Der kleine Weltfrieden

Was macht man eigentlich als moderne Familie, wenn auf einmal ein Stapel Feiertage ansteht? Im normalen Alltag haben alle tagsüber etwas Gelegenheit, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen, um des Abends in trauter Gemeinsamkeit dem Familiensinn zu frönen. Die eine ist in der Kita, der nächste geht in die Schule, die Eltern spielen jeweils im Büro. Das inspiriert, das regt an und selbst das gelegentliche Agressionspotenzial lässt sich an diesen Orten recht brauchbar ventilieren. Zu Hause braucht das schließlich niemand. Besser, dass lässt sich außer Haus kompensieren.

Und dann ist plötzlich Weihnachten. Es kommt so überraschend wie in jedem Jahr. Auf einmal sitzen alle den ganzen Tag zu Hause. Schule? Geschlossen. Büro? Auch. Kita? In logischer Konsequenz ebenfalls.

Wer schlau ist, plant voraus. Und lädt sich für die Feiertage einen Hund nach Hause ein. Am besten einen jungen, der noch fit ist. Ruckzuck, gibt’s genug Anlässe für die eine oder andere Gassirunde mit dem Gast des Hauses. Mal geht der eine, mal die andere. Mal geht’s gemütlich um den Block, mal geht’s auf die Laufstrecke durch den Wald. So gibt es nicht nur Gelegenheit, zwischen den Mahlzeiten immer mal etwas frische Luft zu schnappen. So lässt sich auch etwas Alltag simulieren und sowohl Inspiration als auch Anregung sammeln sowie angestaute Energie in geordnete Bahnen lenken. Oder anderes formuliert:

Wer jedoch denkt, dass man zum Beispiel am späten Feiertagsvormittag mehr oder weniger allein im Wald ist und dort seine Ruhe hat, täuscht sich gewaltig. Ja, man kann sich statt dessen sogar zur Aussage hinreißen lassen, dass es zu einer solchen Gelegenheit respektabel voll dort ist und die Leute quasi zur Erholung anstehen. Man trifft sowohl andere Gassigänger – mit übrigens ganz unterschiedlichem Entspannungspegel – man trifft aber auch andere Waldläufer, sie sind jeweils ganz allein unterwegs und drehen ihre Runden, es überrascht letztlich wenig, dass man einige von ihnen unterwegs mehrmals zu sehen bekommt. Es ist ein Anblick, den es in diesem Wald in dieser Form sonst wirklich selten gibt. Die Gegend ist wahrlich groß genug, der Wege gibt es auch recht viele. Man könnte sagen, die Läufer verlaufen sich. Wer es mit Kalauern nicht so hat, spricht wohl lieber von einer harmonischen Gleichverteilung. So hat jeder sein kleines Revier für sich. Man trifft nur selten andere Mitstreiter. Man tritt sich nicht gegenseitig auf den Füßen herum. Das ist sehr angenehm. Genau dafür sucht man schließlich den Weg in den Wald. Das passt schon so.

Nur hier und heute nicht. Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres wurde der Wald zum Läuferhighway. Die Gassen waren dicht. Gerade noch so flossen die Massen dahin. Es hätte nicht viel mehr bedurft und wir hätten einen Stau erlebt. Das wäre dann doch zu viel des Alltags. So war das mit den Vorzügen dessen nun auch wieder nicht gemeint.

Und während man so läuft, mit der Leine in der Hand, immer bedacht, den anderen sorgfältig auszuweichen, macht man sich so seine Gedanken. Führen all diese Leute hier gerade ihre Festtagsbraten spazieren oder schaffen mit einer kleinen Sporteinlage gerade Platz für den nächsten Nachtisch? Oder laufen sie wegen eines schlechten Gewissens? Wird es für diese Massen gar keine nächste Feiertagsmahlzeit mehr geben, weil alle Vorräte schon vertilgt sind und jetzt laufen sie, um wenigstens den zum Frühstück gelehrten Bunten Teller zu verdrängen? Um zu zeigen, dass das bestimmt nie wieder vorkommt? Sind es also Läufer aus guten Vorsätzen? Meine Güte, was soll denn das erst zum Jahresanfang werden? Absolvieren dann alle einen Triathlon schon am 1. Januar? Nicht auszumalen.

Vielleicht schnappen sie aber auch einfach nur kurz frische Luft. Vielleicht möchten sie alle nur ihren Kopf einmal kalt von der Waldluft durchpusten lassen. Um dann ruhig, ausgeglichen und harmonisch ins traute Heim zurück zu kehren und gelassen den Rest der Feierlichkeiten zu absolvieren.

Es wäre irgendwie die schönere Alternative.