Die bewusste Langsamkeit ist ein knallhartes Geschäft

Ein Trend geht um. Es ist der Trend des bewussten Handelns. Wir machen nicht einfach nur ruck zuck das, was gerade ansteht und sind froh, wenn es halbwegs geschafft ist, damit wir uns dem nächsten Drama widmen können. Nein, wer heute hipp sein möchte, erledigt die Dinge in Ruhe und mit der ihnen angemessenen Aufmerksamkeit. Dem bewussten Handeln geht das bewusste Denken voraus. Zur bewussten Erkenntnis führt es. Selbst wenn wir schwadronieren, sprechen wir lieber von der bewussten Rede. Einige meditieren auch grundsätzlich erst einmal, bevor sie irgendeinen Handschlag tun. Sicher ist schließlich sicher. Geschenkt gibt’s hier nichts. Die bewusste Langsamkeit ist ein knallhartes Geschäft.

Dabei könnte es alles so einfach sein. Mir müssten uns nur auf unsere ursprünglichen Fähigkeiten besinnen. Die Eltern unter uns kennen diese stetig wiederkehrende Situation sicherlich: Die Kinder sollen sich anziehen. Man selbst steht schließlich unter Druck, man möchte morgens zur Arbeit oder abends den Nachwuchs ins Bett bekommen. Und was macht dieser? Nichts! Augenscheinlich zumindest. Sitzt einfach nur herum. Liegt vielleicht. Möglicherweise ist er halb nackt, er sollte sich schließlich umziehen. Daraus ist aber irgendwie nichts geworden. Nach einem gefühlten Atemzug ist ganz plötzlich und vollkommen überraschend eine halbe Stunde vergangen. Wir Eltern werden immer unruhiger. Wo soll das nur hinführen? Man stelle sich vor, es bleibt dabei. Ein Volk der Nichtstuer wächst hier heran. Und so wollen sie unseren dekadenten Ruhestand finanzieren? Das wird doch nie etwas. Alle Sorgen sind sehr berechtigt. Wehret den Anfängen!

Um das Übel bei der Wurzel zu packen, frage ich einfach mal nach. Genau bei jenem Experten, der es wissen muss: beim Sohn. Was er da eigentlich mache, wenn er einfach nur herumliegt und lieber die Decke anstarrt als meinen klaren Anweisungen zu folgen, frage ich ihn. Er reagiert erst einmal nicht. Er starrt noch ein wenig. Dann dreht er langsam den Kopf zu mir, guckt mich an und sagt: “Papa, ich denke!”

So schlecht scheint’s um unsere Zukunft dann doch nicht bestellt zu sein. Entweder liegt sie mit ihrem Verhalten voll im Trend oder geht gerade wohlbedacht den Weltfrieden an. Welch ein Trost.