Der Kaffee der Kinder

Routine ist eine mächtige Sache, vor allem im Familienleben. Wir hatten das hier gerade erst. Dabei ging es aber um die Abendgestaltung. Ganz ähnliche Gesetze gelten jedoch auch am Morgen.

So werden die Kinder morgens zum Beispiel recht verlässlich wach. Das ist ganz sicher eine der Nebenwirkungen des pünktlichen ins-Bett-Gehens, ganz klar. Aber das ist auch gar nicht weiter schlimm so. Sie können sich nämlich durchaus selbst beschäftigen. Sie wecken einen also nicht unnötig auf. Darum muss man sich schon kümmern. So gesehen passt das alles.

Interessant wird es nur, wenn man als Erwachsener erst einmal wach geworden ist. Interessant ist vor allem, wie dann die erste Begegnung mit dem Nachwuchs verläuft. Denn mal ganz ehrlich, wir kennen das ja alle: Vor dem ersten Kaffee am Morgen ist man meist noch gar nicht so richtig fit. Da geht noch nicht viel. Da sollte man von uns auch lieber nicht zu viel verlangen. Wer weiß, wie diplomatisch geschickt man da immer reagieren würde. Wenn die Kinder jetzt los stürmen und einen mit Aktivitäten überfallen, dann kann das schnell schief gehen. Da grunzt man sie schnell mal wortkarg an und schon ist die Stimmung des Tages vollkommen dahin.

Aber zum Glück läuft es anders. Denn erst einmal bekommen auch die Kinder kaum ein Wort heraus. Der junge Herr wird hier im Haus zwar meist als erster wach. Aber er braucht den Vorlauf auch. Er braucht die Zeit, um in Ruhe etwas zu Lesen, um kreativ gewagte Lego-Konstruktionen zu entwerfen oder um Schriftstücke zu verfassen, deren Sinn und Hintergründe es durchaus in sich haben. Stört man ihn bei einer dieser Aktivitäten, nur weil man zufällig gerade selbst wach geworden ist, schmeißt er einen still – aber deutlich – aus seinem Zimmer raus. Jeder Türsteher würde blaß vor Neid.

Die junge Dame kommt immerhin ins Bad. Das ist schon mal ein Schritt weiter. Man braucht sie nicht erst aus dem Kinderzimmer zu entführen. Aber sie ist nicht da, um viel zu reden. Sie ist auch nicht da, um sich von mir die Haare kämmen zu lassen. Aber die Zahnbürste reicht sie mir, wortlos zwar, aber doch mit offenem Mund vor mir sitzend. Da weiß man als Elternteil sofort, was man zu tun hat. Und macht das dann auch. Wortlos eben.

Bis alle beim Frühstück sitzen, sind somit wenig Worte gefallen. Oft kann man sie an zwei Händen abzählen, meist haben sie mit Bitten von mir zu tun, dass wir dann doch mal aktiv werden könnten.

Bis zum Frühstück, wie gesagt. Bei diesem ändert sich alles schlagartig. Denn nach der ersten Brötchenhälfte sprudeln die Worte auf einmal nur so aus den Kindern heraus. Auf einmal werden Pläne geschmiedet, Ansagen gemacht, klar verdeutlicht, warum die elterliche Tagesplanung vollkommen unsinnig ist und warum wir stattdessen viel lieber die ganze Zeit spannende Sachen spielen sollten. Auf einmal staunt man eben, wie quicklebendig die Kinder doch am Morgen wirklich sein können.

Nur gut, dass unsereins dann auch den ersten Kaffee des Tages intus hat. Und nur gut, dass die Kinder sich mit einer Brötchenhälfte wecken lassen und ich ihnen nicht auch bereits einen Kaffee machen muss.