Die Sache mit dem Plastik. Oder: Es ist kompliziert.

Es gibt Themen, die uns eigentlich fortwährend beschäftigen. Das sind oft keine Aufregerthemen, es sind nicht die großen Skandale, es sind keine viral gegangenen Kühe, die durch unser digitales Dorf getrieben werden und mit diesem Fernsehen haben sie oft auch nur wenig zu tun. Es sind einfach Themen des Alltags, derer man sich mal mehr, mal etwas weniger bewusst ist. Das Einkaufen von Plastik ist ein solches.

Vor kurzem kam Hamburgblogger Sven auf die Idee, das doch mal wieder zu hinterfragen und zu gucken, ob es nicht möglich ist, eine Woche lang das Zeug nicht mehr ins Haus zu holen. (Spoiler: Nein, ist es nicht.) Ein anderer Hamburger Online-Publizierer zog nach und experimentierte ebenfalls. Mit ähnlichem Ergebnis.

So konsequent sind wir hier nicht. Das ist hier schließlich ein bescheidener Haushalt. Wir arbeiten einfach mit dem, was wir eh schon haben. Marmelade zum Beispiel. Im Bild oben sehen wir zwei Exemplare dieser Gattung. Eines mit Aludeckel, eines mit Plastikdeckel. Ohne jetzt die Natürlichkeit von Aluminium beschwören zu wollen, liegt die Wahl auf der Hand, oder? Plastik ist pfui, also lassen wir die Dose mit dem Kunststoffdeckel hübsch im Regal stehen. Könnte man meinen. Stimmt aber nicht. Denn natürlich ist es komplizierter, als man erst einmal denkt.

Die Dosen haben nämlich nicht nur Deckel, sie sind auch beschriftet. Auf dem links stehenden Gefäß finden wir:

Made in Germany

Auf der rechten Seite hingegen findet sich folgender Kommentar:

Product of the Republic of South Africa

Unter der Annahme, dass in beiden Fällen die ursprünglichen Orangen nicht aus Bad Schwartau stammen, wird es jetzt interessant. Selbst, wenn die Sevilla-Orangen wohl eher nicht aus Südafrika eingeschifft werden, haben sie bis zu ihrer Verarbeitung ein solides Stück Weg hinter sich. Dieser Weg ist für fertig verarbeitete Orangen in Marmeladenform durchaus effizienter zu gestalten als für die Rohware.

Außerdem – und das ist durchaus erheblich in unserer Betrachtung möglichst korrekter und sinnstiftender Verhaltensweisen – ist es für ein Produkt durchaus wichtig, wo seine Wertschöpfung stattfindet. Lassen wir »die Länder im Süden« gerade mal das Obst von den Bäumen holen und erledigen alles weitere selbst, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Bruttosozialerträge in den Regionen erheblich voneinander abweichen. Um es mal ein wenig zurückhaltend zu formulieren.

Der Punkt für das insgesamt schlüssigere Bild der nachhaltig sinnhaften Produktgestaltung geht somit an die Marmelade rechts im Bild. Hier im Haus zumindest. Bei einer Betrachtung gemäß anderer höchsteigener Wertemaßstäbe mag das natürlich komplett anders aussehen. Eh klar.

Hilfreich ist an dieser Stelle vielleicht ein kleiner Exkurs mit einem Blick zurück in unser aller Schulzeit. In der Mathematik gibt es nämlich das Phänomen des lokalen Optimums. Hatte man eine brauchbare Mathelehrerin kennt man es möglicherweise aus dem Beispiel der Suche nach dem höchsten Berg der Welt: Man suche sich einfach den nächstbesten, klettere herauf, gucke sich um und wenn man einen höheren entdeckt, steige man auf diesen. Bei ausreichender Wiederholung meint man dann, den höchsten Berg gefunden zu haben. Und steht auf einem lokalen Optimum. So kann’s gehen.

Ähnlich verhält es sich auch mit unserer Marmelade hier. Nichts gegen jene mit dem Aludeckel, sie ist durchaus sehr lecker. Aber die mit dem Plastikdeckel schmeckt ebenfalls ganz toll und die Sache mit der lokalen Produktion eben dort, wo das Obst vom Baum fällt, wiegt tatsächlich schwerer als die Crux mit dem Kunststoff oben drauf.

Womit wir wieder mal feststellen: Es ist kompliziert, das Leben. Vor allem dann, wenn man im Alltag auch nur ein ganz klein wenig genauer hinschaut.