Gelesen: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt von Maya Angelou. Oder: #54ReadsMA

And now for something completely different, einen Lesekreis.

Ganz im Ernst, wir haben uns hier nicht im Raum-Zeit-Gefüge vertan. Es ist zwar Anfang 2019, aber ohne einen Lesekreis hätte es dieses Buch hier nicht auf das Lesegerät geschafft. Konkret geht es um den Lesekreis von 54Books. Er kommt also aus einem Laden von feinen Menschen, die feine Texte über feine Literatur schreiben. Es ist ein feines Faszinosum. Und wenn aus diesem das Angebot kommt, mal für einen Monat gemeinsam einen Text zu lesen und sich mittels des Hashtags #54ReadsMA auf Twitter darüber zu unterhalten, dann sind wir hier natürlich mit dabei, gar keine Frage.

Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt Den Anfang dieses Gemeinschaftserlebnisses macht der Text Ich weiß, warum der gefange Vogel singt von Maya Angelou. Hier erzählt eine Afroamerikanerin aus den USA ihre Geschichte. Und das ist nicht irgendeine Geschichte. Sondern es ist eine von einem Mädchen, Marguerite, welches von ihrer superreligiösen Großmutter in den Südstaaten erzogen und geprägt wird, ihrer kleinen provinziellen Welt jedoch letztlich ins sonnige und gloreich erscheinende Kalifornien entflieht.

Quasi nichts im Leben dieses Mädchens verläuft glatt, vorherseh- oder erwartbar. Der Hürden gibt es viele. Ihr Drama zeigt sich an einer Stelle ganz gut, so mittendrin im Text, da gibt es einen Satz, diesen Satz:

Nachdem ich schon seit drei Jahren eine Frau war, wurde ich jetzt zum Mädchen.

Da ist sie zehn Jahre alt. Zehn. Und blendet zurück zur Erinnerung, mit nur acht Jahren bereits vergewaltigt worden zu sein. Von einem Nahestehenden aus der Familie, als wäre es nicht alles eh schon schlimm genug.

Das passiert übrigens im 12. von insgesamt 36 Kapiteln. Und wie es bei Lesekreisen so ist, tauscht man sich über den Text ja aus. Mittels des Hashtags wird man bei ausreichend langsamem Lesen also vorgewarnt, erfährt schon vorab, dass dieses 12. Kapitel bedrückend ist, schockierend ist, keine Freude ist. Man möchte es am liebsten überspringen, das Kapitel. Aber auch davor bewahren einen die Mitlesenden. Gut so.

Immerhin wird’s auch wieder besser. Denn die Erzählung hat neben der bewegenden Geschichte des wirklich nicht leichten Umfelds von Marguerite noch eine zweite beeindruckende Seite. Es ist eine literarische. Denn die heranwachsende Dame liest, viel sogar. Und schöpft daraus Kraft. Das beginnt mit Shakespeare, von dem sie ihrer Großmutter, ihrer Momma, lieber nichts sagt. Denn Shakespeare war ja Weißer, den kann man doch nicht lesen, wo kommt man denn da hin. Es folgen viele weitere große Werke, Charlotte Brontës Jane Eyre zum Beispiel, während Marguerites großer Bruder mit Mark Twain und seinem Huck Finn von einem Floß im fernen Mississippi träumt.

All diese Texte, sie helfen. Besagter Bruder schenkt ihr zum Schulabschluss »eine in weiches Leder gebundene Ausgabe der Gedichte von Edgar Allan Poe«, für die er lange, lange gespart hat. Es sind Momente wie dieser, die zeigen: Es gibt Hoffnung, immer. Und wenn alles dramatisch den Bach runter zu gehen scheint, wenn alle Grausamkeiten er- und durchlebt sind, dann hilft vielleicht ein Blick in die Literatur, um das Leben wieder lebenswert zu machen. Was für eine schöne Vorstellung.

Und damit bin ich dem Team von 54Books sehr dankbar für ihre Idee zu diesem Lesekreis. Denn ohne den hätte es Maya Angelous Buch halt nicht hier ins Haus geschafft. Es wäre ein Verlust gewesen.