Damenwahl (3)

Das Leben als kleine Schwester ist sicher nicht immer leicht. Egal, was man macht, egal, was man anfasst, egal, was man gern einmal probieren möchte: Mit einiger Wahrscheinlichkeit hat der große Bruder es auch schon gemacht, gefasst, probiert. Und da er ein paar Jahre Vorsprung hat, klappt’s bei ihm wohl auch besser. Es muss frustrierend sein. Aber was auf den ersten Blick nur wie eine kleine Schwester wirken mag, ist in Wirklichkeit natürlich eine große Tochter. Und die Größe zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie sich eben nicht kleinkriegen lässt, dass sie sich nicht einschüchtern lässt und dass sie natürlich auch dann Sachen ausprobiert, wenn dieser andere Typ hier im Haus auch schon mal seine Finger mit drin hatte.

Papierflieger basteln, zum Beispiel. Der Bruder macht es vor. Die kleine Dame guckt ihm zu, gelegentlich nur, ganz beiläufig, so scheint es zumindest. Und sie legt los mit dem Falten. Physikalische Grundlagen kümmern sie dabei wenig. Das sind eher minder relevante Beschränkungen. Sie faltet, wie es halt passt, wie es ihr passt. Hauptsache ist, dass etwas dabei herauskommt. Hier entsteht ein Produkt, quasi aus dem Nichts.

Die Tochter wagt den Praxistest. Sie lässt den Flieger fliegen.

Er stürzt unmittelbar vor ihr zu Boden. Es erschüttert sie nicht. Der Test war in ihren Augen sogar ein großer Erfolg.

»Kann prima Loopings, der Flieger!« sagt sie und hebt ihn schnell auf, um es mir noch einmal zu zeigen.

Sie ist ein geborenes Verkaufstalent. Vielleicht lohnt es sich, sie mal mit Jan Essig bekannt zu machen. Der Bruder hat’s bisher noch nicht so weit gebracht.