Schalttagskind. Das ist der an einem 29. Februar geborene Billy Sloman. Mit vier Jahren ist dieser auf der Jungfernfahrt der Titanic mit dabei. Und sieht mit scharfem Blick den wohl berühmtesten Eisberg der Schifffahrtsgeschichte, rechtzeitig, so dass die Mannschaft den Kurs noch korrigieren und dem schwimmenden Ungetüm ausweichen kann.

Die Titanic sinkt also nicht. Der scharfe Blick von Billy bleibt jedoch. Ausgehend von einer Bekanntschaft, die er aufgrund seiner Entdeckung auf dem Boot macht, wird er später Kameramann und zwar ein verdammt guter. Dokumentationen erstellt er und es sind jene über die ganz Großen: den Ganoven John Dillinger als ersten Staatsfeind der USA, gejagt vom (heutigen) FBI, Pablo Picasso in einer innovativen Home-Story und Wojciech Jaruzelski als Verteidigungsminister Polens in Zeiten des aufkeimenden Widerstands, aus dem die Solidarność entstand. Und am Ende der Dramen gibt’s am 11. September 2001 zwar ein großes Drama, aber doch ein komplett anderes als wir es erlebt haben.

Was für ein Setting. Und die Geschichten dazwischen und drumherum sind wieder ganz wundervoll erzählt. Es ist zwar nicht so unterhaltsam komisch wie bei Wattenstadt, aber dafür kommt auch mal faustdicke Spannung auf und die erzählten Erfahrungen sind persönlicher. Und in vielen Details scheint die Leidenschaft des Autoren für die Seefahrt und Boote – Verzeihung: Schiffe! – so euphorisch durch, dass es eine Freude ist.

Ein feines Buch. Und nachdem Wattenstadt im Selbstverlag, dieses Buch hier jedoch bei einem, nun, interessanten Kleinverlag erschienen ist, darf es beim nächsten Mal dann bitte mare sein, oder? Es wäre nur angemessen.