Verwirrt

Es sind verwirrende Zeiten. So kommt der Sohn zum Beispiel von der Kita nach Hause und ist knallbunt angemalt. Er hat dicke Farbstreifen im Gesicht. Drei Stück. Direkt parallel nebeneinander. Ich ahne Böses. Die Kollegen haben kürzlich etwas erwähnt. Es ging um irgendsoein sportliches Großereignis, angeblich wohl in einer Ballsportart. Ich habe jedoch nur halb hingehört, war wohl gerade mit meinem Eis beschäftigt. Aber ich drifte ab. Im Moment ist erst einmal der Sohn bunt angemalt. Wir sitzen beide am Tisch, gucken uns an und in meinem Kopf wirbelt es gerade das ganze Abendabschlussprocedere durcheinander. Was weiß ich denn vom Abschminken? Es ist nicht viel. Es ist ein Tag für die Badewanne, soviel ist spontan schon mal klar. Soll der junge Herr doch zusehen, wie er diese Malerei aus dem Gesicht bekommt.

Was soll das eigentlich? Warum müssen sie schon unschuldige Kinder in den Strom des organisierten Entertainments herein ziehen? Kinder, die sich nicht wehren können. Hier werden sie vor den Karren der kollektiven Massenbegeisterung gespannt. Als ginge es im Leben darum, Spaß zu haben! Ähh, nun ja. Bei Gelegenheit lasse ich mir viellicht doch mal die Spielregeln erklären. Vielleicht springt der Funken ja noch über.

Jetzt frage ich erst einmal den Sohn, zu welchem Land die Farben in seinem Gesicht gehören. Ich möchte an seiner Begeisterung teilhaben. Geteilter Spaß ist schließlich doppelter Spaß. Die Streifen sind weiß, rot und grün. Nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Ich verdränge so etwas umgehend. Es fehlt einfach die Übung. Man frage mich nach einer Flagge und ich gebe spontan und souverän komplett absurde Antworten. Das ist normal. Das muss hier so. Ich habe schon mal versucht, durch Lernen bunter Flaggenbildchen daran etwas zu ändern. Es hat nichts gebracht. Dabei wäre es so praktisch. Jetzt zum Beispiel.

Der Sohn klärt mich jedoch umgehend auf. Nur gut, dass ich ihn habe. Er ist meine Rettung.

Es sind die Farben eines Indianers. Es sind auf keinen Fall die Farben irgendeines Landes. Das wäre ja wohl eine vollkommen sinnfreie Frage von mir. Denn, auch darüber klärt der Sohn mich umgehend und ungefragt auf, die Fußball-WM läuft noch gar nicht. Sie kommt erst noch.

Wie gesagt: Es sind verwirrende Zeiten.