Feedback

Der Sohn kommt dieses Jahr in die Schule. Wir hatten das ja schon mal. Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren. Unser Vorschüler verlangt sich selbst wirklich alles ab. Es ist erstaunlich. Und er nimmt die Herausforderungen kreativ an.

So hat er mich gestern Morgen aus dem Bett geholt, um mir sein neuestes Konstrukt zu präsentieren: eine Feedbackmatrix. Daran hat er eine Weile gearbeitet. Wer wirklich erfolgreich sein möchte im Leben, muss früh aufstehen. Das gibt es hier im Haus als Lektion quasi en passant gratis mit dazu.

Und so funktioniert das gute Stück: Es gibt eine Tabelle – wir nennen sie: “Die Matrix” – mit jeweils einer Spalte für jedes Familienmitglied. Die Zeilen sind jeweils für die Tage da. Und für eben jeden solchen bekommt jeder hier eine Note zur Bewertung. Wie in der Schule. Die Benotung ist brutal ehrlich, vollkommen neutral und wird in ihrer vollendeten Objektivität vom Sohn vergeben. Die Skala umfasst dabei drei Noten. So sehen sie aus:

Feedback: grün

Das ist Grün. Das bekommt man, wenn man mal so richtig die Sau rausgelassen hat, die Freundlichkeitssau. Wenn alles harmonisch verlief, wenn man niemandem vermöbelt hat, wenn man niemandem die riesigen Legokonstruktionen kaputt gemacht hat, wenn man niemandem das Ohr blutig gebrüllt hat, wenn man quasi den ganzen Tag nur den anderen kuschelnd im Arm lag, dann bekommt man einen grünen Smiley.

Feedback: gelb

Das ist Gelb. Hier hat der Tag ein paar Kratzer am Lack. Kann ja mal passieren. Es läuft schließlich nicht immer alles nach Plan. Ich nehme an, dass ich z.B. so etwas bekomme, wenn ich wieder den Joghurtbecherdeckel einfach so ablecke anstatt mir anständig einen Löffel dafür zu holen.

Feedback: rot

Das ist Rot. Der Tag war wohl nichts. Kann ja mal passieren. Als moderner Mann von heute verstehe ich, dass der Sohn die Großartigkeit meines Handelns nicht immer gleich vollumfänglich erfasst. Da kann’s also auch für mich schon mal einen roten Smiley geben, Frowny heißt das dann wohl. Und es kann zum Beispiel dadurch passieren, dass ich den Kindern gegenüber einmal zu oft vom Müssen rede anstatt liebevoll um das Wohlwollen zu bitten und auch eine Absage generös zu akzeptieren.

Man sieht also: Feedback ist keine Einbahnstraße. Im Bewertungssystem des Sohnes greift nicht einfach das klassische Schulmuster, bei dem nur die Schüler die Noten bekommen, die Lehrer aber eher nicht. So ein Feedback ist für alle da. Uns stehen kritische Zeiten bevor.

Theoretisch zumindest.

Wie sieht das Ganze denn in der Praxis aus? Nun, heute ist Tag zwei des Entwicklungsprogramms. Und prompt war die Benotung für den Sohn wirklich nicht einfach. Gestern war die gesamte Familie schließlich auf einem Wandertag. Das war zwar großartig, aber wer die Südstaaten kennt, weiß: Das ist nicht einfach nur ein Spaziergang. Da geht’s über Stock und Stein, da geht’s bergauf und auch wieder bergab. Und das wiederholt sich so lange, bis wirklich alle komplett erschöpft sind. K.O. Breit. Da geht nichts mehr. Das wirkt auch am nächsten Tag noch nach. Heute also. Am Tag der Regeneration gibt’s das folgende Bild:

feedback_ergebnis

Die zweite Zeile zählt. Wir sehen: viermal grün mit jeweils einem roten Strich. Ich habe den Sohn nach der Bedeutung gefragt und übersetze es mal: Es haben sich alle sichtbar Mühe gegeben, aber ausnahmslos toll war dann doch keiner von uns.

Ich trag’s mit Fassung und bin gespannt, wie er den Maßstab demnächst in der Schule umsetzt. Das wird unterhaltsam.