Immer schön locker bleiben

Wenn man sich ein wenig Mühe gibt, kann man alles zelebrieren. Das geht wirklich. Und man muss sich gar nicht übermäßig anstrengen dafür. So ist es zum Beispiel eine elegante Idee, ein ganzes Jahr dem eher entspannten Laufen zu widmen. Für Eleganz dieser Art bin ich zu haben. Und natürlich rede ich mir das schön. Zum Beispiel damit, im Jahr davor sowohl fünfmal rund um Helgoland als auch vollkommen unsinnig durch ein Bergwerk gelaufen zu sein. Das lässt sich eh nicht toppen, mit meiner Kondition zumindest nicht. Also folgt ein Jahr der Tiefenentspannung. Vernünftig geplant, versteht sich.

So habe ich mich im Vorfeld von einem Freund des Hauses dazu verleiten lassen, den Olymp des Marathons endlich ernsthaft anzugehen. Wobei dieses ernsthaft natürlich ein ganz eigenes ist. Denn bei dem Olymp handelt es sich keineswegs um eine Strecke mit beeindruckendem Höhenprofil oder irren Wetterbedingungen. Das gibt’s auch alles, klar. Zwei Exemplare davon hatten wir im letzten Jahr. Siehe oben.

Nein, hier geht es um den Spaß auf Médoc in Südfrankreich. Dieser kombiniert die bekannten 42 Kilometer mit 22 Erfrischungsständen, welche von zum Teil recht hochkarätigen Weingütern betrieben werden. Und ausgeschenkt wird wohl nicht nur reiner Traubensaft.

Das klingt verlockend. Das klingt genau so, als ob es wundervoll zu einem Jahr des entspannten Laufens passt. Also hat der besagte Freund des Hauses den nötigen Schub gegeben und wir haben uns ordentlich registriert. Das schafft Verbindlichkeiten. So eine Entspannung möchte schließlich adäquat geplant und organisiert werden. Da dulden wir auch keinen Aufschub. Zehn Minuten nach Eröffnung der Registrierung waren auch die ersten Unterkünfte bereits ausgebucht. Danach wurden die Preise absurd. Aber: Entspannung gibt es nicht geschenkt. Also zack, Knopf gedrückt. Und gerade noch rechtzeitig kam das Kleingedruckte zum Vorschein. Dort steht gleich vorn ganz dick dran:

THE MEDOC HAS TO BE RACED FANCY DRESSED!

Oha. Und ich dachte, wir sähen immer gut aus. Zur Sicherheit habe ich jedoch direkt nach der Registrierung auch noch auf der Webseite des Anbieters das passenden Outfits auf den richtigen Knopf gedrückt. Das Ergebnis wurde dann in der Pfalz und in Wien schon mal probegelaufen. Passt.

Was nicht so sehr passt, ist der Entspannungspegel. Kaum aus Wien zurück, kam nämlich, was kommen musste. Oder besser: Es kam, was immer zu dieser Zeit kommt: Die Polle, die gemeine.

Das klingt jetzt vielleicht harmlos. Ich meine: Die Polle, also wirklich. Was für ein niedlich unscheinbares Ding. Was soll denn damit schon groß sein? Tja, was soll ich sagen? Ich bin ein Mann. Und wir Männer, wir machen nicht nur aus Mücken Elefanten, wir basteln aus kleinen Pollen auch große Dramen.

Ich schalte also den Leidensmodus an und den Laufmodus aus. Seit dem Spaziergang von Wien habe ich mein Körpergewicht um etwa 10% nach oben angepasst, meine Laufleistung um ein Vielfaches davon nach unten. Im Ergebnis ergibt das kein Gleichwicht, kein ausgeglichenes. Im Ergebnis ergibt das ein mittelgroßes Drama, ganz klar. Und wozu passt ein Drama überhaupt gar nicht? Korrekt: zu dem Plan, ein Jahr des entspannten Laufens zu absolvieren. Laufveranstaltungen, die mit ordentlichem Training, einer dem Anreiseweg entsprechend ausgefeilten Logistik und — auch das — respektablen Kosten aufwarten, passen dazu nicht wirklich; auch dann nicht, wenn sie vordergründig einen absolut tiefenentspannten Eindruck machen.

Also haben wir getan, was Männer tun müssen. Und im Ergebnis kam gerade die folgende Mail vom Médoc-Organisationsteam rein:

Dear,

I confirm to have done the credit on your card today

Die Anrede wirkt tatsächlich etwas verkrampft. Wie beruhigend. Ich hoffe nur, dass jetzt die Welt nicht untergeht. Man weiß ja nie. Immerhin stimmt es mich etwas zuversichtlich, dass auch lokale Helden und andere Berühmtheiten ihre aktuellen Laufpläne revidieren.

Ein Trost.