Aus dem Regal: Eheroman von Katrin Seddig

Eines gleich vorweg: Dieses Buch ist kein Beziehungsratgeber. Ganz im Gegenteil. Es ist ein Drama. Ein Alltagsdrama. Mit einem unmöglichen Titel.

In der Geschichte geht es um Ava, welche sich schon in jugendlichem Alter an einen Mann bindet. Über 25 Jahre begleitet diese Erzählung die beiden. Dabei passiert mit ihnen erstaunlich wenig. Man kann aber trotzdem darüber reden. Man fühlt beim Lesen unweigerlich wieder eine alte Binsenweisheit bestätigt: Das Leben schreibt viele Geschichten. Man muss sie nur sehen und aufheben.

Die Aktionslosigkeit in dieser Geschichte ist jedoch bemerkenswert. Wenn sich Ava als Hauptdarstellerin über die 400 Seiten hinweg überhaupt entwickelt, dann vor allem in die falsche Richtung. Während sie anfänglich noch eine charmant widerstandsfreudige Trotzhaltung hat, wird sie graduell zu einer immer braveren Alltagsmutti, welche ständig kurz davor steht, in kitschige Klischees zu verfallen. Stellenweise werden diese auch schon angedeutet. Immerhin so überzeichnet, dass man die Distanz der Erzählerin zum Kitsch zumindest erahnt. Anders wäre das nicht zu ertragen.

Es ist doch wahr. Am Anfang steht eine selbstbewusste junge Frau, die sich gegen den schlauen Rat aller den jüngeren Mann greift. Danilo heißt er. Und quasi ein Kind ist er da noch. Aber sie zieht das durch. Da bekommt man Respekt. Und dann? Dann ist sie für ein paar hundert Seiten einfach nur Danilo verfallen. Danilo hier, Danilo da, Danilo dort. Danilo ist schlau, Danilo studiert, Danilo hat tolle Freunde, Danilo ist in seiner Weltanschauung von der Wertschätzung anderer Leute komplett unabhängig. So toll!

Man möchte sie schütteln. Erst möchte man Danilo schütteln. Dann möchte man Ava schütteln. Am liebsten aber möchte man sie beide schütteln und dabei laut “Aufwachen!” brüllen.

Aber sie tun es nicht. Sie wachen nicht auf. Selbst Seitensprünge helfen Ava nicht aus ihrer Lethargie heraus. Selbst Jobwechsel nicht. Oder überhaupt das Arbeiten als solches, nachdem sie zwei Kinder bekommen hat und vollkommen natürlich erst einmal für gefühlte Äonen in Elternzeit gegangen ist. All das passiert tatsächlich. Überhaupt passieren viele erstaunliche Sachen rund um Ava herum. Aber entweder interessiert es sie gar nicht oder sie bekommt es einfach nicht mehr mit. Es ist total verrückt.

Und es ist wundervoll erzählt. Das ist so faszinierend an diesem Buch: Die Autorin schafft es, eine tatsächlich langweilige Protagonistin durch eine reichlich unaufgeregte Geschichte zu führen, ohne dass es einem beim Lesen langweilig wird. Es gibt ganz fabelhafte Detailbeschreibungen zu lauter Nebensächlichkeiten, die manchmal wieder aufgegriffen werden, manchmal aber auch einfach nur die Stimmung anreichern. Die vermeidlichen Nebendarsteller sind ganz faszinierend detailversessen beschrieben. Da ist für quasi jeden Emotionaltypus etwas dabei. Man muss bestimmt nicht lange suchen, um seinen persönlichen Liebling zu finden. Das zieht einen rein ins Buch. Und die restlichen Details ziehen einen rein ins Buch. Und die Sätze ziehen einen rein ins Buch. Die Sprache ist so herrlich leicht und elegant.

Es ist eine Freude. Bei aller Dramatik.