Zeitansage

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da hat mir jemand das Radiohören verdorben. Nein, es war niemand mit einem ganz furchtbaren Musikgeschmack. Das könnte man zwar ganz legitim annehmen, denn das meiste Gedudel, mit welchem man konfrontiert wird, falls man doch einmal ganz aus Versehen ein Radioempfangsgerät aktiviert, ist wirklich sehr unerträglich. Aber das war vor dieser langen Zeit gar nicht das große Problem. Das Drama lag vielmehr in einer ganz simplen Zeitansage. Denn so ein Sprecher-Experte im Radio hat tatsächlich gesagt:

»Es ist jetzt drei Minuten vor zehn nach halb.«

Ich habe ausgeschaltet, bevor es sieben Minuten bis viertel vor werden konnte. Und wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke, wie lange allein der obige Satz hängen geblieben ist, möchte ich lieber nicht erahnen, welche Folgeschäden es verursacht hätte, wenn ich nicht weggehört, sondern dieses gar unsägliche Geschwafel weiter auf meine Ohren einwirken lassen hätte. Sehr wahrscheinlich würde ich dann eher nicht in dieses Internet schreiben, sondern wohl vielmehr mit einem weißen Hemd und hinter dem Rücken verknoteten Armen in einer klinischen Umgebung irgendwo in der Ecke sitzen und leise wirres Zeug vor mich hin brabbeln. Das wäre sicher auch schön. Aber das mit dem Internet und dem Reinschreiben ist mir dann doch lieber.

Außerdem geht’s hier im Blog rein thematisch um die Kinder. Oft zumindest. Was könnte es schöneres geben? Eben.

Also höre ich ihnen zu. Das passt schon. Und es ist auf jeden Fall unterhaltsam, ganz egal, ob sie von dem Unfug erzählen, den sie in der Kita oder in der Schule treiben, von vergangenen sowie geplanten Mahlzeiten, von ihren Plänen für das Wochenende, die gemeinhin aus wir spielen die ganze Zeit durch und machen ansonsten vor allem gar nichts bestehen oder ob sie die dabei entstehenden Spielvariationen schildern, die sich dem Außenstehenden ohne Erklärung tatsächlich nicht erschließen. Es ist alles ein Quell der Freude, ein Fundus der Inspiration. Ich höre ihnen gern zu. Gelegentlich stelle ich sogar mal kleinere Nachfragen. Neulich zum Beispiel. Es war ein Tag, an dem der Sohn schon am frühen Nachmittag leicht müde wirkte. Der Tag war wohl schon lang. Wann er wohl aufgestanden sei, habe ich ihn gefragt.

»Um zwei Minuten vor viertel Sieben.«

Dem Sohn lasse ich das mal durchgehen. Mit dem Radiohören fange ich allerdings trotzdem nicht wieder an.