Jedem ihr seine eigene Realität

Wir sind jetzt schon zwei Wochen Weltmeister und das Drama nimmt trotzdem kein Ende. Die Normalität ist noch nicht vollkommen wieder hergestellt. Der Sohn hat beispielsweise seine zwischenzeitliche Begeisterung für den Ballsport noch nicht wieder abgelegt. Ich verstehe das gar nicht, sondern habe ernsthaft damit gerechnet, dass das Thema ruckzuck wieder durch ist. So kann man sich irren.

So erzählt der Sohn quasi täglich abenteuerliche Geschichten davon, wie er mit seinen Kumpels im Kindergarten wieder um die Wette kickte, wer dabei am schnellsten war, wer wann und aus welchem Grund für wie lange den Ball hatte. Es ist faszinierend. Facetten tun sich auf, ich hatte keine Vorstellungen.

Die hat der Sohn übrigens auch nicht. So kann er sich zum Beispiel nicht vorstellen, wie ich mich der Faszination seiner neuen Nebenbeileidenschaft entziehen kann. Das sei doch alles ganz toll. Ich könne das jeden Morgen gut sehen, wenn er darauf besteht, dass er selbst nur noch sein Fußball-T-Shirt für den Gang zur Kita anzieht. Leider hat er nur eines. Sollte das tatsächlich einmal gewaschen werden müssen, besteht er auf andere weiße Ware. Er ist da kompromissarm. Es ist erschütternd. Und es muss bei mir doch ganz ähnlich sein, denkt er sich. Wir sind schließlich Weltmeister.

Aber ich bin immun. Ich besitze zum Beispiel gar kein Fußball-T-Shirt. Wozu auch? Im Büro trägt man schließlich ein Hemd. Das ist zwar meist auch weiß, aber trotzdem ungefährlich. Das dachte ich bisher zumindest. Bis mich der Sohn eines Abends beim Zähneputzen im Bad aufklärt und erfreut feststellt, dass ich ja auch ein Fußballshirt trage. Ich gucke wohl irritiert. Woraufhin er eingesteht, dass die Arme vielleicht nicht ganz stimmen. Sie sind doch etwas arg lang. Und der Kragen, gut, der gehört dort eigentlich auch nicht hin. Ebenso fehle mir natürlich ein Aufdruck mit Logo vorn und großer Zahl hinten. Und dass ich statt dessen diese Knöpfe von dran habe, sei recht unsinnig. Aber von all diesen kleinen, unwichtigen Details einmal abgesehen, stellt er fest, dass ich endlich zu Verstand gekommen bin und auch ein Fußballshirt trage.

Die Realität, sie ist nicht immer das, wofür wir sie halten. Weltmeister sind wir trotzdem noch. Glaube ich.