Vom Generationenwechsel bei der Küsschenwache

Wir waren zum Jahreswechsel an der Ostsee. Es ist ein ruhiger Ort zur Kontemplation und Besinnung; somit hervorragend geeignet, um das alte Jahr Revue passieren zu lassen und das neue Jahr angemessen gedenkvoll einzuleiten.

Gleichzeitig ist es ein Ort, um Traditionen zu pflegen. So werfen wir einen Blick über die Mole, betrachten die vorbeiziehenden Boote und erzählen uns alte Geschichten. Es sind die gleichen Geschichten, wie jedes Mal, wenn wir dort sind. Es hat sich eine Routine entwickelt. Es sind Muster, auf die Verlass ist. Wie gesagt: Wir pflegen Traditionen.

Nur eines klappt nicht mehr mit der gewohnten Umbeschwertheit: die wilde Knutscherei beim Vorbeiziehen der Küsschenwache. Der Sohn des Hauses geht jetzt schließlich in die Schule, er kann jetzt Lesen, er lässt sich da nichts mehr vormachen. Fehler beim Buchstabieren der Bootsbeschriftungen korrigiert er eiskalt. Oder zumindest je nach Laune. Denn er hat durchaus Spaß an dem Spiel, so ist’s ja nicht. So weiß man beim Vorbeiziehen der Boote meistens nicht: kommt der Sohn und wird geknutscht oder kommt der Sohn, um eine Lektion in korrekter Lesart von Bootsbeschriftungen zu erteilen?

Wir beobachten jedoch auch: Lehnt der Sohn etwas ab, wird’s auf einmal für seine Schwester interessant. Bisher eine konsequente Verweigerin des Küssens auf Kommando, erkennt sie plötzlich den Charme dieser Momente. Wenn der Sohn das Spiel für einen Moment mal total uninteressant finden sollte – und nur dann – ist es spontan die Lieblingsbeschäftigung der Tochter, laut Küsschenwache! zu brüllen, eilig die Eltern zu suchen und jeden mit zarten Küsschen zu überhäufen.

Ich beschwere mich nicht. Und falls sich jemand fragt, warum manche Familien nicht nur eines, sondern gleich mehrere Kinder haben, dem sei hiermit verraten: es dient dem Bewahren von Traditionen. Ganz einfach.