Wir empören uns noch zu Tode

Die Zeiten, sie sind modern. So kennen die Kinder auch hier im Haus durchaus diese wohlbekannte Körperhaltung des aufrechten Rückens, kombiniert mit gesenktem Blick, meist gerichtet auf ein Smartphone, gelegentlich auch ein Stück Zeitung auf Papier. Und sie kennen den Blick nach oben, besser: nach vorn, wenn sie mit einem reden, man sich also miteinander unterhält. Wir sind hier vielseitig. Wir können quasi alles. Wir lesen nicht nur täglich das Internet leer. Wir texten zusätzlich auch die Umwelt voll. Da gibt es kein Erbarmen.

Durchaus recht passend zu dem Thema zitiere ich dazu bei allen möglichen Gelegenheiten gern Neil Postman. Mit seinem Standardwerk Wir amüsieren uns zu Tode hat er bereits 1985 das gezeigt, was uns heute mehr denn je umtreibt: Der Wahn zu immer schnelleren News, ständig neuen Themen, immer mehr ad-hoc-Empörung. Dabei sollte es bitte nicht zu kompliziert werden. Am besten ist es, wenn wir uns eine Meinung bilden können, noch bevor auch nur die Überschrift vollständig erfasst ist. Und nur, weil ich mich über das Empören empöre heißt das natürlich noch lange nicht, dass ich mich davon großartig frei sprechen könnte. Ich trage ein Smartphone mit mir herum, benutze dieses auch. Und die Sonntagslinks unterliegen dem Effekt durchaus ebenfalls. Immerhin gibt es sie nur einmal pro Woche. Zwischendurch belästige ich primär mein direktes Umfeld mit meiner glasklar durchdachten und tiefsinnig vorgetragenen Larmoyanz über den Zustand der Welt und was sie offenbar nicht mehr ganz richtig zusammenhält. Glücklich können sich jetzt all jene Leser schätzen, die nicht zusätzlich auch beispielsweise Kollegen von mir sind.

Das Phänomen ist auch sonst weitläufig bekannt, klar. Dabei weiß ich nicht, ob Postman so viel gelesen wird, wie es möglicherweise sinnig wäre. Aber zumindest gelegentlich stellt jemand ganz nüchtern die eigentlich ganz simplen Weisheiten fest, wie es Martin Oetting kürzlich getan hat:

Wenn man ständig den dauernden Debatten zum Rassismus in der Hosentasche erliegt, vergisst man vielleicht, dass es auch noch viele Leute gibt, die sich über andere Dinge Gedanken machen als darüber, wie man Immigranten aus Deutschland vergraulen kann.

So true. Schade ist nur, dass der Text drumherum mit … Twitter, Facebook und Gmail von meinem Smartphone gelöscht überschrieben ist. Aber irgendwas ist ja immer. Und natürlich löscht unsereins hier keine Apps vom Smartphone. Soweit kommt’s noch. Aber etwas Achtsamkeit im Umgang mit dem Teil schadet trotzdem nicht. Achtsamkeit liegt eh gerade voll im Trend, sie macht auch glücklicher als eine totale Enthaltung. Einleuchtend, oder? Vielleicht spätestens dann, wenn die auch sonst recht stilsichere brand eins sich einmischt. In dieser sagt Mercedes Lauenstein zum Beispiel:

Außerdem scheint es mir bedenklich, dass man sich zur gesunden Nutzung digitaler Angebote grundsätzlich dazu anhalten muss, sie eben genau NICHT so zu nutzen, wie sie gedacht sind. Das Smartphone also durch Radikaleinschränkung seiner Funktionen wieder zum Nokia 3310 zu machen.

– brand eins, Ausgabe 01/2016

Eben. Was kann das Gerät dafür, dass wir zu ungeschickt sind, es richtig zu benutzen? Machen wir es lieber wie die Kinder: In einem Moment spielen sie vertieft mit dem, was sie gerade umtreibt, im nächsten Moment unterhalten sie die Umwelt mit schöngeistigen Reflexionen über Gott und die Welt.

Eines muss man dabei aber tatsächlich nur sehr, sehr selten machen: sich empören. Stattdessen einfach mal eine Auszeit davon nehmen, eine Runde Empörungsfasten, sozusagen. Die nächste Kuh, die durch das (Online-) Dorf getrieben wird, einfach mal ziehen lassen; sie wird’s überleben.

Ich probiere das jetzt für den Rest des Monats einfach nochmal aus. Und berichte immer mal wieder vom Smartphone aus, wie es so läuft.