Neue Sitten

Die Abende als Eltern, sie sehen anders aus als beim Rest der Welt. Dabei rede ich jetzt gar nicht davon, dass Eltern viel weniger ausgehen und wenn, dann immer mit viel Tamtam und Babysitter und all der jetzt-aber-mal-so-richtig-Erwartungshaltung, aus der spätestens um 22 Uhr die Luft heraus ist, weil sie nur noch müde in der Ecke sitzen und darauf warten, wann sie sich endlich unauffällig wieder nach Hause schleichen können.

Nein, davon rede ich gar nicht.

Ich rede vielmehr von der alltäglichen Routine, die in ihrer Konsequenz wohl wirklich nur Eltern kennen. Wir Eltern machen pünktlich Feierabend, um anschließend den Zen-Garten im Sandkasten zu harken. Bei uns Eltern gibt es nicht nur täglich, sondern auch noch zur immer gleichen Uhrzeit ein ordentliches Abendessen, bei dem die gesamte Familie mit am Tisch sitzt und das Weltgeschehen auswertet. Direkt danach werden auch fleißig die Zähne geputzt. Das gibt es sonst doch wirklich selten, oder? Gut, bei uns sind es auch nicht immer die eigenen, sondern meist eher die Zähne der Kinder, aber wir wollen mal nicht kleinlich werden. Danach werden noch ein paar Bücher gelesen und zack, geht’s ins Bett.

Das ist einfach. Das geschieht routiniert. Darauf ist Verlass.

Wie leider auch auf das Theater beim letzten Punkt: dem ins Bett gehen. Machen wir uns mal nichts vor, das läuft nicht immer ganz geradlinig, es läuft nicht immer nach Plan und es läuft nicht immer so, wie wir Eltern uns das vorstellen. Selbst, wenn wir glauben, dass wir die Kinder tagsüber gnadenlos K.O. gespielt haben und sie quasi schon mit der Zahnbürste in der Hand umkippen oder gleich im Stehen einschlafen müssten, schaffen sie es auf einmal, spontane Restreserven zu aktivieren und pünktlich nach der Gute-Nacht-Geschichte scheinbar wieder hellwach zu sein. Mit letzter Kraft reißen sie die Augen auf und erklären einem all die vielen kleinen Gründe, warum sie unmöglich jetzt gleich sofort einschlafen können. Mal sind es Geschichten, die sie selbst noch erzählen möchten. Mal sind es Erlebnisse vom Tag, die selbst nach dem Abendessen noch nicht verarbeitet sind und somit jetzt ausgewertet werden können. Und mal ist es eine Diskussion darüber, wer hier eigentlich wen ins Bett bringt.

Gerade die Tochter ist dabei sehr kreativ und meinungsstark. Bringt die Dame des Hauses sie ins Bett, hätte lieber ich es tun sollen. Drehen wir den Spieß um, ist genau das selbstverständlich die falsche Wahl. Und wenn die Tochter sagt, dass etwas falsch gewählt ist, dann wird das korrigiert, bitte. Dann wird nicht einfach an einer Entscheidung festgehalten, sondern diese wird revidiert. Es möchte bitte sofort das jeweils andere Elternteil vorstellig werden und für Ruhe sorgen. Also wirklich, was ist denn daran so schwer?

Der Sohn sitzt ruhig in seinem Zimmer, schüttelt leicht mit dem Kopf und fragt, ob wir dann endlich sein Buch zu Ende lesen können. Er würde jetzt gern Schlafen gehen. Was ihn von seiner Geschichte und dem Schlafen abhält, findet er auf einmal vollkommen unlogisch und überhaupt nicht nachvollziehbar. Was dieses ganze Theater denn bitte soll? Das kann man doch auch viel einfacher haben.

Heute hat er spontan vorgeschlagen, dass er einfach seine Schwester ins Bett bringt. Das würde auch nicht lange dauern und in der gewonnenen Zeit können wir doch dann ein paar Seiten extra in seinem Buch lesen, oder?

Tja, warum eigentlich nicht? Man muss auch mal Vertrauen haben. Der junge Mann kommt dieses Jahr schließlich in die Schule. Da kann er ruhig mal anfangen, etwas mehr Verantwortung hier im Haus zu übernehmen.

Und wenn man das genau betrachtet, eröffnet das jetzt vollkommen neue Möglichkeiten. Wenn das klappt, machen wir das ab sofort immer so. Dadurch gewinnen wir am Abend locker eine halbe Stunde, ach was: eine ganze Stunde extra Freizeit für uns Eltern. Was wir damit alles anstellen können! Jetzt lassen wir die Sau raus. Jetzt gibt es jeden Abend eine Party. Neue Zeiten brechen an. Die wilden Zeiten aus der Jungend: sie sind zurück!

Aber erst einmal sitzen wir angespannt auf dem Bett des Sohnes und warten, dass er wieder zurückkommt. Wir bewegen uns lieber nicht, schon gar nicht laut. Reden ist auch tabu. Wir drücken einfach still die Daumen, dass alles gut und nach Plan verläuft.

Nur gut, dass wenigstens zwei im Haus die Lage im Griff haben.