Gelesen: Das Palais Reichenbach von Josephine Winter

Das ist ist doch jetzt mal ein interessantes Kapitel in der »Wie finde ich meine Lektüre«-Geschichte: Ich habe nämlich keine Ahnung, wie Das Palais Reichenbach von Josephine Winter in die Lese-App gekommen ist. Werbung? Rezensionsexemplar? Ich kann mich nicht erinnern, es gekauft zu haben. Aber da das Werk dort nunmal herumlag, habe ich es mir angeguckt.

Cover: Josephine Winter – Das Palais ReichenbachUnd was soll ich sagen? Ohne dieses Herumliegen hätte das wohl nicht geklappt. Es handelt sich nämlich um die Geschichte eines Adelshauses in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Oder anders: nicht gerade das klassische Beuteschema hier im Haus. Aber man soll ja gelegentlich ruhig mal was Neues wagen.

Es geht also um die 20er Jahre. Das Elend des ersten Weltkrieges ist vorbei. Die Nachwehen jedoch noch deutlich zu spüren. Selbst beim eleganten Adel. Dessen Zeit ja auch so langsam vorbei ist.

Und genau darum geht’s: Die Zeit des Adels im Allgemeinen und des Hauses Reichenbach im Besonderen ist vorbei. Das Geld ist – unter anderem wegen des besagten Krieges – aufgebraucht. Die Immobilien schmelzen dahin. Ruhm und Ehre verschwinden langsam. Damit können nicht alle erhobenen Hauptes umgehen. Genau das zu beobachten ist jedoch durchaus reizvoll.

So überrascht es wohl kaum, dass die wirklich relevanten Rollen von Frauen besetzt werden. »Prinzessin Ina« klingt irgendwie harmlos, das ist sie aber nicht. Stattdessen sehen wir eine Dame, die weiß, was sie will, kann und wird. Eine Frau, die das Talent eines im Selbstmitleid gefangenen Autoren erkennt und fördert, eine Frau, die ihren Bruder aus brenzligen Szenen holt, in die er sich zielsicher manövriert, weil er zum einen schwul, zum anderen aber vor allem naiv und sturköpfig ist. Und eine Frau, die ihren anderen Bruder überlebt, weil dieser seinem eigenen Elend ein Ende setzt. Es ist ein Elend, in dem er sich mit den frühen Nationalsozialisten verbündet, deren Charakterschwächen ob aller schönen Worte zu spät erkennt. Und es ist ein Elend, bei dem er eben dadurch soweit in die Enge getrieben wird, dass er seinen besten Freund aus alten Jugendtagen verrät. Er zerbricht daran. Seine Schwester kämpft weiter.

Ebenso faszinierend ist es, dass die Jungen empor streben, die Alten hingegen eher am gewohnt ewig gestrigen festhalten. Die adlige Familie steckt in ihren finanziellen Schwierigkeiten. Was schlagen die Eltern wohl als Lösung vor? Genau: Dass die Jungen bitte passend heiraten mögen. Das hat ein paar Jahrhunderte ganz gut geklappt, das klappt auch weiterhin. Aber selbst dieser Vorschlag kommt von der Fürstin, während der Herr Fürst phlegmatisch in der Ecke sitzt und Whiskey in sich flößt.

Passenderweise ist die Jugend schlau genug, selbst mitzudenken. Man könnte schließlich auch eine Brauerei oder ähnliches Gewerbe gründen, damit schlicht das nötige Geld verdienen und letztlich beim Heiraten sogar nach persönlichen Sympathien statt Geldbeuteln entscheiden. Tja, die modernen Zeiten.

Und irgendwie so kommt es am Ende auch. An den Umständen gemessen, ist es sogar ein Happy End. Und es ist eines, bis zu dem man ruhigen Gewissens lesen kann. Dramaturgisch passt’s. Die Charaktere machen was mit und entwickeln sich dabei. Sprachlich ist’s gefällig. Hat sich die Überraschung ja gelohnt.