Was wir vom Reden über Literatur für den Alltag gebrauchen können

Es finden gerade die 42. Tage der deutschsprachigen Literatur statt. Während somit in Klagenfurt ausgiebig Texte um die Wette vorgelesen werden, überlegen wir doch mal kurz: Was hat die Literatur eigentlich mit der aktuellen politischen Lage zu tun?

Natürlich sehr viel mehr, als man erst einmal meinen mag. Denn Politik besteht zu einem erheblichen Teil aus Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Wenn wir uns jetzt die Einstellung angucken, mit welcher wir hektisch auf eben diese Politik gucken, wird das offensichtlich. Da ergötzen wir uns an den Ergüssen polemisch laut brüllender Randgruppenparteien und ärgern uns dabei grün und blau. Zum einen über eben diese Polemik eben dieser „Parteien“, zum anderen aber auch darüber, dass wir überhaupt so viel davon mitbekommen, uns so viel darüber aufregen und ihnen dadurch noch mehr Aufmerksamkeit schenken. Es ist eine Crux. Aber wir können ihr zumindest in recht wesentlichen Teilen entkommen. Zum Beispiel durch Literatur. Dafür müssen wir noch gar nicht mal so irre viel und komplexe Werke lesen. Manchmal reicht sogar schon ein Gespräch mit einem Autoren. Wie zum Beispiel jenes, das Wolfgang Tischer vom Literaturcafé mit Joachim Zelter geführt hat. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde plus weiteren 15 Minuten, in welchen Zelter aus seinem Buch »Im Feld« liest.

Sowohl im Buch als auch im Gespräch geht es vordergründig um das Radfahren. Aber eben nur vordergründig, es ist wirklich nur das Aushängeschild. Eigentlich geht es nämlich um Sprachkultur, es geht um ein gepflegt reflektierendes Verständnis des menschlichen Miteinanders, einen Blick darauf, was die Welt im Alltäglichen so umtreibt. Oder um es ganz konkret zu sagen: Während wir zum Beispiel in den diversen Social-Media-Kanälen im Diskurs über das Miteinander von Auto- und Fahrradfahrern ein graduelles Wettrüsten der jeweils mitgeführten Dash-Cams beobachten können, schafft Joachim Zelter es, über den natürlichen Konflikt der beiden Fahrenden mit einer angenehm konstruktiv-ironischen Distanz zu laborieren, die glatt Lust macht, sich sofort auf den Weg zu begeben; ganz egal, ob auf zwei oder vier Rädern.

Das Muster lässt sich auf recht viele Themen übertragen. Zur Justierung der ganz eigenen Wahrnehmung unseres aktuellen Wahns an (Intra-)Tages-Nachrichten ist dieses Gespräch wirklich sehr empfehlenswert. Auch nach den Tagen der deutschsprachigen Literatur noch, ganz klar.