Ein neuer Level-Endgegner

Wenn wir gerade so schön am Laufen sind, nutzen wir den Schwung am besten gut aus. Wer weiß, wann wir wieder so fit durch’s Land ziehen. Gelegenheiten möchten genutzt werden. Passenderweise verweile ich für einen Moment in einem Hotel für Businesskasper. Es liegt idyllisch im Niemandsland, hübsch auf einem Berg. Drumherum gibt es wenig, nur viel Wald. Das ist für derlei Hotels sehr praktisch. Man kann sich dort treffen, um endlich mal wirklich in Ruhe über die hochwichtige Arbeit zu reden, ohne dass ständig jemand abgelenkt ins nahe gelegene Bureau oder die City zum Shoppen läuft.

Außerdem sorgt eine derart entspannte Umgebung natürlich für den hervorragenden Ausgleich, indem man einfach ein paar Runden entspannt durch den Wald spaziert. Eine charmante Dame an der Rezeption kann sogar zwei Laufstrecken empfehlen. Diese sind auch gar nicht schlimm. Eine ist dreieinhalb Kilometer lang, die andere viereinhalb. Das ist nicht viel, aber so sei’s. Man kann ja beide Runden laufen. Vielleicht sogar mehrfach. Einfach mal locker ein paar Waldwege dahintraben. Wie gesagt: Das entspannt. Das schafft Platz im Kopf für Businesskasperei. Das passt.

Ich habe einen Tag auch extra so geplant, dass etwa zwei bis drei Stunden für den lockeren Lauf durch die Natur passen. Der nächste Marathon kommt bestimmt, da ist ein wenig Grundlagenausdauer nicht verkehrt. Und ein freier Kopf für die anschließenden Treffen mit den Kollegen hilft auch. Alles super. Ich laufe los.

Und der erste Kilometer geht erst einmal nur bergauf. Das trifft mich ein wenig unerwartet. Laufstrecken rund um Hotels dieser Art sind für gewöhnlich sehr entspannte Angelegenheiten. Sie sollen niemanden überfordern, es soll jeder mit einem guten Gefühl wieder zurück kommen. Wäre es hier anders, hätte die Dame an der Rezeption das sicher erwähnt. Die Entspannung kommt bestimmt gleich. Dort, hinter der nächsten Kurve.

Und es stimmt: Der Anstieg ist vorbei.

Dafür geht es auf einmal flott bergab. Und zwar richtig bergab. Das Gefälle ist steil, der Untergrund lose. Für einen Blick zurück fehlt die Muße. Ich stolpere mehr oder weniger kontrolliert den Hang hinab.

Zum Ausgleich geht’s kurz darauf wieder bergauf. Gerade Strecken scheint’s hier nicht zu geben. Stattdessen kommt eine Weggabelung, an der ein Pfad geschätzte 60 Grad Steigung bietet, der andere um die 40. Richtig ist immerhin der letztere, das gilt hier wohl quasi schon als ebenerdig.

Irgendwo in diesem Durcheinander verlaufe ich mich natürlich auch. Das passiert sogar im heimischen Wald gelegentlich. Warum also nicht auch in der Ferne? Irgendwann kreuze ich die ausgeschilderten Laufrouten jedoch wieder. Es ist ein Moment des Durchatmens. Dass es den in diesem Wald noch geben wird, ich habe schon daran gezweifelt.

Wenn ich die kleinen Schilder an den Bäumen richtig deute, habe ich beide Strecken kennengelernt. Nach etwa neunzig Minuten, also zur Halbzeit, taucht sogar das Hotel plötzlich wieder auf. Es wirkt trotz seiner nüchternen Erscheinung für einen kurzen Moment wie ein Märchenschloss. Mein persönliches Märchenschloss. Ich kann nicht widerstehen, ich will da jetzt hin. Nur knapp vermeide ich es, den letzten Abstieg einfach herunter zu rollen. Mein Drang zur Wahrung von wenigstens etwas Restwürde hält mich auf den Beinen. Neu startende Läufer kommen mir entgegen. Sie wirken frisch, sie scheinen ausgeruht, sie ahnen nicht, welches Waldwegungeheuer vor ihnen liegt. Ich starre sie nur ungläubig ab, nicke dezent zum Gruß.

An der Rezeption vorbei stolpernd fehlt mir jetzt auch die Kraft, der entspannt strahlenden Rezeptionistin gehörig entgegen zu brüllen, welch feine Details sie mir beim Empfehlen der zwei kleinen, netten Laufrunden verschwiegen hat. Ich lege mir jedoch ein paar ausdrucksstarke Formulierungen im Kopf zurecht. Ich werde sie später vortragen, frisch geduscht, ausgeruht und voller Elan. Und ich bilde mir bestimmt nur ein, dass sie dezent ihrer Kollegen zunickt. Leicht süffisant wirkt das Lächeln, das dabei kurz aufblitzt. Und ganz bestimmt macht sie auch keine Kerbe in den Rezeptionstresen für ein weiteres Opfer, das sie gefunden hat.

Später ist die fragliche Dame leider nicht mehr aufzutreiben. Sie hat wohl einfach Feierabend gemacht, drückt sich vor der Konfrontation. Oder sie läuft gerade mit viel Routine und ganz entspannt zwei lockere Waldrunden entlang. Diese sind ja nicht so lang. Diese sind ja gar nicht schlimm.

Nur für meine kleine Laufkarriere habe ich einen neuen Level-Endgegner gefunden, in einem einsamen Wald, irgendwo im Nichts, getarnt als harmlos wirkende Waldwege. Und eines steht auf jeden Fall fest: Mich selbst überschätzen, das kann ich. Businesskasper halt.