Die wahren Probleme beim Vorlesen

Die Kinder, sie werden immer größer. Das muss wohl so sein. Man kann auch gar nicht viel dagegen tun. Muss man auch nicht. Stattdessen freut man sich als moderner Mann von heute über die unterschiedlichen Phasen, die der Nachwuchs dabei so durchmacht. Das ist durchaus ernst gemeint, denn entgegen manch landläufiger Meinung bestehen diese Phasen keineswegs nur aus unterschiedlichen Ausprägungen des nächtlichen Aufwachens und Störens des wohlverdienten elterlichen Schlafes. Ganz im Gegenteil, aber darum geht es heute gar nicht.

Heute geht es darum, dass die Rituale, welche noch vor dem Schlafen tagtäglich abgespult werden, eine gewisse Entwicklung durchmachen. So passiert es zum Beispiel, dass sich die Kinder allein ins Bett bringen. Aber selbst dann bestehen sie darauf, dass wir vorher eines machen: Bücher vorlesen. Und was soll ich sagen? Spätestens seit dem Räuber Hotzenplotz ist das ein großer Spaß. Auch für die Vorlesenden. Die repetitive Monotonie der Bilderbuchexplorationen ist selbst bei ausreichend großer Auswahl eben dieser stellenweise recht schwer zu ertragen. Ich gebe das hier jetzt einmal ganz schamlos zu. Man macht es natürlich trotzdem, man macht es auch gern. Es ist verrückt, wozu Kinder einen alles treiben.

Aber mit den Geschichten, die erst durch den Text zwischen den immer seltener werdenden Bildern gewinnen, wird es einfacher. Da liest man mit Begeisterung. Da fiebert man zusammen mit dem Nachwuchs dem nächsten Tag entgegen, wenn die Geschichte endlich weiter geht. Denn es ist durchaus spannend, wenn zum Beispiel besagter Räuber Hotzenplotz sich wieder einen gemeinen Hinterhalt überlegt und es noch nicht ganz klar ist, ob er damit durchkommt oder am Ende doch geschnappt wird. Das möchte man wissen. So offen kann eine solche Frage nicht im Raum stehen bleiben. Nur gut, dass am nächsten Abend die Kinder wieder ins Bett gehen. Nur gut, dass wir am nächsten Abend wieder weiter vorlesen. Nur gut, dass dann die Auflösung kommt.

Wenn nicht am nächsten Abend die andere Erziehungsberechtigte im Haus mit dem Vorlesen beim Sohn dran ist. Dann hat man Pech. Dann sitzt übermorgen der eben noch quietschvergnügt neue Pläne schmiedende Räuber im Gefängnis und man fragt sich, wie er dort hingekommen ist. Und je nach Lust, Laune und Vorlesewünschen der Kinder ist er übermorgen schon wieder draußen und man selbst steht vollkommen verwirrt daneben.

Und es wird nicht besser. Mit weiteren Büchern und mit länger werdenden Geschichten wird die Lage sogar noch dramatischer. Nehmen wir zum Beispiel Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer. Das ist nämlich auch ein ganz wundervolles Buch. Es ist voll mit traumhaften Ideen, was die beiden zusammen mit Emma, der Lokomotive, alles erleben.

So sind sie zum Beispiel auf einer fernen Insel unterwegs. Wie sie dort hingekommen sind, wissen wir nicht. Das hat die Dame des Hauses vorgelesen. Aber jetzt sind sie auf dem Weg in die Drachenstadt. Eine Prinzessin wird vermisst und möchte befreit werden. Das verspricht Abenteuer. Das wird spannend. Schon der Weg steckt voller Tücken. Schluchten werden durch Echos zerstört, Riesen sind in Wahrheit ganz klein, Wege verschwinden scheinbar im Nichts. Es kitzelt beim Lesen die Nerven. Man hebt die Stimme, man senkt sie, man taucht richtig tief ein. Der Sohn bekommt seinen Mund vor Staunen auch nicht mehr zu. Und mitten in all den Abenteuern legt man trotzdem eine Pause ein. Morgen ist schließlich auch wieder ein Tag. Morgen gehen die Kinder auch wieder ins Bett. Morgen lesen wir auch wieder vor. Jedem Kind sein Buch, gar keine Frage.

Doch man ahnt, was passiert. Kaum bringe ich am nächsten Tag die Tochter ins Bett, gibt es am übernächsten nicht etwa weitere Abenteuer auf dem Weg in die Drachenstadt zu bestaunen. Oh nein. Beim nächsten Vorlesen sind die Helden schon mitten drin in der Drachenstadt und kämpfen gegen das Endmonster.

So geht doch das nicht. Da hat sich tatsächlich schon wieder jemand zwischendurch ein Kapitel fremdvorlesen lassen. Das ist doch nicht auszuhalten.

Ich glaube, ich muss ab jetzt dem Sohn seine Bücher abends heimlich aus dem Zimmer holen und die fehlenden Kapitel mit der Taschenlampe unter der Bettdecke nachlesen.