Aufs Eis gegangen

Wenn jemand erstmal Kinder hat, so kann er was erleben.

– alte Weisheit

So ging doch der Spruch, oder? Nun, selbst wenn nicht, dann ist dieser Versuch sicher nah dran. Denn machen wir uns mal nichts vor: Es stimmt ganz sicher, was da oben steht. Manchmal sogar viel mehr, als man das meist zugeben möchte.

So würde ich in meinem Leben zum Beispiel niemals Schlittschuh-Laufen. Was soll dieser Unfug auch? Ich habe wundervoll breite Füße, bin sehr froh über diese und stehe auch recht sicher auf ihnen. Sich bei dieser Ausgangslage auf schmale Kuven zu stellen und der Gefahr des peinlichen Umkippens hinzugeben: Es spricht nichts dafür. Gar nichts, überhaupt nichts, nada, niente. Außer den Kindern, versteht sich. Sie finden Schlittschuhe und das ganze Drumherum total super. Sie warten schon seit Wochen sehnsüchtig darauf, dass die lokale Eiszeit hier vor dem Südstaaten-Schloss eröffnet und wir dort gemeinsam adäquat abhängen können.

Das lief bisher immer so ab, dass die Familie auf dem Eis unterwegs war und ich lässig daneben stand und sinnfrei mittelmäßigen Glühwein in mich hineingeschüttet habe. Gegen mittelmäßigen Glühwein gibt es natürlich wenig zu sagen. Aber auf Dauer ist das trotzdem kein haltbarer Zustand. Soviel vertrage ich von dem Zeug nämlich gar nicht.

Also habe ich mich jetzt doch überzeugen und von der Tochter mit auf’s Eis ziehen lassen. Tja, was soll ich sagen? Hut ab vor allen, die sich einem solchen Schicksal nicht nur freiwillig, sondern auch noch mit einer scheinbar selbstverständlichen Eleganz hingeben. Es ist erstaunlich, wie verbreitet das schauspielerische Talent in unserer Gesellschaft doch ist. Denn mit natürlich nachvollziehbaren Bewegungsabläufen hat diese Zeremonie selbstverständlich gar nichts zu tun. Man steht tatsächlich auf wackelig dünnen Kuven auf glattem Eis, ganz ohne Halt unter den Füßen. Es ist immerhin eine erwartungsgemäße Angelegenheit. Das beruhigt mich doch sehr, vor allem in diesen Momenten der Kontemplation, in denen ich auf dem Eis stehe, in vollkommener Eleganz, wenn auch leider komplett bewegungsfrei. Ohne Halt kein Antrieb. Ich wackele mit den Füßen und es passiert: nichts, von einer latenten Destabilisierung meiner bisher noch aufrechten Haltung einmal abgesehen. Also warte ich auf Wind, denn Wind verleiht Antrieb. Weht Wind, bewege ich mich. Nicht zwingend vorwärts, aber nach etwas Übung habe ich das mit dem Umdrehen schon fast raus. Das passt also.

Irgendwann hänge ich trotzdem über der Reeling. Und komme nicht wieder von ihr weg. Denn der Wind dreht nicht so, wie es in diesem Moment eigentlich angemessen wäre. Ich stoße mich dezent mit einer Hand ab, um selbständige Bewegung vorzutäuschen. Es klappt nur bedingt, aber ich gucke immerhin ganz zuversichtlich. Immer schön die Contenance wahren, sage ich mir und mache gute Mine zum bösen Spiel. Was sollen schließlich die Kinder denken? Sie möchten ja nicht den Respekt vor mir verlieren. Der Sohn gleitet auch prompt elegant heran und fragt ganz freudig, ob ich auch gerade hingefallen sei, ich würde so betroffen gucken.

Es ist eine interessante Erfahrung. Und ich habe gehört, dass der Glühwein in diesem Jahr viel besser als sonst sein soll. Das werde ich mal verifizieren.