Gelesen: Gute Tage von Roger Willemsen

Mit Roger Willemsen portraitiert hier ein starker Charakter andere starke Charaktere. Das ist sehr faszinierend zu beobachten. Es ist vor allem sein Blick, der dabei spannend bleibt; die Perspektive, die er einnimmt. Diese ist immer ein wenig distanziert und doch charmant ehrlich und nah dran am Gegenüber.

So haben es all jene schwer bei ihm, die sich selbst gern in den Vordergrund rücken oder gar dort stehen sehen. Ob Margaret Thatcher oder Madonna: Sie haben es nicht leicht. Für Vivienne Westwood sieht’s schon besser aus. Eben weil es (ihr) nicht um sie selbst geht, sondern um ihren Blick auf andere und natürlich die Wirkung von Mode auf Körper.

Überhaupt: Wirkung. Um diese geht es viel. Sie zieht sich ein wenig wie ein roter Faden durch das Buch. Yassir Arafat? Hat gewirkt. Der Dalai Lama? Eh klar. Sergej Krikaljew als russischer Kosmonaut wirkt, wenn auch dadurch, dass er genau das gar nicht möchte, dass er versucht, sich dem Gespräch zu entziehen.

Lieber als die besagte und sich anbiedernde Madonna ist dem Herrn Willemsen auch Jane Birkin, die Dame, welche in Serge Gainsboroughs »Je t’aime« lustvoll stöhnt, das jedoch ernsthafter und authentischer als die angebliche Ikone des Pop es auf der anderen Seite je vermochte.

Neben Pop und Politik schreckt Willemsen auch vor der Wirtschaft nicht zurück. Er reist sogar zu Kazuo Inamori nach Kyoto, um den offensichtlich erscheinenden Widerspruch zwischen einem erfolgreichen Wirtschaftsführer auf der einen Seite und einem buddhistisch reflektierenden Mönch auf der anderen Seite zu reflektieren.

In dieser Collage distanziert beobachtender und einordnender Portraits passt es letztlich sogar, dass ein kranker Orang-Utan den Auftakt macht. An ihm dürfen sich die darauf folgenden Menschen messen lassen. Und häufig scheitern sie. Was wiederum schlicht wundervoll ist. Wenn wir es im Alltag auch nur annähernd schaffen, so offen und interessiert auf die Menschen zu schauen, die Welt wäre eine so viel bessere und schönere.