Neue Wege wagen. Oder: Zu Besuch bei einem Männerturnverein.

Ein recht charmantes Feature des örtlichen Marathons sind die von lokalen Vereinen organisierten Vorbereitungsläufe. So gibt es nicht erst beim eigentlichen Lauf im September die totale Ernüchterung, sondern man kann schon vorab feststellen, dass man eigentlich gar nicht fit genug ist, um überhaupt anzutreten. Das ist sehr großartig. Man hat dadurch schließlich deutlich mehr Gelegenheiten, larmoyant auf der Couch abzuhängen und am Sinn des Lebens zu zweifeln. Die Läufer unter uns wissen sicher, wie essentiell das in diesem Sport tatsächlich ist.

Diese Vorbereitungsläufe werden alljährlich nach einem recht eingängigen Muster abgespult: Es gibt vier Stück, organisiert werden sie immer von den gleichen Menschen und den Auftakt macht ein Verein direkt auf meiner üblichen Alltagslaufstrecke im Wald hier gleich nebenan. Das kann man somit ruhig mal ausprobieren. Da ist gar keine falsche Bescheidenheit angebracht. Es ist nur so, dass ich mich in den letzten Jahren nie so recht getraut habe. Der auftaktgebende Organisator ist nämlich der Männerturnverein.

Was es alles gibt. Männerturnverein. Da bekommt man Angst. Allein das Wort treibt einen gleich wieder aus dem Wald heraus. Das immerhin ganz schnell, was trainingstechnisch nicht unbedingt nachteilig ist. Aber so ist es ja nicht gedacht. Also: was soll’s? Versuch macht kluch. Und neben der falschen Bescheidenheit kann man auch ruhig die albernen Vorurteile ablegen. Und einfach mal machen. Es ging somit vor kurzem hin zum Verein, um mit den anderen gestandenen Männern ein paar lockere Runden durch den Wald zu traben.

Los ging es morgens um neun. Und der erste dieser anderen Männer saß erst einmal auf einer Bank und gähnte sportlich vor sich hin. Wach ist anders. Aber wer weiß, wass hier am Abend zuvor schon alles los war. Feiern können die Herren sicher auch. Da habe ich volles Verständnis. Zumal der zweite Mann glatt ein Bekannter war. Da haben wir beide aber überrascht geguckt. Ansonsten kennen wir uns von gemeinsamen Aktivitäten in der Schule des Nachwuchses. Jetzt standen wir uns in Laufshorts gegenüber. Verrückt, wie das Leben manchmal so spielt.

Der Rest der Anwesenden schien ganz normal zu sein. Läufer halt. Und auch auf der Strecke lief alles recht überraschungsarm ab. Unsereins war mal wieder deutlich weniger fit, als es eigentlich angebracht wäre. Andere erzählten fortwährend von großen Abenteuern auf den Laufstrecken dieser Welt. Wieder andere schienen froh, nicht ganz allein zu sein und so im Wald nicht vollkommen verloren zu gehen.

Alles in allem war das somit ein gelungener Tagesauftakt, eine brauchbare Trainingsrunde und die Bestätigung, dass auch Vereine mit skurrilen Namen eigentlich ganz okay sein können. Zumal auch Frauen anwesend waren. Es schien noch nicht einmal irgendjemand sonderlich überrascht deswegen zu sein.

In welch toleranten Zeiten wir doch leben.